Zugegeben: Ein Klassik-Konzert, in dem die Violine in der ersten Hälfte Soloinstrument bleibt, empfinden selbst Klassik-Liebhaber als nicht sonderlich hip. So waren im Graf von Soden-Forum der Zeppelin Universität (ZU) die Stuhlreihen denn auch gelichtet. Zu Unrecht. Denn Thomas Schüler, gebürtiger Friedrichshafener und Träger des Künstlerförderpreises seiner Heimatstadt, präsentierte neben Kronjuwelen der Geigen-Sololiteratur auch Klavierwerke von olympischem Schwierigkeitsgrad. Und er ließ nicht nur mit seiner Doppelbegabung aufhorchen, sondern auch mit einer künstlerischen Reife, die angesichts seines Alters – Schüler ist 25 und studiert an der Musikuniversität Wien – ungewöhnlich ist.

Das Artsprogramm der ZU hatte zudem alles getan, um die Schwellenangst vor Gravitätischem zu nehmen. Vor jedem Musikstück las Maximilian Mühlhoff, Soziologiestudent und Mitbegründer der „Drama Society“ an der ZU, einen literarischen Text, mit dem er es schaffte, das Publikum poetisch über das Werk zu verständigen. Die Zuhörer lauschten denn auch ergriffen, als der Rezitator mit Lars Gustafssons gleichnamigem Gedicht der „Stille der Welt vor Bach“ nachspürte. Und tastend, wie nach Klang suchend, setzte Bachs Violinsonate a-moll ein. Auch Thomas Schüler tastet sich mit dem ersten Satz in den Konzertraum, geht langsam von der Tür aufs Podium.

Wäre es nach dem Willen von Bachs Vater gegangen, hätte sich der junge Johann Sebastian zu einem deutschen Vivaldi entwickeln sollen. Er wurde aber ein unvergleichlicher Orgelvirtuose. Sein erstes Instrument, die Geige, hat er glücklicherweise nie vergessen. Seine Sonaten und Partiten für Violine solo gelten bis heute als Nonplusultra der Geigenliteratur. Was als scheinbare Etüden-Musik daherkommt, stellt horrende spieltechnische Anforderungen – der Prüfstein eines jeden Interpreten. Schüler nimmt den zweiten Satz, eine vierstimmige Fuge, mit einer Transparenz, dass einem schwindelig wird. Stilsicher durchschreitet er Bachs architektonische Großräume, ohne sich in diesem Dschungel der Vielstimmigkeit zu verlieren. Denkbar saubere Tongebung dann auch im Andante und im Allegro. Dabei ist Schüler kein Geiger, der nach außen hin blendet. Er wittert in den technischen Klippen der Sonate nicht die Chance, sich mit Bach als Geiger darzustellen. Sondern er möchte als Geiger Bach darstellen.

Auch bei Eugène Ysaye stürmt der junge Künstler nicht unbedacht in den Geigerhimmel, sondern stellt sein technisches Können ganz in den Dienst von Schönheit und Tiefe der Violinsonate Nr. 3 d-moll. Der belgische Komponist hat in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts einen Sechserpack an Violinsonaten geschaffen, den er der Bach’schen Werkgruppe quasi als ein „modernes“ Pendant gegenüberstellte. Ständig flackern Bach-Zitate darin auf. Schülers spieltechnisches Rüstzeug und seine reiche Ausdruckspalette ist der ideale Schlüssel für das Werk, in dem es vor Brüchen und Überraschungen nur so wimmelt.

Zwischen Neo-Barock, paganiniesken Elementen und impressionistischen Einfärbungen bewegt sich die Sonate, und all ihre Nuancen sind bei Schüler in den besten Händen.

Das sind dann auch die Präludien für Klavier von Dimitri Schostakowitsch. Wieder knüpft das Programm an Bach an – die Präludien sind eine einzige Bach-Hommage -, doch Schüler wechselt das Instrument und zeigt auf dem Flügel – man will seinen Augen und Ohren kaum trauen – ein Spiel von nicht minder bestechender Makellosigkeit. Die Präludien erklingen als intime, kleine Aphorismen über die Musik, verspielt, romantisch, zart, doch von querköpfigem Harmonieverständnis. Es wundert nicht, dass sie beim sowjetischen Komponistenverband auf wenig Gegenliebe stießen.

Die Not des Künstlers in einem totalitären System: Niemand hat sie treffender beschrieben als Julian Barnes in seinem Schostakowitsch-Roman „Der Lärm der Zeit“. Und wie Maximilian Mühlhoff daraus liest, wird deutlich, wie verzagt der Komponist an den Fäden der Macht hing, an den Fäden Stalins, gegen den er nicht zu opponieren wagte.

In die Psyche gegensätzlicher Charaktere schlüpft Mühlhoff dann auch noch vor dem letzten Programmpunkt: Goethe und Beethoven waren zwei Männer, die sich nicht grün waren. Goethe, der Bückling vor den Fürsten, und Beethoven, der Republikaner, dem „das Feuer aus dem Geist schlug“. Ganz so interpretiert Schüler auch die „Pathétique“. Überwältigend impulsiv stürzt er sich in den ersten Satz, doch nie überhitzt er ein Motiv. Jeder Akzent sitzt an seinem Platz. Das Adagio cantabile ist ein warm durchpulstes Fließen, das Schüler eruptiv steigern kann, bevor er im Rondo wieder ungezügelt ausschreitet. Wer’s nicht gehört hat, hat viel verpasst.