Bernd Herbinger ist Pfarrer der katholischen Seelsorgeeinheit Friedrichshafen Mitte. Die Aufarbeitung der Fälle von sexuellem Missbrauch bestimmt gerade wesentlich das Bild der katholischen Kirche, ist er überzeugt: "Wenn ein 65-Jähriger aus der Kirche austritt, tut er das aus bitterer Enttäuschung", sagt er. "Dass das geschehen konnte, war systemisches Versagen, naiv, dumm und herzlos. Man darf sich gar nicht vorstellen, was das für ein Kind bedeutet." Die Fälle und der Umgang damit zerstörten das Vertrauen in Kirche und Amtsträger.

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Dass die Diözese Rottenburg seit 20 Jahren Präventionspläne einhalte, dass Pfarrer und Ehrenamtliche gute Arbeit leisteten, würden viele kaum noch wahrnehmen. Dabei hätte die Kirche viel zu erzählen, vom Kind in der Krippe, vom Vertrauen in Gott und auch von seinem Zorn. "Wir sind prädestiniert, uns zum Klimawandel zu äußern oder zu der ungerechten Verteilung des Reichtums", sagt Herbinger.

Bernd Herbinger, leitender Pfarrer der Seelsorgeeinheit Friedrichshafen Mitte, setzt auf die "Kleine Kirche".
Bernd Herbinger, leitender Pfarrer der Seelsorgeeinheit Friedrichshafen Mitte, setzt auf die "Kleine Kirche". | Bild: Corinna Raupach

Herbinger hebt soziales und kulturelles Engagement hervor

Vor Ort tun die katholischen Gemeinden viel für die Stadt. 40 Prozent der Kindergärten sind in katholischer Trägerschaft. "Wir geben ein Viertel der Mittel, die wir von den Kirchensteuern behalten, für Kindergärten aus. In denen sind weniger als die Hälfte der Kinder katholisch", sagt Herbinger. Die Aktion Ferienspiele verhilft jedes Jahr 400 Kindern zum Urlaub in der Weilermühle. "Da kommt Kirche zum Tragen", sagt er. Das kulturelle Leben bereichern Orgelkonzerte, musikalische Messen, Musicals und eine breit gefächerte Chorlandschaft.

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Auch im sozialen Bereich ist die Kirche aktiv: Die ökumenische Aktion "Häfler helfen" unterstützt Menschen in Notsituationen, ehe der Sozialstaat einspringt oder auch über ihn hinaus. In der Herberge finden wohnsitzlose Männer und Frauen eine sichere Unterkunft. "Seit dem Neubau haben Frauen dort einen eigenen Eingang und eigene, abschließbare Zimmer", sagt Herbinger. Ehrenamtliche helfen Flüchtlingen, eine neue Heimat zu finden.

Lieblingsprojekt "Kleine Kirche"

Die Kirche selbst hat sich auf den Weg gemacht, sagt Herbinger. Nicht nur wegen des Personalmangels würden die Gemeinden stärker kooperieren, ökumenische Gottesdienste und Projekte zeigten die Verbundenheit der Konfessionen. Ein neues Konzept für die Firmung beziehe Interessen der Jugendlichen mit ein. Herbingers Lieblingsprojekt ist die "Kleine Kirche", wie er den Wortgottesdienst am Freitagabend in der Canisius-Kirche nennt. Er lädt die Besucher ein, zusammenzurücken, steht dabei nicht oben, sondern auf gleicher Ebene wie die Teilnehmer. "Die 'Kleine Kirche' ist bescheidener, wir teilen Brot und Wein, da entsteht ganz viel. Mein Traum ist, dass unterhalb der Oberfläche viele kleine Kirchen gedeihen", sagt er.

Bild: Schönlein, Ute

Wie die evangelische Gesamtkirchengemeinde den Mitgliederrückgang bewertet

Auch die evangelischen Gemeinden müssen sich mit einem kontinuierlichen Rückgang der Mitglieder auseinandersetzen. Gottfried Claß, geschäftsführender Pfarrer der evangelischen Gesamtkirchengemeinde, sieht die Gründe vor allem in gesellschaftlichen Trends, denen die Kirche nicht entkomme. "Überall, wo Wohlstand ist, gehen die Zahlen der Kirchenmitglieder zurück. Es sei denn, die Kirche verbindet sich mit Nationalismus oder mit Wohlstands- oder Glücksversprechen", beobachtet er. Ein neues Lager begegne ihm in den Nicht-Religiösen. "Für die spielt Religion gar keine Rolle, sie haben auch gar keine Sehnsucht danach. Das sind ganz andere Gespräche als mit kampfbereiten Atheisten."

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Neue Wege in der Jugendarbeit

Ein Patentrezept hat er nicht. Bisher hätten alle Versuche der Kirche den Mitgliederschwund nicht aufhalten können. "Das ist ein tiefer Schmerz, eine Ohnmachtssituation", sagt er. Trotzdem gibt er nicht auf. "Die Pfarrer sollten weniger Verwaltungsaufgaben übernehmen und mehr Zeit haben für Gespräche und Besuche", sagt er. "Wir gehen neue Wege in der Jugendarbeit, die die Realität der Ganztagsschule aufnimmt." Das Gemeindehaus in der Scheffelstraße soll einen neuen Außenbereich bekommen. Dort sollen Jugendliche "chillen" und bei Bedarf mit kirchlichen Mitarbeitern reden können. Zum Mittagstisch im Gemeindehaus kommen regelmäßig 30 bis 40 Jugendliche.

Zeitgemäße Gestaltung der Gottesdienste

Seine Manzeller Kollegin sieht die Kirche in einer Umbruchsituation. "Wo etwas umbricht, bricht auch etwas weg. So eine Zeit fordert uns heraus, neu zu überlegen, was bedeutet Kirche und war erwarten die Menschen von uns?", sagt Pfarrerin Gertrud Hornung. Sie setze auf persönliche Beziehungen. "Hier erleben Menschen, dass sie einen Platz haben, gesehen werden, egal, ob sie am Sonntag in die Kirche kommen oder nicht." Sie denke neu über die Gestaltung von Gottesdiensten nach und über zeitgemäße Vermittlung. "In der Adventszeit habe ich mit den Jugendlichen einen Rap zur Weihnachtsgeschichte gemacht, da stellte sich heraus, dass einige von ihnen diese Geschichte nur flüchtig kannten", sagt sie.

Pfarrerin Gertrud Hornung von der evangelischen Kirchengemeinde Manzell sieht im Umbruch auch eine Chance für die Kirche.
Pfarrerin Gertrud Hornung von der evangelischen Kirchengemeinde Manzell sieht im Umbruch auch eine Chance für die Kirche. | Bild: Corinna Raupach

"Grundkurs Glauben" kommt gut an

Dabei hat sie nicht den Eindruck, in einer gottlosen Zeit zu leben. "Auch bei Erwachsenen gibt es die Suche nach Spiritualität und Sinn", sagt sie. Dort müsse Kirche ansetzen, sind sich beide Pfarrer einig. "Es ist ganz wichtig, dass wir die Grundlagen des biblischen christlichen Glaubens vermitteln", sagt Claß. Tiefgang statt Postkartenfrömmigkeit sei gefragt. Gertrud Hornung hat in Manzell einen "Grundkurs Glauben" angeboten und sei selbst überrascht gewesen, wie viele Menschen sich angemeldet hätten.