Er ruft zu jeder Tages- und Nachtzeit an, bombardiert mit Mails oder Facebook-Nachrichten, wartet im Auto vor der Wohnung oder taucht beim Einkaufen und im Verein auf. Manche stöhnen ins Telefon, installieren Spionagesoftware auf Handys oder schicken Drohbriefe: Stalker lassen ihre Opfer nicht zur Ruhe kommen. "Das ist extreme psychische Gewalt", sagt Antje Noack vom Verein Frauen helfen Frauen. Meistens sind es Männer, die ihre Ex-Partnerinnen belästigen.

Besonders gravierender Fall

An einen Fall erinnert Noack sich besonders gut. "Da hat mich nicht nur die betroffene Frau angerufen, sondern auch die Mutter vom Ex-Partner, weil sie sich solche Sorgen gemacht hat", sagt sie. Der ehemalige Freund der Betroffenen war bewaffnet und schon vorher gewalttätig gewesen. Er lauerte ihr überall auf, sogar am Arbeitsplatz. "Das war so massiv, dass sie schließlich in ein anderes Bundesland gezogen ist, obwohl sie hier Freunde und einen super Job hatte."

Auch Vermieter, Nachbarn oder Chefs stalken

In die Häfler Beratungsstelle des Vereins kommen nicht nur Frauen, die mit ehemaligen Partnern oder abgewiesenen Verehrern Probleme haben. Auch Vermieter, Nachbarn oder Chefs stalken. "Besonders schwerwiegend sind Fälle, in denen die Täter aus der Herkunftsfamilie kommen", sagt Noack.

Oft ist auch Gewalt im Spiel

Oft ist Gewalt oder sexueller Missbrauch im Spiel. Die Tochter oder Schwester versucht, dem zu entkommen. Vater oder Brüder wollen sie nicht nur halten, sondern um fast jeden Preis verhindern, dass dunkle Familiengeheimnisse nach außen dringen. Es kommt auch vor, dass junge Frauen ein anderes Leben wünschen als ihre Familie sich das vorstellt, oder einer Zwangsverheiratung entgehen wollen. "Da suchen Eltern oder Brüder den Kontakt, um die Schwester in Schach zu halten."

Es geht den Tätern um Macht

Beim Stalking geht es um Macht: Der Stalker will Einfluss auf das Leben des Opfers gewinnen, das Opfer soll sich möglichst viel mit ihm befassen. Oft funktioniert das: "Die Frauen haben Angst, die Wohnung zu verlassen. Sie haben ständig Angst, ihm bei alltäglichen Dingen zu begegnen, der gewöhnliche Tagesablauf ist nicht mehr möglich", sagt Linda Fath, Praktikantin bei dem Verein. "Das hat körperliche Auswirkungen wie Kopfweh, Magen-Darm-Probleme oder Schlafstörungen." Manche ziehen sich in völlige Isolation zurück.

Soziale Netzwerke verschärfen Thema

Im Awo-Frauen-und-Kinderschutzhaus im Bodenseekreis kommen Stalking-Fälle meist in Verbindung mit häuslicher Gewalt, extremer Kontrolle durch den Gewalttäter und sozialer Isolierung vor. Die Mitarbeiterinnen beobachten, dass soziale Netzwerke und Smartphones das Thema verschärfen. Diese erleichtern es, jemanden zu orten oder das soziale Leben auszuloten. Im Frauenhaus, das als anonyme Einrichtung Schutz bietet, dürfen daher internetfähige Geräte und soziale Netzwerke nicht genutzt werden.

Polizei meldet Anstieg der Fälle zwischen 2013 und 2017

Auch die Polizei nimmt das Thema ernst. "Die Fallzahlen beim Stalking bewegen sich sowohl im gesamten Präsidiumsbereich als auch im Bodenseekreis im Jahr 2017 ungefähr auf dem Niveau des Fünfjahresmittelwerts", sagt Polizeipressesprecher Markus Sauter. Im Bereich des Polizeipräsidiums Konstanz werden jährlich etwa 100 Fälle von Nachstellungen erfasst. Im Bodenseekreis ist die Zahl von 2013 bis 2017 von 18 auf 23 gestiegen.

Opfer sollen Anzeige erstatten

Die Polizei rät Betroffenen, sich nicht auf ein Gespräch mit Stalker oder Stalkerin einzulassen und Anzeige zu erstatten. "Von wenigen Ausnahmen abgesehen, hat sich gezeigt, dass vor allem schnelles und konsequentes Einschreiten der Polizei gegen den Stalker Wirkung zeigt und die Belästigungen nach einer Anzeige häufig aufhören", so die Polizei. Betroffene sollten alle Anrufe, Nachrichten, Briefe oder sonstige Kontakte dokumentieren. Auch die Anschaffung technischer Hilfsmittel wie Anrufbeantworter oder Kameras könne hilfreich sein. Die Beraterinnen von Frauen helfen Frauen empfehlen, vielen Menschen im Umfeld vom Stalking zu erzählen und sich Rückendeckung bei Familie oder Freunden zu holen.

Austausch in einer Selbsthilfegruppe

Das Landratsamt plant, eine Selbsthilfegruppe für von Stalking betroffene Frauen einzurichten. Eine solche Gruppe bestand 2013 schon einmal, löste sich aber auf. "Nun soll die Gruppe neu gegründet werden. Häufig und auch in diesem Fall war es so, dass sich Betroffene an uns wenden oder wir durch Gespräche auf so ein Thema aufmerksam werden", sagt Pressesprecher Robert Schwarz. Die Gruppe soll sich regelmäßig in Friedrichshafen treffen, um sich über ihre Lebenssituation auszutauschen und gemeinsam nach Möglichkeiten zu suchen, trotz Stalking wieder Normalität entstehen zu lassen. Schwarz rechnet mit einem ersten Treffen noch vor den Sommerferien.