Als wären sie immer schon da gewesen, fließen die Melodien in den Saal. Auf die nachdenkliche Weise folgt ein zartes Echo, eine dunklere Stimme mischt sich ein, drängt nach vorn und willigt doch in verspieltes Miteinander ein. Wie eine Reise in ein fernes Land entfaltet sich die Sonata Reminiscenza von Nikolai Medtner.

Weite und Melancholie der Musik

Der nach der Oktoberrevolution nach Europa emigierte Komponist verband in romantischen Kompositionen deutsche und russische Tradition. Im Graf-Zeppelin-Haus (GZH) lässt der 1996 in Südafrika geborene Pianist Roelof Temmingh Weite und Melancholie der Musik atmen, in großen Bögen nimmt er seine Zuhörer mit. Selbst heftig aufbrausende Akkorde nimmt er wie in milder Rückschau, ehe das Stück in sachter Erinnerung an den eigenen Anfang verklingt.

Das könnte Sie auch interessieren

Einen Gegenpol bietet die 26-jährige Iris Hsieh aus Taiwan: mit viel Temperament wirft sie das Paganini-Thema auf die Tasten, zu dem Johannes Brahms Variationen geschrieben hat. Aberwitzig schnelle Tonkaskaden sprühen auf, dann wieder umgibt sie ein dunkles Lied mit hellen Trillern oder setzt zierliche Akzente über ungeduldiges Murmeln bis zum furios rasenden Schluss.

Eine Naturgewalt am Klavier

Als Naturgewalt am Klavier entpuppt sich die zierliche Ting-I Lee, 1990 in Taiwan geboren. Mit peitschenden Flügelschlägen rauscht Strawinskis Feuervogel unter ihren Fingern auf, stürzt sich in virtuose Extreme und tobt über die ganze Breite der Tastatur. Zwischendurch entfalten langsame Passagen eine fast hypnotische Dichte. Guido Agosti hat Strawinskis Ballettmusik für Klavier bearbeitet – auch auf einem Instrument beschwört Ting-I Lee alle Farben der russischen Märchen.

Das könnte Sie auch interessieren

Hingegeben, von tiefem Ernst durchdrungen ist das Spiel des 19-jährigen Xingyu Lu aus China. Der sanften Traurigkeit des Eingangsthemas der Symphonischen Etüden von Robert Schumann schenkt er fast zärtliche Aufmerksamkeit. Bis zum dramatischen Finale entfaltet er einen Bogen von Stimmungen, als wehre er sich gegen die Mutlosigkeit des Beginns durch Kraft, Tanz, Entschlossenheit oder auch Ergebung. Mal behauptet sich eine filigrane Melodie gegen drohende Akkorde, mal leuchten kleine Lichter über bewegten Tiefen, mal entspinnt sich eine traumverlorene Melodie.

Zuschauer bedanken sich mit großem Applaus

Begeisterter Applaus entließ die jungen Künstler, die als Teilnehmer des Festivals junger Meister an den Bodensee gekommen sind.