Eine Gruppe junger Menschen, ganz in Schwarz mit modischen Sneakern an den Füßen, diskutiert heftig, erstarrt kurz, zuckt wie angestupst und streitet weiter. Der Erste löst sich, die Gruppe zerfällt in Individuen, die jedes für sich ihre Geschichte erzählen. Mal fließt es geschmeidig vom Kopf bis in die Zehenspitzen, mal rucken Körper wie Roboter oder jedes Glied zieht in eine andere Richtung, als wüsste die Schulter nicht, wohin das Becken oder die linke Ferse gerade will. Plötzlich sind alle überraschend synchron unterwegs, wie Pendler in der U-Bahn oder auf dem Gehweg. Nur einer sitzt die ganze Zeit ungerührt am Tisch.

Musik und Tanz der Straße mit modernem Ballett

Die DaCru Company zeigt "The Kitchen Theory" im großen Zelt beim Kulturufer. 1996 von der italienischen Choreografin Marisa Ragazzo und dem iranischen Tänzer und Choreografen Omid Ighani gegründet, verbindet sie Musik und Tanz der Straße mit modernem Ballett. Mit umwerfender Mühelosigkeit verleihen die Tänzer der Akrobatik des Breakdance, verschiedenen Formen des Hip Hop, der rasenden Fußarbeit des House und den sinnlichen Ganzkörperfiguren des Dancehall klassische Präzision und Leichtigkeit. Es gibt kaum eine Bewegung, die nicht vorkommt: schütteln, wiegen, gleiten, schreiten, springen, toben oder stampfen. Mal formen sie energetische Gesamtkunstwerke, die sie gegen- oder miteinander schaffen, dann rast einer los und fasziniert den Rest und das Publikum mit einem neuen Impuls.

Aktion in der Küche junger Großstädter

Die DaCru Dance Company zeigt, wie sich Menschen in der Küche nahe kommen. Sie verlieren sich aber auch wieder.
Die DaCru Dance Company zeigt, wie sich Menschen in der Küche nahe kommen. Sie verlieren sich aber auch wieder. | Bild: Corinna Raupach

Die Küche ist für die DaCru Company nicht der Ort, an dem Großmutter Kuchen bäckt oder Kinder nach der Schule von ihren Erlebnissen erzählen. Ein hellgrüner Kunststofftisch mit schlichten Stühlen, getaucht in kaltes Licht, macht sofort klar: Es ist die Küche junger Großstädter, bewohnt nach dem Aufstehen und vor dem Zubettgehen, manchmal auch genutzt für Partys. Aber die Küche bleibt ein Ort, an dem es um mehr geht als um Nahrungsaufnahme: Menschen begegnen sich hier, oft sehr privat. Sie gähnen, streiten, schneiden Brot und kommen sich nahe. Sie erleben sich ungeschminkt und streng riechend oder fast versteinert vor Müdigkeit.

Häufig in der Tischgemeinschaft allein

Die Frau im Reifrock sucht den Kontakt zu anderen, die sind aber mit sich selbst beschäftigt.
Die Frau im Reifrock sucht den Kontakt zu anderen, die sind aber mit sich selbst beschäftigt. | Bild: Corinna Raupach

Sie kommen sich auch zu nahe, stoßen einander weg. Noch häufiger aber bleiben sie in der Tischgemeinschaft allein. Eine Tänzerin etwa schmückt sich mit einem weißen Reifrock. Anfangs helfen die anderen, bleiben in ihrer Nähe. Aber schnell beschäftigt sich jeder nur noch mit den eigenen Moves, irgendwann stehen die anderen steif da, während sie sich verzweifelt um eine Kontaktaufnahme bemüht.

Einzig bei der Party sind alle gelöst: Voll Vorfreude erscheinen die Gäste in erwartungsvollem Reigen. Paare finden und verlieren sich mit höchst ungewöhnlichen Pas de deux. Virtuose Soli zeigen die Bandbreite urbaner Tanzstile und der Kater am Morgen danach hat getanzt einen eigenen Reiz.

Rätselhaft bleibt die Mitte des Abends. Ein Tänzer erzählt von Lucy, die mit 87 Jahren auf ihrem Sterbebett zum ersten Mal spricht: "Ich wusste, was ich will, und ich habe es gemacht, und so war ich der Traum, der ich vom ersten Tag an sein wollte." Auch die glatte Fassade moderner Großstädter hat ihre Geheimnisse. Vom Publikum bekommt die LaCru Dance Company begeisterten Beifall und stehende Ovationen.