„Das Publikum ist so bunt wie das Leben“, beschreibt die Wirtin des zwielichtigen Gasthauses am Bodensee auf Nachfrage des Inspektors Platt ihr Klientel und deutet auf die Reihen der Zuschauer. Jeder Stuhl ist besetzt im Atrium in Fallenbrunnen, beide Vorstellungstermine sind ausverkauft. Mit so einem Andrang haben sowohl Gabi Gerdau wie auch die Schauspielerinnen und Schauspieler der Theatergruppe Rampenlicht nicht gerechnet.

Die Inszenierung „Das Gasthaus am Bodensee“ von Gabi Gerdau basiert auf einem Stück von Stefan Schroeder, das sich an „Das Gasthaus an der Themse“ von Edgar Wallace anlehnt. Die in den 60er Jahren veröffentlichte Kriminalkomödie gilt als der erfolgreichste Film der Edgar-Wallace-Reihe. Natürlich handelt es sich hierbei um eine Schwarzweiß-Produktion und so wurden dem Publikum zwei kontrastreiche Stunden geboten: die Palette reichte von Weiß über Hellgrau, bis zu tiefstem Schwarz. Aus dem Raster fielen lediglich die roten Lippen des Fräulein Cora und die roten Rosen, die der verliebte Inspektor Platt seiner Sekretärin am Ende des Stücks überreicht. Die Farbe Rot hat in dem Stück eine besondere Bedeutung, immerhin ist „Rot die Farbe der Liebe und der Rache“, wie es die Gräfin Bernadotte betont, als das wirre Konstrukt der Täter und Opfer aufgeklärt und der Grund hinter all den Gräueltaten ans Licht kommt. Es handelt sich, wie so oft, um ein Verbrechen aus Leidenschaft.

Das Bühnenbild ist schwarz gehalten, es gibt lediglich fünf quadratische Hocker, drei weiße und zwei schwarze, die in jeder Szene mit flinken Handgriffen umgebaut werden müssen. Was hier so einfach klingt, war jedoch eine der größten Herausforderungen für die Darstellerinnen und Darsteller. Es gibt keinen Vorhang und alles muss schnell und nach Plan ablaufen. „Man möchte das Publikum nicht verlieren, man muss flink umbauen und darf nicht vergessen, was wohin zu stellen ist. Wir haben bis einen Tag vor der Aufführung Details geändert, aber es hat eigentlich alles gut geklappt", erklärt Martin Emmert, der vor allem als Graf Archibald und Barkeeper Harry Blei zu sehen ist.

Nicht nur er musste sich in mehr als nur einer Rolle einfinden. Insgesamt teilen sich die Schauspieler sagenhafte 40 Rollen. Gabi Gerdau erklärt, dass das Stück ursprünglich für vier Leute geschrieben worden sei, drei Männer und eine Frau. Dabei sei es schon zu acht eine bemerkenswerte Leistung, jeder der 40 Figuren gerecht zu werden. Kein Wunder also, dass hinter der Bühne ganz schön gerannt wurde und die Kostüme für jede Rolle rasant gewechselt wurden. Das blieb fürs Publikum nicht ohne Folgen: Zur komplexen Handlung mit den Verstrickungen der zahlreichen Personen, Namen und Orte kam die Schwierigkeit, den Durchblick zu behalten, wenn etwa der Bösewicht von zwei Darstellern gespielt wurde. Den Fall zu lösen, ohne die Erklärung des Inspektors in der alles entscheidenden Szene, war für den Zuschauer unmöglich. Daher blieb es aber auch bis zur letzten Minute spannend. „Anfangs habe ich mich sehr konzentriert und wollte unbedingt alles durchdringen, am Ende war es mir dann nicht mehr so wichtig und ich habe einfach nur noch genossen“ – so beschreibt eine Zuschauerin ihre Erfahrung während des Stücks.

Sechs der acht Darstellerinnen und Darsteller standen zum ersten Mal in dieser Gruppenkonstellation auf der Bühne. Natürlich hat man auch mit Lampenfieber zu kämpfen: „Ich war anfangs aufgeregt, auf der Bühne habe ich mich dann aber total wohl gefühlt“, zieht Ulrike Hempel ihr Fazit, die unter anderem als Gräfin Bernadotte und als Wirtin des Gasthauses am Bodensee zu sehen ist.

Mit viel Komik stapelten sich an diesem Abend die Leichen. Auf die Verkündung, dass sich ein Bekannter der Gräfin Bernadotte erhängt habe, aus Angst ein Opfer der schwarzen „Hand“ zu werden, entgegnet sie nüchtern: „Das sieht ihm ähnlich“. Auch nach der Vorstellung waren die vielen Tode Gesprächsthema: „Sandra Hirscher ist das Hauptopfer, sie stirbt viermal. Ich sterbe zweimal. Cassandra ist die Einzige von uns, die nie stirbt.“, erklärt Martin Emmert lachend. Auch der Pathologe kann die vielen Tode nicht nur schwarzweiß betrachten: „Der Verbrecher ist ein überaus kreativer Kopf. Er verdient unsere Bewunderung!“ Nach all den Morden und Suiziden konnte sich der Zuschauer über ein Happy End mit roten Rosen freuen: Inspektor Platt und Fräulein Cora, sowie Polizeiobermeisterin Derrick und der Pathologe teilen ihren ersten Kuss. Somit kam am Ende doch noch Farbe ins Stück.

Es zog sich immer ein Lachen durch die Reihen, wenn auf der Bühne bekannte Orte und Namen vielen. Immerhin wurden diese Details extra in das Stück eingearbeitet. „Köstlich, dass das Stück auf unsere Lokalitäten umgeschrieben wurde. Einfach toll“, so eine Stimme aus dem Publikum zu dieser Idee. Das Publikum begleitet die Ermittler durch die Orte der Umgebung von Jettenhausen bis zur Insel Mainau – und die Leichen werden im Bodensee entsorgt. Der Chef des Inspektors bringt es wohl auf den Punkt, wenn er über Friedrichshafen sagt: „Diese Stadt ist ein Tempel des Lasters.“

Auch von der Musik des Donnerstagsjazz im benachbarten Amicus ließ sich "Rampenlicht" nicht beirren. Die Theatergruppe hat ein ordentliches Stück auf die Beine gestellt und so kann Gabi Gerdau nach der Premiere ausgelassen in die Runde rufen: „Ich bin so stolz auf euch!“