Einen Schrecken wie vor 30 Jahren löst Aids heute nicht mehr aus. Die Schülerinnen und Schüler einer Klasse des Berufskollegs der Blindow-Schule in Friedrichshafen bleiben jedenfalls sehr entspannt, als wir sie darauf ansprechen. Das Thema kennen sie aus zahlreichen Unterrichtseinheiten – wie jüngst im Bio-Unterricht oder noch aus der siebten Klasse. Eine wissenschaftliche Untersuchung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) aus dem Jahr 2014 bestätigt diese kleine Momentaufnahme. Nach den Erhebungen der BZgA gibt es mit gut 80 Prozent in den vergangenen Jahren ein relativ großes Interesse der 16- bis 20-Jährigen, sich über Aids beziehungsweise den HI-Virus zu informieren. Werden alle Altersgruppen betrachtet, nimmt das Interesse deutlich ab – die Zahl der Erstinfizierten steigt. 2001 gab es bundesweit rund 1500 Erstdiagnosen. 2015 gab es nach Angaben des Robert-Koch-Instituts als bundesweit zuständiger Registrierungsbehörde 3200 Neuinfektionen (2700 Männer und 500 Frauen).

"Bundesweit ist die Zahl der HIV-Erstdiagnosen steigend", sagt Dr. Susanne Haag-Milz, Leiterin des Fachbereichs Gesundheit des Sigmaringer Landratsamts. "Die Interpretation dieser Daten ist allerdings nicht einfach, die Erstdiagnose kann zu einem viel späteren Zeitpunkt erfolgen, als die Infektion. Der Anstieg der Neudiagnosen kann mit einer besseren Meldequalität oder einem veränderten Testverhalten zusammenhängen", sagt sie. Entwarnung könne jedenfalls nicht gegeben werden. "Eine Infektion mit dem HI-Virus hat aus heutiger Sicht deutlich an Schrecken verloren, im Gegensatz zu der Situation von vor 30 Jahren als die ersten Fälle bekannt wurden", sagt Dr.

Anna Fischer, stellvertretende Amtsleiterin des Landratsamtes des Bodenseekreises. "Infolge dessen kann man vielleicht eher von einer gewissen Sorglosigkeit bezüglich eines möglichen Infektionsrisikos sprechen." Die Ursachen könnten darin liegen, dass enorme Fortschritte in Medizin und Wissenschaft erzielt wurden. So sei es heute möglich, diese Infektion mit Medikamenten zu behandeln und den Ausbruch der Erkrankung Aids um Jahre zu verzögern oder gar komplett zu verhindern. "Dies sind alles großartige Entwicklungen, die aber bei unkritischer Betrachtung dazu führen können, eine HIV-Infektion in ihren Dimensionen und persönlichen Auswirkungen zu unterschätzen. Nach wie vor gilt, eine HIV-Infektion ist nicht heilbar", sagt Fischer.

Die Beratungsangebote der Gesundheitsämter nehmen sowohl Männer als auch Frauen wahr – wobei die Gruppe der Männer mit zwei Dritteln größer ist als die der Frauen. "Für die Männer gilt, dass sie sich über alle Altersgruppen hinweg beraten und testen lassen, während bei den Frauen eher die etwas Jüngeren das Angebot nutzen", heißt es in einer Stellungnahme des Landratsamtes des Bodenseekreises. Das Beratungs- und Untersuchungsangebot des Kreises Sigmaringen wird durchschnittlich von 60 Personen je Jahr wahrgenommen. 2016 wurden rund 75 Personen beraten. Durchschnittlich werden im Bodenseekreis 180 Personen jährlich gezielt auf HI-Viren durch eine Blutentnahme getestet.

"Unsere Wahrnehmung in Unterrichtseinheiten, Beratungs- und Informationsgesprächen ist, dass sich Jugendliche sehr wohl der Gefahr bewusst sind, durch ungeschützten Geschlechtsverkehr eine HIV-Infektion bekommen zu können. Die Jugendlichen wissen, dass es sich bei AIDS um eine schwerwiegende Erkrankung handelt, die lebenslang therapiert werden muss und die zum Tode führen kann", sagt Haag-Milz. "Von 'Sorglosigkeit' kann aus unserer Sicht nicht die Rede sein. Die Jugendlichen betrachten HIV als ein Thema unter vielen, weil HIV heute keine so dramatischen Folgen mehr hat wie in den 80-er und 90-er Jahren und das Infektionsrisiko für heterosexuelle Jugendliche sehr gering ist", sagte Holger Wicht, Sprecher der Deutschen Aidshilfe, deren Sitz in Berlin ist. "HIV muss ein Thema bleiben und es muss auch vermittelt werden, dass es sich noch immer um eine gravierende Erkrankung handelt – mit der man aber gut und lange leben kann." Wichtig sei, realistische Bilder des Lebens mit HIV in der heutigen Zeit zu vermitteln.

Die Rote Schleife (englisch Red Ribbon) ist weltweit ein Symbol der Solidarität mit HIV-Infizierten und AIDS-Kranken. Der Awareness Ribbon wurde 1991 von der New Yorker Künstlergruppe Visual AIDS geschaffen.
Die Rote Schleife (englisch Red Ribbon) ist weltweit ein Symbol der Solidarität mit HIV-Infizierten und AIDS-Kranken. Der Awareness Ribbon wurde 1991 von der New Yorker Künstlergruppe Visual AIDS geschaffen.

Hintergründe und Hilfsangebote

Was sich hinter der Bezeichnung Aids verbirgt, wie die medizinische Seite aussieht und wo es Hilfe gibt:

  • Immunschwäche: Die englische Bezeichnung Aids steht für "erworbenes Immunschwächesyndrom", wie es in der Broschüre "HIV/AIDS von A bis Z" der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung heißt. Zu unterscheiden ist die Infektion mit dem HI-Virus von der Erkrankung an AIDS mit schwerwiegenden Folgeerkrankungen infolge der Immunschwäche, wie es in einer Stellungnahme des Landratsamtes Sigmaringen heißt.
  • Medizin: Speziell auf dem Gebiet der medikamentösen Behandlung des HI-Virus sind in den vergangenen Jahrzehnten große Erfolge erzielt worden. "So besteht heutzutage im Falle einer Infektion bei adäquater medikamentöser Behandlung eine nahezu normale Lebenserwartung und der Ausbruch der Erkrankung Aids kann um Jahre verzögert beziehungsweise unter Umständen komplett verhindert werden. Rein medizinisch betrachtet ist damit die HIV-Infektion zu einer dauerhaften, chronischen Krankheit wie zum Beispiel Diabetes, Asthma oder entzündliches Gelenkrheuma geworden – nicht heilbar aber behandelbar. Dies bedeutet aber eine lebenslange tägliche Einnahme von Medikamenten – verbunden mit zum Teil schweren Nebenwirkungen – und eine regelmäßige engmaschige ärztliche Betreuung und Kontrolle. Hinzu kommt aber auch das Ansteckungsrisiko Dritten gegenüber, was für Betroffene zu einer großen psychischen Belastung werden kann, beispielsweise in der Partnerschaft oder Gesellschaft", sagt Anna Fischer vom Gesundheitsamt des Bodenseekreises.
  • Beratung und Hilfe: Die Beratungsstellen der Landratsämter bieten anonym und kostenlos Informationen und individuelle persönliche oder telefonische Beratung zu Ansteckungsrisiken, Schutzmöglichkeiten sowie einen kostenlosen HIV-Antikörpertest (Blutuntersuchung) an. Weitere labordiagnostische Untersuchungen (Hepatitis B und C, Chlamydien, Gonokokken, Syphilis) können, teils gegen Kostenerstattung, veranlasst werden. Beratungen gibt es auch an Schulen: Im Rahmen eines Mach-Mit-Parcours gehen beispielsweise Experten des Landratsamtes des Bodenseekreises regelmäßig an Schulen und klären auf interaktive Art und Weise über HIV und andere STI (sexuell übertragbare Erkrankungen) auf. Hilfe bieten auch Aids-Hilfe-Vereine, die sich in Ulm, Tübingen oder Konstanz finden.