Der chitingepanzerte Käfer hat es längst erfunden: das sogenannte „Exoskelett“, eine stabile Haltestruktur für den Körper, das anders als ein Knochenskelett nicht im Inneren des Körpers liegt, sondern ihn von außen umschließt.

Wenn nun ein Mensch ein Exoskelett trägt, befindet man sich entweder in Kafkas Novelle „Die Verwandlung“ oder auf dem Forschungsgebiet von Volker Bartenbach. Bartenbach ist Promotionsstudent am Labor für Sensomotorische Systeme der ETH Zürich, und mit seinen Kollegen arbeitet er an Exoskeletten für den Menschen. Ungefähr seit 2001 wendet sich die Wissenschaft verstärkt den Exoskeletten zu. Sie sollen ihren Träger leistungsfähiger machen, als es es von Natur aus ist – er kann dadurch etwa stärker und ausdauernder werden, fast wie in Superhelden-Comics. Das Exoskelett kann aber auch helfen, ein körperliches Gebrechen auszugleichen, etwa bei einer Querschnittslähmung. Es kann einen Rollstuhl ersetzen, indem es seinem Träger wieder zur Gehfähigkeit verhilft; und in der Therapie findet es Verwendung, um etwa Schlaganfallpatienten wieder an die Bewegungsabläufe des Gehens zu gewöhnen – das Geh-Muster ist dem Exoskelett einprogrammiert.

Ein Exoskelett ist ein „Roboter zum Anziehen“. Es orientiert sich in der Form am menschlichen Körper, was sich besonders an den Gelenken zeigt: Wo Ellbogen und Knie sich befinden, liegen beim Exoskelett motorgetriebene Gelenke. Ansonsten kann der Aufbau ganz unterschiedlich sein. Viele der therapeutischen Exoskelette in Bartenbachs Bildvortrag suchen die „schlanke Linie“, minimieren also den Materialaufwand, um ein einigermaßen natürliches Tragegefühl zu bewirken. Die Gliedmaßen werden dabei teils nur von Metallstäben flankiert. Anders ist das bei „Exos“, die einem gesunden Menschen exorbitante Kräfte verleihen sollen. Sie können über Greifhände verfügen, die ihr Träger steuert, und manche dieser Leistungssteigerungs-Orthesen umfangen den Körper massig wie Legosteine, die an den Gliedern eines Playmobilmännchens befestigt wurden. Kein Wunder, wenn es ein Mensch mit einem Gabelstapler aufnehmen soll. Kraft auch mit filigraner Beweglichkeit zu verbinden, ist aber noch eine Herausforderung für die Forscher.

Wie alltagstauglich sind Exoskelette zur Kompensierung von Behinderungen? Bereits 2012 lief die gelähmte Claire Lomas mit einem batteriebetriebenen Exoskelett den London Marathon – allerdings benötigte sie für die Strecke 18 Tage. Wie schnell und geschickt man mit Exoskeletten gehen kann, hängt neben dem Modell von der Art der körperlichen Einschränkung ab. Heute liegt die durchschnittliche Gehgeschwindigkeit mit Exoskelett bei etwa 2,8 Stundenkilometern – rund der Hälfte des Tempos eines gesunden Menschen. Vom natürlichen Bewegungsfluss ist man mit Exoskelett noch entfernt; allein schon, weil das künstliche Skelett dem Träger beim Gehen die Balance des Gleichgewichts nicht abnimmt; Gehstöcke müssen das kompensieren. Auch die Schwerpunktverlagerung – Voraussetzung dafür, einen Fuß vor den anderen zu setzen – muss vom Träger geleistet werden. Das setzt bei Querschnittslähmungen wiederum voraus, dass im Oberkörper noch eine Restbeweglichkeit vorhanden ist.

Ist ein Exoskelett also wirklich eine Alternative zum Rollstuhl? Das hängt von der Art der Behinderung ebenso ab wie von der Frage, ob man mit dem „Exo“ emotional „warm“ wird. Wenn man mehrere Jahre im Rollstuhl saß, sagt ein Betroffener im Publikum, könne das Gefühl, wieder stehen und den Bewegunsablauf des Gehens realisieren zu können, ein ungeheures Erlebnis sein.

Den Stand der Forschung können alle Interessierten bald erkunden: Am 8. Oktober findet in der Swiss Arena in Zürich-Kloten der „Cybathlon“ (www.cybathlon.com) statt – ein Wettkampf für Athleten mit Behinderungen, bei dem internationale Forschungsteams auch ihre Exoskelett-Projekte vorstellen, in einem Parcours, der den Teilnehmern vielfältige Alltagsbewegungen abverlangt.