Wer gründet, braucht ein Netzwerk und einen Arbeitsplatz. Mit beidem wirbt "Coworking Seestatt", dem größten Coworking-Platz in Friedrichshafen. Hier gibt es moderne Räume mit Schreibtischen, schnelles W-Lan, nette Kollegen und das Feierabendbier zum Komplettpreis. Kleine Firmen, Gründer, Start-ups, Freiberufler und digitale Nomaden arbeiten gemeinsam auf einer 340 Quadratmeter großen Fläche nahe des Stadtbahnhofs – und sind dennoch völlig unabhängig voneinander.

Stefan Nachbaur, Prisma-Geschäftsführer im Herzstück des Coworking-Platzes, der Küche. <em>Bild: Sabine Wienrich</em>
Stefan Nachbaur, Prisma-Geschäftsführer im Herzstück des Coworking-Platzes, der Küche. Bild: Sabine Wienrich | Bild: Wienrich, Sabine

„Hier haben junge Gründer die Möglichkeit für relativ wenig Geld in ein professionelles Umfeld zu kommen“, erklärt Prisma-Geschäftsführer Stefan Nachbaur, der den 2016 fertiggestellten Neubau "Seestatt" in der Friedrichstraße betreut. Eigentümer der vier dazugehörigen Gebäude ist die Prisma Holding AG mit Hauptsitz in Dornbirn, Vorarlberg, ein Dienstleister in der Standortentwicklung. Das Konzept von Seestatt ist simpel: Hier finden etablierte Unternehmen, wie beispielsweise eine größere Technologiefirma oder eine Patenanwaltskanzlei genauso einen Platz wie junge Existenzgründer und Einzelunternehmer. Während sich die Etablierten größere, separate Räumlichkeiten mieten, kommen die Gründer im Coworking-Bereich zusammen.

Vermietet wird sogar tagesweise

Vermietet werden die Arbeitsplätze tageweise (15 Euro), monatlich (ab 175 Euro) oder jährlich. Ganz Flexible können sogar Zehnerkarten nutzen. Es gibt Arbeitsplätze an langen Tischen in offenen Bereichen, aber auch kleinere und größere Einzelbüros – je nach Bedarf. Alle Plätze sind möbliert, mit W-Lan ausgestattet und werden regelmäßig gereinigt. Wer gründet, hat schließlich genug mit dem Start-up zu tun und will sich nicht noch mit der Putzhilfe oder nervigen Internet-Anbietern auseinandersetzen. Genutzt werden können außerdem Besprechungszimmer und eine modern gestaltete Küche. „Hier treffen sich die Coworker auch regelmäßig, tauschen sich über ihre Projekte aus, geben einander Tipps“, berichtet Nachbaur.

Christiane Klaas an einem der flexibel buchbaren Arbeitsplätze. Ein Tagesticket gibt für 15 Euro. <em>Bild: Prisma</em>
Christiane Klaas an einem der flexibel buchbaren Arbeitsplätze. Ein Tagesticket gibt für 15 Euro. Bild: Prisma | Bild: Prisma

Der Megatrend Coworking ist also kein Berlin- oder Hamburg-Phänomen mehr, sondern längst am östlichen Bodenseeufer angekommen. Auch in kleineren Städten wie Überlingen, Langenargen und Tettnang gibt es die Bürogemeinschaften und Arbeitsnetzwerke, Tendenz steigend. In Friedrichshafen gibt es neben dem Coworking-Platz in der Seestatt noch einen zweiten auf dem Fallenbrunnen-Gelände, den eine kleine Medienagentur verwaltet. Doch warum sind die Arbeitsplätze zur Miete so attraktiv? Und warum gelten sie als der zukunftsweisend für die Büro- und Arbeitskonzepte etablierter Unternehmen?

Kundengespräche lieber im Büro führen als im Wohnzimmer

Stefan Dürnay, Gründer des Beratungsunternehmens Dürnay Consulting, hat sich vor knapp einem Jahr ein kleines Einzelbüro auf der Coworking-Fläche in der Seestatt gemietet – und fühlt sich pudelwohl in dem Umfeld. "Es ist einfach perfekt hier, wenn man gerade ein Unternehmen aufbaut", sagt er und spricht vom guten Netzwerk und der tollen Zusammenarbeit mit anderen Freiberuflern. Aber nicht nur die Community war entscheidend für Dürnay, sich in einem Coworking-Büro einzumieten, sondern auch der Wunsch, Arbeit und Privatleben ein kleines Stück voneinander zu trennen. "Ich will morgens aus dem Haus gehen, ins Büro", erklärt Dürnay, "und ich will keine Kundengespräche im Wohnzimmer führen."

Kombination aus Freiheit, Unabhängigkeit, Strukturierung und Community

Flexibilität, Unabhängigkeit – und trotzdem kein Einzelkämpfer sein und ein gutes Netzwerk mit einem professionellen Austausch zu haben – das ist die Mischung, die die Faszination von Coworking ausmacht. Das meinen zumindest Klaus-Peter Stiefel und Stefan Rief vom Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart, die den Trend Coworking über viele Jahre hinweg erforscht und untersucht haben. Ihr Fazit: Es ist "die einzigartige Kombination aus Freiheit, Unabhängigkeit. Strukturierung und Community", die das Coworking so besonders und eben auch so leistungsfähig macht. Stiefel und Rief sind sich sicher, dass dieses recht neue Arbeitskonzept nicht nur für Freiberufler und Start-ups eine große Chance bietet, sondern auch für etablierte Unternehmen. Bereits heute findet zwischen den Coworkern in der Seestatt und etablierten Firmen aus dem "Competence Park", der ebenfalls von Prisma betrieben wird, ein regelmäßiger Austausch statt.

Auch etablierte Unternehmen nutzen Austausch

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Hochqualifizierte Mitarbeiter aus völlig unterschiedlichen Bereichen treffen aufeinander und erarbeiten gemeinsam Lösungen und Ideen – das ist es, was auch in der hiesigen Industrie, wie beispielsweise mit Hilfe des offenen Bürokonzepts der ZF AG im "Forum", immer häufiger umgesetzt wird. Die Globalisierung und Digitalisierung erfordern neue Arbeitsprozesse, flexible Modelle – und ganz neue, innovative Arbeitsformen. "Die Digitalisierung wirft den Menschen auf sein Menschsein zurück – vor allem im Arbeitsleben. Wenn Maschinen künftig bestimmte Arbeiten besser verrichten können als der Mensch, beginnen wir, über den Sinn der Arbeit nachzudenken", schreibt das Zukunftsinstitut über das "New Work", also die Arbeitswelt von morgen. Kurz: es geht darum, das kreative Potenzial jedes Einzelnen möglichst gut zu nutzen – und das funktioniert am besten durch gegenseitigen Austausch. Coworking könnte also die Antwort auf die Frage nach der Zukunft der Arbeit sein.

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