Um halb acht beginnt die Schicht der ehrenamtlichen Helfer im Tafelladen: Die ersten Lebensmittel sind schon angekommen. Drei Frauen räumen sie in die Regale, kleben Preisetiketten drauf und sortieren aus. "Wir sind da recht streng, wir verkaufen nur, was wir auch kaufen würden", sagt Elke Rumpf. Matschige Bananen, welker Salat, verdetschte Kuchen wandern in die Tonne. Rumpf prüft auch jeden Laib Brot. "Das Brot darf nicht zu hart sein, sonst können es manche nicht kauen", sagt sie.

Sie blickt etwas besorgt zum Obst- und Gemüseangebot. "Das ist zurzeit immer wenig, saisonbedingt. Da werden wir rationieren müssen." Von den beliebten Mandarinen gibt es nur eine halbvolle Kiste. Jeder Kunde darf nur vier Mandarinen nehmen, beschließen sie. Auch Milchprodukte haben sie kaum bekommen, dafür umso mehr Wurst. "Wurst darf heute jeder so viel kaufen, wie er will", sagt Rumpf.

Marktleiter Günter Daub (links) und sein Stellvertreter Hermann Zimmerer sind den Vormittag über mit dem Tafelbus unterwegs und sammeln Lebensmittelspenden.
Marktleiter Günter Daub (links) und sein Stellvertreter Hermann Zimmerer sind den Vormittag über mit dem Tafelbus unterwegs und sammeln Lebensmittelspenden. | Bild: Corinna Raupach

Gegen halb zehn sammeln sich die ersten Kunden vor dem Laden. Die Helferinnen kennen die meisten: den wortkargen Mann, der immer als Erster kommt und sich ohne Rücksicht auf die Temperaturen auf die Treppenstufe setzt. Die alte Dame, die gerade so viel Rente bekommt, dass ihr keinerlei weitere Hilfen zustehen und die damit keinen gemütlichen Ruhestand verbringen kann. Die syrische Mutter von sieben Kindern, die gern jedem Kind eine Mandarine mitbringen würde.

Den ganzen Vormittag über kommt frische Ware – Marktleiter Günter Daub und sein Vize Hermann Zimmerer fahren Läden, Bäckereien und Metzger ab, die für die Tafel spenden. Was sie bekommen, wissen sie nie vorher. "Heute habe ich leider nichts für sie", sagt die Mitarbeiterin eines Supermarktes bedauernd. Bei einem anderen warten dagegen sechs Kisten. Daub und Zimmerer gucken sie durch. Krabben, die einen Tag über dem Verfallsdatum sind, werfen sie weg. Über die Trinkjoghurts freuen sie sich besonders. "Nehmen Sie auch Non-Food?", fragt ein Verkäufer und zeigt auf Hausschuhe und Modeschmuck. "Leider nicht, wir haben keinen Platz. Aber wenn wir im Herbst umgezogen sind, gern", antwortet Daub. Gut ist die Ausbeute bei den Bäckereien – sogar ein paar Torten, Milchbrötchen und jede Menge süße Stückchen sind heute dabei.

Elke Rumpf etikettiert die Fleischwaren – 20 oder 30 Cent kostet eine Packung.
Elke Rumpf etikettiert die Fleischwaren – 20 oder 30 Cent kostet eine Packung. | Bild: Corinna Raupach

Um kurz vor zehn haben sich etwa 60 Leute vor der Tür versammelt. Die meisten warten geduldig in kleinen Gruppen. Stella Dos Santos geht zu ihnen raus und taucht ein in ein Gewirr verschiedenster Sprachen – Deutsch in mehreren Dialekten, Arabisch, Russisch, Türkisch, Spanisch. "Wie geht es?", fragt sie, hat für jeden ein Lächeln, einen Händedruck oder eine Umarmung. Sie sammelt die Tafelausweise ein und verlost Marken. In der Reihenfolge können die Kunden dann den Laden betreten, nie mehr als fünf. "Das System haben wir entwickelt, ein bisschen kompliziert, aber es funktioniert", sagt sie. "Wenn jemand Stress macht, erteilen wir Hausverbot. Das kam bisher aber selten vor", ergänzt Marktleiter Daub.

Um zehn öffnet der Laden, Dos Santos steht an der Tür und lässt die Kunden einzeln herein. "So können sie in Ruhe einkaufen. Früher war es ein Gedränge hier. Das wird im neuen Laden anders", sagt sie. Im Herbst wird die Tafel in die Keplerstraße umziehen, in ein barrierefreies Ladenlokal mit 175 Quadratmetern und Keller. "Dann können wir vielleicht Drogerieartikel ins Sortiment aufnehmen", sagt Rumpf. Allerdings steigen auch die Fixkosten. Kollegin Gabi Kuhnhäuser macht sich Gedanken, ob der familiäre Charakter erhalten bleibt. "Ich glaube, vielen ist wichtig, dass wir uns mit ihnen unterhalten. Ich weiß nicht, ob das in einem größeren Laden so weitergeht", sagt sie.

Kurz vor Ladenöffnung geht Stella Dos Santos zu den Wartenden und verlost die Eintrittsmarken, die Kunden kennen das schon.
Kurz vor Ladenöffnung geht Stella Dos Santos zu den Wartenden und verlost die Eintrittsmarken, die Kunden kennen das schon. | Bild: Corinna Raupach

Die Gespräche sind den Mitarbeiter wichtig. "Ich mache das, weil ich sehr gut lebe und etwas zurückgeben möchte", begründet Rumpf ihr Engagement. Sie ist schon seit fast sieben Jahren dabei und Vorstandsmitglied. "Mir liegt auch an dem Kontakt zu den Menschen, ich mag die alle, die sind nett und haben ihre Schicksale." "Man hat Begegnungen mit der ganzen Welt. Wir sind alle Menschen, wir haben die gleiche Frequenz", sagt Dos Santos. "Und was ich für jemand anderen tue, wie eine Umarmung etwa, tue ich ja auch für mich." "Ich schaffe ehrenamtlich im Weltladen und wollte auch etwas für die armen Leute in der Stadt tun", sagt Kuhnhäuser. Bis auf Marktleiter und Stellvertreter arbeiten alle 25 Helfer ehrenamtlich. Manchmal helfen Praktikanten oder Ein-Euro-Jobber oder jemand arbeitet Sozialstunden ab. Aber die Tafel könnte mehr Ehrenamtliche brauchen, vor allem im größeren Laden.

Der Tafelladen

Seit 2001 verkauft die Tafel gespendete Lebensmittel zu Niedrigpreisen an Menschen, die nur wenig Geld zur Verfügung haben. Der Laden in der Hofener Straße ist täglich außer Sonntag von 10 Uhr bis 12.30 Uhr geöffnet, samstags bis 12 Uhr. Über 1300 Menschen unterstützt die Tafel, davon mehr als 500 Kinder und Jugendliche. Für den Einkauf brauchen die Kunden einen Ausweis, den Sozialämter, Caritas oder Diakonie ausstellen. 18 Supermärkte, Discounter, Bäckereien und Metzger spenden regelmäßig Lebensmittel. Im Oktober 2018 wird die Tafel in die Keplerstraße umziehen.