Heute sitzen Fluglotsen im Kontrollturm direkt am Rollfeld des Flughafens in Friedrichshafen und geben den Piloten Anweisungen für Start und Landung. Künftig könnte ihr Arbeitsplatz in Leipzig sein – in einem virtuellen Tower. Statt direktem Sichtkontakt steuern sie dann die Piloten via Monitoren, die 360-Grad-Bilder aus Kameras am Häfler Flughafen zeigen.

Seit zwei Wochen Remote Tower in Leipzig

Zukunftsmusik? Überhaupt nicht: Vor zwei Wochen hat die Deutsche Flugsicherung GmbH (DFS) den ersten sogenannten Remote Tower in Leipzig in Betrieb genommen. Von hier aus lenken und leiten die Lotsen den Flugverkehr am Flughafen Saarbrücken. Dieser ist nun der weltweit größte und erste internationale Airport, der im täglichen Betrieb aus 450 Kilometern Entfernung überwacht wird. Abstriche bei der Sicherheit gibt es nach DFS-Angaben nicht. Die Infrarottechnik gewähre den Lotsen nachts oder bei Nebel sogar bessere Sicht. Das System könne Bewegungen außerdem automatisch erkennen und verfolgen.

Flughafen-Eigentümer entscheidet

Bei Saarbrücken bleibt es nicht. Die Lotsen in Leipzig sollen im nächsten Jahr die Flugsicherung auf dem Regionalflughafen in Erfurt und bis 2022 auch in Dresden übernehmen, erklärt DFS-Pressesprecher Christian Hoppe im Gespräch mit unserer Zeitung. Auch am Bodensee-Airport könnte die Fernsteuerung zum Einsatz kommen. "Ja, das wäre nach unserer Einschätzung machbar", sagt Hoppe. Die neue Technik sei für kleinere und mittelgroße Flughäfen entwickelt worden, die sich so die Kosten für einen eigenen Tower sparen können. "Die Entscheidung muss der Eigentümer treffen", sagt Hoppe.

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Kein Geld für Tower-Neubau

Diese Entscheidung steht in Friedrichshafen an. Der in den 1950er Jahren gebaute Kontrollturm ist sanierungsbedürftig und bietet nicht mehr ausreichend Platz. Ein Neubau würde Millionen kosten, die die Flughafen Friedrichshafen GmbH (FFG) nicht auf der hohen Kante hat. Die beiden Haupteigner Stadt Friedrichshafen und Bodenseekreis, die zusammen knapp 90 Prozent der Anteile halten, haben erst im vergangenen Jahr neue Darlehen von 17,4 Millionen Euro bewilligt, um die FFG ein Stück weit zu entschulden und nötige Investitionen zu finanzieren. Das Land Baden-Württemberg ist mit rund 5,7 Prozent am Flughafen beteiligt, sträubt sich aber, Investitionskosten mitzutragen, die die regionalen Mitgesellschafter einfordern.

Mit Remote-Technik wäre kein neuer Tower nötig

Mit der Remote-Technik wäre der Tower-Neubau nicht mehr nötig. Deshalb ist für FFG-Chef Claus-Dieter Wehr die Fernsteuerung des Flugbetriebs in Friedrichshafen eine Alternative. Vor diesem Hintergrund wurde im Januar die DFS Aviation Services als neuer Dienstleister für die Überwachung des Flugverkehrs ab Juli 2018 verpflichtet. Die DFS Aviation Services hat zusammen mit dem österreichischen Unternehmen Frequentis, das die Fernsteuerung für Flughäfen entwickelte, die Frequentis DFS Aerosense GmbH gegründet, mit der man weltweit den Remote Tower vermarktet. Die DFS Aviation Services hat das Know-how für die neue Technik quasi im Haus.

Besonderheiten in Friedrichshafen zu beachten

Claus-Dieter Wehr, Geschäftsführer der Flughafen Friedrichshafen GmbH: "Die Fernsteuerung ist eine zukunftsweisende Technik. Aber wir haben Besonderheiten am Platz in Friedrichshafen."
Claus-Dieter Wehr, Geschäftsführer der Flughafen Friedrichshafen GmbH: "Die Fernsteuerung ist eine zukunftsweisende Technik. Aber wir haben Besonderheiten am Platz in Friedrichshafen." | Bild: Cuko, Katy

Am Thema Tower ist Claus-Dieter Wehr schon lange dran. Ende 2016, Anfang 2017 habe die FFG den Markt erkundet und Unterlagen an Firmen geschickt, um Angebote einzuholen – sowohl für den klassischen Kontrollturm als auch für den Remote Tower. "Im Moment sind wir dabei, den nächsten Schritt aufs Gleis zu setzen", sagt Wehr. Die Fernsteuerung sei eine zukunftsweisende Technik, aber in Friedrichshafen seien ein paar Besonderheiten zu beachten.

Viele Starts und Landungen

Zum einen wird der ganze Flugverkehr der Zeppeline über den Flughafentower mit abgewickelt. Zum anderen sind bei der Messe "Aero" enorme Flugbewegungen binnen weniger Tage zu managen. Nach FFG-Angaben gab es am Bodensee-Airport im vergangenen Jahr insgesamt 34 507 Starts und Landungen, im Vorjahr mit knapp 41 400 Flügen deutlich mehr bei rund 520 000 Passagieren. Zum Vergleich: Der Flughafen Saarbrücken zählte im vergangenen Jahr rund 400 000 Passagiere bei knapp 15 300 Flugbewegungen. Auch der Flughafen Erfurt spielt mit rund 14 500 Flügen (2017) in dieser Liga. Der Luftverkehr in Dresden ist mit rund 36 500 Flügen jährlich in einer ähnlichen Größenordnung wie in Friedrichshafen. Hier ist die Flugsicherung via Fernsteuerung in den nächsten Jahren fest eingeplant.

Flugverkehr im deutschen Luftraum wrid aus vier großen Zentralen überwacht

Dass Fluglotsen keinen direkten Sichtkontakt zu den Flugzeugen haben, die sie kontrollieren, ist außerhalb des Towers längst üblich. Die DFS überwacht den Flugverkehr im deutschen Luftraum in vier großen Kontrollzentralen in Langen, Bremen, München und Karlsruhe. Dass nun auch Starts und Landungen an den Flughäfen aus der Ferne kontrolliert werden, ist für die DFS der logische nächste Schritt.