"Therapie statt Strafe" nach Paragraf 35 des Betäubungsmittelgesetzes lautete gestern das Urteil beim Prozess gegen einen 30-jährigen Mann aus Friedrichshafen. Er musste sich vor dem Amtsgericht Tettnang wegen Drogenkonsum und Drogenhandel, Umgang mit Falschgeld und unerlaubten Waffenbesitzes verantworten. Gesichert mit Handschellen und Fußfesseln betrat der Angeklagte den Verhandlungssaal. Er ist seit 11. Oktober in Untersuchungshaft. Ruhig folgte er der Anklage: Beschaffung von 47 50-Euro-Scheinen im Darknet, Anbau von sechs Cannabis-Pflanzen, Besitz von etwa 100 Gramm hochwertigem Haschisch, elf Ecstasy-Pillen und sieben Gramm Amphetaminen sowie Besitz eines Schlagrings und eines Butterfly-Messers. Bei Letzterem war sich der Angeklagte keiner Schuld bewusst: "Als ich klein war, waren die Sachen nicht verboten." Die Drogen seien für den Eigenbedarf bestimmt gewesen. Hätte ihn jedoch jemand nach Haschisch oder Pillen gefragt, hätte er davon abgegeben, räumte er ein.

Nach dem Auftauchen falscher 50-Euro-Scheine, die der Angeklagte einem Postboten für per Nachnahme bestellte Päckchen gegeben hatte, war es zur Hausdurchsuchung gekommen. Im Zeugenstand sagten der Postbote sowie zwei Polizeibeamte aus. Auf den Falschgeldnoten fanden sich auch Fingerabdrücke eines Bekannten, bei dem der Angeklagte Schulden zurückzahlen wollte. "Er hat aber erkannt, dass es sich um Falschgeld handelt", berichtete die Polizeibeamtin.

Mehr als eine Stunde nahm das Verlesen des Vorstrafenregisters durch Richter Martin Hussels-Eichhorn in Anspruch. Bereits mit 16 Jahren stand der Angeklagte wegen Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz vor Gericht. Es folgten Jugendarrest und 16 Monate Jugendstrafe. "Die Mutter hat für ihre Söhne Marihuana gekauft, damit sie sich die Drogen nicht auf der Straße beschaffen mussten", gab Anwalt Gerd Pokrop Einblick in die familiären Verhältnisse. Auch als Erwachsener verbüßte der Angeklagte aus ähnlichen Gründen eineinhalb Jahre Haft. "Aber Ende 2010 waren sie auf einem super Weg", verwies Hussels-Eichhorn auf die Erfüllung aller Bewährungsauflagen, den Abschluss der Berufsausbildung und den kleinen Sohn, um den sich der Angeklagte kümmerte. Nach der Trennung von dessen Mutter sei er jedoch in ein Loch gefallen. Hinzu kamen gesundheitliche Probleme und der Verlust des Arbeitsplatzes. Anfang 2017 griff er wieder zu Drogen.

Der Staatsanwalt forderte eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und drei Monaten ohne Bewährung. Anwalt Gerd Pokrop erklärte: "Das Ziel ist Bewährung. Er hat schon einmal bewiesen, dass er es schaffen kann." Richter und zwei Schöffen verhängten eine Haftstrafe von zwei Jahren und zwei Monaten ohne Bewährung, aber mit Aufhebung des Haftbefehls. Abzüglich der Zeit in Untersuchungshaft kommt der Angeklagte auf eine Freiheitsstrafe unter zwei Jahren – Voraussetzung für "Therapie statt Strafe". Hussels-Eichhorn gab ihm mit auf den Weg: "Jetzt können Sie zeigen, dass Sie es packen."