40 zum Teil schwer verletzte Terroropfer in wenigen Stunden zu versorgen, ist für ein Krankenhaus wie das in Friedrichshafen ein Kraftakt. „Normal sind zwei Schwerverletzte pro Tag“, sagt Martin Eble, der die Großübung von Polizei und Bundeswehr am vergangenen Samstag, in die das Klinikum eingebunden war, vor Ort monatelang vorbereitet hat. Der geschäftsführende Oberarzt am Klinikum verfolgte daher sehr genau, ob der in den letzten zwei Jahren etablierte Alarm- und Einsatzplan für den Ernstfall taugt.

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Dabei war das Übungsszenario – ein Terroranschlag mitten in der Konstanzer Innenstadt mit Toten und über 100 Verletzten – nicht aus der Luft gegriffen. Die Gefahr terroristischer Angriffe ist gewachsen, was nicht nur der Anschlag auf eine Synagoge in Halle nur wenige Tage vor der Großübung zeigte. Deshalb gründete sich bereits vor zwei Jahren die Arbeitsgemeinschaft Klinikübergreifende Sicherheitskonferenz (Klüsiko) in Baden-Württemberg.

Ihr Ziel: Die Krankenhäuser im Land wollen sich besser auf mögliche Terroranschläge mit vielen Verletzten sowie Angriffe gegen Rettungskräfte vorbereiten. Mit dabei ist das Klinikum Friedrichshafen, das laut Eble Teil dieses Netzwerks sein will. Ohnehin sind laut Landeskatastrophenschutzgesetz öffentlich geförderte Krankenhäuser dazu verpflichtet, selbst für ihre Einsatzfähigkeit im Katastrophen- oder Terrorfall zu sorgen.

Ein Polizeihubschrauber bringt ein Terroropfer direkt ins Krankenhaus – ein Novum nur im Katastrophen- oder Terrorfall.
Ein Polizeihubschrauber bringt ein Terroropfer direkt ins Krankenhaus – ein Novum nur im Katastrophen- oder Terrorfall. | Bild: Cuko, Katy

Die Schwierigkeit liegt dann darin, „aus dem Chaos heraus Struktur aufzubauen“, erklärte Reinhard Stadler, einer der Leitenden Notärzte im Bodenseekreis, am Samstag während der Übung. Handlungsanleitung dafür ist der Alarm- und Einsatzplan. Der sieht acht unterschiedliche Szenarien vor – von der Entfernung gefährlicher Substanzen über einen direkten Terrorangriff oder der Evakuierung des Krankenhauses bis hin zum nun erstmals geprobten Massenanfall von Verletzten.

Alarmierung in drei Stufen

Auch für die Alarmierung gibt es drei Stufen, erklärt Martin Eble. In der ersten Alarmstufe wird ein interner Krisenstab gebildet. Diese Szenario kam bereits zum Einsatz, als sich im Klinikum 2018 ein verurteilter Straftäter versteckt hatte und hier auch dingfest gemacht wurde. Sind vier bis zehn Verletzte beispielsweise nach einem schweren Unfall avisiert, wird ein Teil der Mitarbeiter alarmiert, so Eble. Ab zehn Verletzten gebe es Vollalarm, was heißt, dass die komplette Belegschaft alarmiert wird – so wie am Samstag.

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36 Stunden nach Abschluss der Übung bedankte sich MartinEble bei allen Beteiligten. Nicht nur die Alarmierung der Mitarbeiter mit dem neuen, automatisierten System habe geklappt. Bewährt habe sich auch die Organisationsstruktur im Krisenfall, die eigentlich gar nicht zu einem Klinikbetrieb passt. Wie bei Feuerwehr oder Sanitätsdiensten werden die Aufgaben dann nach Sachgebieten und Einsatzabschnitten gegliedert. Stabsstellen werden gebildet, die sich um Personal, Lage, Einsatztaktik, Technik, EDV, Medien bis hin zur Seelsorge kümmern.

Bei der Übung nach dem Alarm- und Einsatzplan wurden die Opfer vor dem Zelt nach der Schwere ihrer Verletzung nach dem Ampelsystem für die Weiterbehandlung sortiert.
Bei der Übung nach dem Alarm- und Einsatzplan wurden die Opfer vor dem Zelt nach der Schwere ihrer Verletzung nach dem Ampelsystem für die Weiterbehandlung sortiert. | Bild: Cuko, Katy

„Beeindruckend war auch die Zusammenarbeit unterschiedlichster klinischer Fachdisziplinen an einem Behandlungsplatz“, sagt Martin Eble. So wurden die Schwerstverletzten direkt in den OP gebracht, wo vom OP-Manager über den Anästhesisten, Chirurgen, Internisten bis zu den OP- und Anästhesiepflegern alles Hand in Hand gehen musste. „Das Zusammenspiel nach der Alarmierung und das exakte Einhalten dieser Strukturen hat im Zuge der Übung zu einer sehr effektiven und nahezu reibungslosen Versorgung aller Patienten geführt“, urteilt Martin Eble. Er lobt nicht zuletzt die gelungene Zusammenarbeit mit Feuerwehr und Sanitätsdiensten. „Es war uns auch wichtig, sich besser kennen zu lernen“, sagt er, denn „in Krisen müsse man Köpfe kennen“.

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Also alles im grünen Bereich für den Ernstfall? Nicht ganz, sagt Martin Eble. Die technische Infrastruktur, zum Beispiel Laptops für die Erfassung von Patienten oder flexibel einsatzbare Behandlungswagen, müssten noch ergänzt werden. Man werde das Übungsergebnis aber in die Planung der neuen Zentralen Notaufnahme einfließen lassen.

Echter Katastrophenfall 2002 beim Flugzeugabsturz

Gab es schon mal einen echten Katastrophenfall? Ja, sagt Martin Eble. Als am 1. Juli 2002 eine Passagiermaschine und eine Fracht-Boeing über Überlingen zusammen krachten. Zu retten war keiner mehr der 71 Insassen, darunter 49 Schulkinder aus Baschkirien, die ihre Ferien in Spanien verbringen wollten. Auch damals wurden Ärzte und Pfleger alarmiert. Doch nur noch die Leichenteile kamen ins Häfler Krankenhaus.