Die Teststrecke für automatisiertes Fahren, ein gemeinsames Projekt der ZF Friedrichshafen AG, des Weiterbildungsinstituts IWT der Dualen Hochschule und der Stadt Friedrichshafen, stößt nicht überall auf uneingeschränkte Begeisterung. Besorgt zeigt sich der Stammtisch der jüngeren Sehbehinderten und Blinden in Friedrichshafen. Deren Mitglieder begrüßen generell die Entwicklung im Hinblick auf die eigene Mobilität, befürchten jedoch Defizite bei der Barrierefreiheit. Denn erst sieben der insgesamt 27 Ampelanlagen entlang der Strecke sind bisher mit einem vollständigen Blindenleitsystem ausgerüstet.

Barrierefreie Nachrüstung mit Lücken

Während die Installation der sogenannten "Road Side Units", eine Art W-Lan-Router zur Kommunikation mit den automatisierten Fahrzeugen, im Herbst abgeschlossen sein soll, und die dafür benötigten finanziellen Mittel in Höhe von 237 000 Euro bereits im Haushalt der Stadt Friedrichshafen bereitgestellt sind, konnte die Pressesprecherin Monika Blank auf Nachfrage der Betroffenen keinen Fertigstellungstermin für die barrierefreie Nachrüstung nennen.

Installation ist nicht ganz einfach

Nicht nur Bodenplatten mit Rillen in Gehrichtung und Noppen, die zu den Ampeln hinführen, gehören zu einem vollständigen und sicheren Leitsystem, auch Vibratoren am Ampelmast und akustische Signale, wie Klackern oder Piepsen, um eine Grünphase anzukündigen, gehören dazu. "Die Akustik ist nicht immer einfach zu installieren, da die Elektrokabel oft keine freien Adern mehr haben", rechtfertigte Michael Gerner vom Stadtbauamt und zuständig für die Signalanlagen den Nachrüstungsstau. Und nicht überall ließen sich neue Kabel problemlos einziehen, da die Schächte teilweise versandet seien. Etwa 10.000 Euro veranschlagt Gerner pro nachzurüstender Ampel, 200.000 Euro insgesamt. Doch wie Monika Blank versichert, wird es nicht am Geld scheitern. "Wir haben eher ein personelles Problem", erklärte Gerner. Der Markt an Bauingenieuren und Technikern sei derzeit leergefegt.

Angst, von autonom fahrenden Auto erfasst zu werden

Eine Situation, die mit dem Landes-Behindertengleichstellungsgesetz kollidiert. Denn Blinde sind dazu verpflichtet, Fußgängerüberwege mit Ampeln zu benutzen. Sind diese nicht barrierefrei, sind Behinderte vom Menschenrecht auf Mobilität ausgeschlossen. Die Ängste, auf einem Übergang von der Kamera eines automatisierten Fahrzeugs nicht erkannt zu werden, versuchte Gerhard Gumpoltsberger, Leiter Innovationsprojekte bei ZF, zu zerstreuen. Nachweislich seien 90 Prozent der Verkehrstoten auf menschliches Versagen zurückzuführen. In den mit hochwertigsten Kameras, Sensoren und Radar ausgerüsteten Testfahrzeugen säßen zudem ausgebildete Testfahrer, die jederzeit eingreifen könnten.

"55 Fußgängerüberwege von insgesamt 109 im Stadtgebiet sind bereits aufgerüstet", betont Stadtsprecherin Monika Blank. "Wir wollen die Barrierefreiheit umsetzen, können dies aber nicht überall gleichzeitig tun."