Friedrichshafen – Für Investoren klingt dieses Angebot verlockend: 72 Quadratmeter, drei Zimmer, Heinrich-Heine-Straße, 130.000 Euro. Oder dieses: 60 Quadratmeter, zwei Zimmer, Landeröschstraße, 100.000 Euro. Bei beiden Anlageobjekten handelt es sich um Restbestände der einst öffentlich geförderten Wohnungen der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW).

Sie wechselten in den vergangenen Jahren mehrmals den Besitzer – und werden jetzt von Immobiliengesellschaften wie Südwert und Vonovia (ehemalige Deutsche Annington) gewinnbringend an Anleger verkauft. Die aktuellen Mieter dürfen aufgrund einer umfangreichen Sozialcharta bleiben, solange sie die Miete bezahlen können – und keinen Grund zur außerordentlichen Kündigung geben. Doch der einstige soziale Wohnraum, den die Stadt Friedrichshafen mehr denn je benötigt, der ist für immer verloren.
 

Beispiel Heinrich-Heine-Straße 2 bis 14. Vor 15 Jahren noch waren die drei Wohnblöcke aus den 1950er-Jahren mit 48 Wohnungen im Besitz des Bundes. Die Bundesvermögensverwaltung bot die Häuser zum Verkauf. Die Städtische Wohnungsbaugesellschaft (SWG) bot mit, kam aber nicht zum Zug. Stattdessen gingen die Nachkriegsbauten an die LBBW. Dann kam die Finanzkrise. Die LBBW stieß 2012 ihren gesamten Immobilienbestand (landesweit 21.500 Wohnungen, davon rund 700 in Friedrichshafen) für 1,4 Milliarden Euro an den Augsburger Immobilieninvestor Patrizia ab. Weder Friedrichshafen, noch andere Kommunen hatten eine Chance, die Wohnungen zu kaufen. "Friedrichshafen war bei dem seinerzeitigen Konsortium bis zuletzt dabei", berichtet Stadtsprecherin Monika Blank gegenüber dem SÜDKURIER.

Es folgten weitere Verkäufe. Ein Teil der Wohnungen ging an Südwert, zu deren Gesellschaftern die LBBW und Bietigheimer Wohnbau gehören. Darunter auch die Blöcke in der Heinrich-Heine-Straße. "Wir wollen keine Bestandshalter sein, sondern den Mietern erschwingliche Angebote zum Kauf unterbreiten", erklärt Südwert-Geschäftsführer Dieter Schwahn das Geschäftsmodell der Wohnungsprivatisierungsgesellschaft. Ein Modell, das wohnungspolitisch stark umstritten ist, in Friedrichshafen aber offenbar gut funktioniert hat. "Wir haben den Großteil dieser Wohnungen an die Mieter verkauft", erklärt Schwahn. Ein weiterer Teil sei an Selbstnutzer gegangen, nun stünden lediglich noch sieben Einheiten für Investoren zum Verkauf.

 

Für SWG-Geschäftsführer Paul Stampfer ist ein Ankauf aus städtischer Perspektive heute uninteressant, da die Wohnungen seiner Meinung nach ohne Grundsanierungen der Gebäude überteuert seien. "Der Verkauf der einst geförderten Wohnungen zeigt, wie es die öffentliche Hand eigentlich nicht machen sollte", sagt Stampfer auf SÜDKURIER-Anfrage. Nur wenn die Stadt bei neu geschaffenen Wohnungen auch in 20 bis 30 Jahren noch die Hand darauf habe, könnten Eigentümerwechsel mit negativen Folgeerscheinungen verhindert werden, ist sich Stampfer sicher.

Und was passiert mit dem anderen Teil der ehemaligen LBBW-Wohnungen? Der ging noch 2012 an die Süddeutsche Wohnen GmbH (Südewo), eine Tochtergesellschaft der Patrizia, über. Die wiederum wurde vergangenes Jahr vom größten deutsche Wohnungsvermieter Deutsche Annington (heute Vonovia) aufgekauft. Darunter auch die Wohnungen in der Landeröschstraße, Kiezenwiese. "Aktuell stehen 35 Wohnungen der ehemaligen Südewo am Standort Friedrichshafen zum Verkauf", bestätigt Vonovia-Sprecher Max Niklas Gille. Weitere Wohnungen befinden sich im Besitz, deren Zukunft sei aber noch ungeklärt.

Ist das eine Chance für die Stadt, schnell an Wohnraum zu kommen? "Es gibt solche Überlegungen. Allerdings werden aus unserer Sicht die Wohnungen vorrangig auf dem freien Wohnungsmarkt benötigt", sagt Monika Blank. Nach Angaben der Vonovia hat es bislang keine Gespräche mit der Stadt über mögliche kurzfristige Aufkäufe gegeben.

Der große Deal

Im Februar 2012 verkaufte die LBBW ihre Immobilien an den Investor Patrizia. Mit dem wohl größten Immobiliendeal in der Landesgeschichte wurden auf einen Schlag öffentlich geförderte Wohnungen privatisiert. Wer genau hinter dem Konsortium Patrizia steckte, ist bis heute unklar. Es besteht zu 95 Prozent aus Versicherungsgesellschaften und Pensionskassen. Mieterbund und Kommunen kritisieren den Deal bis heute und bemängeln auch die Sozialcharta, die zwar Bestandsmietern Schutz bietet, nicht aber für Neuvermietungen gilt und auch nicht vor Erhöhungen schützt.