Es gab die Petition „Aufleben in FN“, das Quorum wurde erreicht und Unterschriftenlisten an Bürgermeister Andreas Köster übergeben. Das mag den Eindruck erwecken, dass jetzt die Stadt an der Reihe sei. Oder der Gemeinderat, dessen Mitglieder nach Abschluss der Unterschriftensammlung um Stellungnahmen gebeten wurden.

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Wünsche an eine lebendige Stadt sind vielfältig

Wie schon der Petitionstext an sich machen die Diskussionen, die während und im Anschluss an die Unterschriftensammlung aufgeflammt sind, aber ganz deutlich: Ganz so einfach ist das nicht. Zu vielfältig sind etwa die Wünsche an eine lebendige Stadt.Bis auf jene, aus deren Sicht ein wie auch immer geartetes Aufleben-Lassen gar nicht erforderlich ist, werden viele auf die eine oder andere Art gefragt sein – und sei es einfach als Gast.

Viele Diskussionen seit Petitionsbeginn

Ein derzeit überaus gefragter Gast ist Alissa Lipp, Initiatorin der Petition und der gleichnamigen Initiative. Das gilt für Veranstaltungen wie das erste Häfler Oktoberfest oder den Street-Food-Markt am vergangenen Wochenende, das gilt aber auch für fraktionsinterne sowie öffentliche Gesprächsrunden.

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Am Dienstagabend nahm Lipp an einer von der Häfler SPD organisierten Diskussion, dem „Salon Rouge“, teil, Thema: „Braucht Friedrichshafen (Wieder-) Belebungsmaßnahmen?“

Vom kulturellen Angebot her alles andere als #Friedhofshafen

Was kulturelle Angebote anbelangt, nicht. „In Friedrichshafen gibt es ein tolles, vielschichtiges Kulturprogramm“, sagte Claus-Michael Haydt, Geschäftsführer der Kulturhaus Caserne gGmbH, eingangs. Eine Aussage, die unbestritten bleiben sollte. Aus Haydts Sicht muss der Weg „weg vom Silodenken“ führen. Über eine vernetztere Herangehensweise und das Herausarbeiten der Dinge, die es schon gibt, sowie der Stärken der verschiedenen Spielorte ließen sich mögliche Defizite ausgleichen. „Friedhofshafen“ sehe er nicht, schlussfolgere aus den Diskussionen aber ohnehin, dass ein Aufleben insbesondere im Innenstadtbereich gefragt ist.

Fürs Cocktail-Trinken „aus den Gehirnen ge-x-t“

„Was Hoch- und Alternativkultur anbelangt, sind wir versorgt“, sagte Alissa Lipp. Anders sehe das in Sachen Mainstream aus. Dabei gehe es nicht unbedingt um laute Partys mit viel Alkohol, verwies sie auf Ideen, die während der Petition bereits gesammelt wurden. Ihr sei im Bekanntenkreis aber beispielsweise aufgefallen: „Fürs Cocktails-Trinken ist die Option Friedrichshafen schon aus den Gehirnen ge-x-t.“

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Eine Diskussionsteilnehmerin schilderte, schon oft zu späterer Stunde vergeblich nach einer Möglichkeit gesucht zu haben, den Abend gemütlich ausklingen zu lassen. Vage blieb in der Diskussion letztlich, was Mainstream genau ausmacht. Der Street Food Markt aber scheint in diese Schublade zu passen. „Und wir hatten annähernd 10 000 Besucher“, gab dessen Veranstalter Markus Fetscher zu bedenken.

Wie lässt sich die Innenstadt beleben?

Was aus Sicht von Karl-Heinz Mommertz fehlt – und da seien sich alle Parteien im Kommunalwahlkampf einig gewesen – ist eine belebte Innenstadt. „Und das liegt an der Aufenthaltsqualität“, sagte der Häfler und langjährige Stadtrat, der sich noch gut an Zeiten erinnert, in denen das Gefälle in Friedrichshafen anders aussah: „In den 50er Jahren gab es allein in der Karlstraße bestimmt zehn Kneipen – aber es war kulturell nichts geboten.“

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Hohe Mieten in der Innenstadt

Angesichts der Quadratmeterpreise, wie sie heute in der Häfler Innenstadt herrschen, sei eine Kneipe kaum zu betreiben. „Probleme, die wir nicht ohne die Stadt lösen können“, sagte Mommertz. „Man kann niemanden zwingen, zum Selbstzweck eine Kneipe aufzumachen“, sagte Bernd Eiberger, stellvertretender Leiter des Kulturhauses Caserne.

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Fehlen also schlicht Kneipen? Reicht eine schönere Innenstadt? Mangelt es an einem umfassenderen Veranstaltungskalender oder steht das Thema Lärmschutz einem Aufleben im Sinne derer, die über „Friedhofshafen“ frotzeln, im Wege? Es dürfte etwas von allem sein – und noch viel mehr.

Der neue Gemeinderat bei seiner ersten Sitzung am 30. September 2019.
Der neue Gemeinderat bei seiner ersten Sitzung am 30. September 2019. | Bild: Kerstin Mommsen

So reagieren Gemeinderäte

17 Gemeinderäte haben bis Mittwochnachmittag auf die Anfrage von „Open Petition“ reagiert. Ihre Stellungnahmen – manche mit ausführlicher Begründung, andere nicht – sind auf der Petitions-Webseite zu finden. Einige Auszüge:

  • Er werde es befürworten, das Anliegen der Petition auf Basis der im Isek-Prozess entwickelten „Leitlinien Bürgerbeteiligung“ zu unterstützen, schreibt Achim Brotzer (CDU). „Welche konkret realisierbaren Aspekte umgesetzt werden können, kann und muss im Beteiligungsprozess betrachtet und entschieden werden.“
  • „Generell halte ich die Petition schon deshalb für fruchtbar und sinnvoll, da diese bereits zu Beginn des Petitionszeitraums einen offenen Diskurs über das Ausgeh- und Nachtleben in FN ausgelöst hat, sich verschiedene Akteure (...) miteinbringen und die Initiatorin Alissa Lipp in ihrer Freizeit und mit ihrer Perspektive von außen den Diskurs leitet und mitbestimmt“, schreibt Anna Hochmuth (Grüne).
  • Viele Anregungen für ein Aufleben seien eingebracht worden, die Christine Heimpel (Grüne) zufolge jetzt den zuständigen Akteuren zugeordnet werden müssen. Für den Gemeinderat sieht sie bei verschiedenen Aspekten die Möglichkeit einer politischen Einflussnahme, etwa zu Rahmenbedingungen, wie Lärm (begrenzt), Gebühren oder Veranstaltungsorten.
  • „Auch wenn nicht alle Ideen und Forderungen durch Gemeinderat und Verwaltung umgesetzt werden können, so können wir mit dem Setzen der erforderlichen Rahmenbedingungen doch einen wesentlichen Beitrag dazu leisten“, meint Felix Bohnacker (Grüne).
  • Als wünschenswert bezeichnet Regine Ankermann eine Belebung, die sich ihr zufolge nicht auf die Innenstadt konzentrieren sollte. In der von „Aufleben“ gewünschten Form könne diese Belebung nur begrenzt von Gemeinderat oder Stadt betrieben werden. „Wenn eine Belebung wirklich Erfolg haben soll, müssten bereits vorhandene Initiativen für Kooperationen mit ins Boot geholt werden.“
  • „Ich unterstütze die Aktion. Jedoch mit dem richtigen Blick aufs Ganze“, schreibt Thomas Pohl (Freie Wähler). Unsere Stadt habe es nicht verdient, „Friedhofshafen“ genannt zu werden. Was Friedrichshafen fehle: eine „attraktive Barszene für Jung und Alt“. Pohl gibt zu bedenken, dass die Stadt nur begrenzt Abhilfe schaffen kann: indem sie die Grundlage schafft, dass sich Gastronomen ansiedeln wollen.
  • Der Stellungnahme von Werner Nuber (SPD) zufolge gilt es, zur Steigerung der Attraktivität der Innenstadt, neben der Weiterentwicklung der vielfältigen Events eine sukzessive ‚Verschönerung‘ der Plätze und Straßen hinzubekommen. „Hierzu werden viele produktive, gesellschaftliche Kräfte der Stadt (...) benötigt, ebenso aber auch eine aufgeschlossene Nachbar- und Bürgerschaft.“
  • „Die Innenstadt braucht eine Belebung, um attraktiver zu werden“, schreibt Gabriele Pferd (SPD) und weist auf Themen hin, für die sich die SPD einsetzen wolle. Rudi Krafcsik zählt dazu unter anderem die Schaffung von unvergesslichen Plätzen, ein attraktives Beleuchtungskonzept und einen Neubau an Stelle des alten Zollamtes auf. Pferd gibt zu bedenken: „Anregungen und Ideen von Bürgern können nur begrenzt von Stadt und Gemeinderat umgesetzt werden.“
  • „Besonders die Innenstadt von Friedrichshafen braucht neue Impulse: neue Kneipen, eine höhere Aufenthaltsqualität der Plätze und Straßen, eine neue und tolerante Polizeiverordnung“, meint Philipp Fuhrmann (Netzwerk für Friedrichshafen). Das Netzwerk werde sich zudem dafür einsetzen, das RAB-Gelände zum innerstädtischen Szeneviertel zu entwickeln.

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