Ein guter Maler konzentriert seine Fähigkeiten darauf, niemals ein „geschickter“ Maler zu werden – kein Kunststückmacher, der ein Arsenal von Kniffen entwickelt, wie Zauberer es tun, die ihr Publikum hinters Licht führen, um es zu beeindrucken. Ein geschickter Maler wird zur Malmaschine, die nach Rezept Leinwand um Leinwand füllt.

Susan Stadler ist eine gute Malerin, weil ihr diese Geläufigkeit fehlt. Sie arbeitet langsam. Manchmal tut sie sich schwer mit der Leinwand, den Alucobond-Platten oder auch dem Transparentpapier, auf die sie die Ölfarbe aufträgt. Die Fertigstellung eines Bildes könne sich Monate hinziehen, sagt Susan Stadler. Was sie aber nicht sagt: dass Malen ein Ringen mit der Leinwand sei. Solche Sätze, die oft fallen, wenn ein Maler spricht, hört man von ihr nicht. Vielleicht weil ihr das Kalkül abgeht, nach der die Bedeutsamkeit eines Bildes vom Grad des Ringens mit ihm abhängig sein soll; auch das einer der rhetorischen Tricks, den „Rezeptmaler“ gerne anwenden, um Bilder aufzuwerten, die wenig mehr als malerische Rhetorik beinhalten.

Susan Stadler spricht wenig, wenn sie einem Besucher in ihrem Atelier in Nonnenhorn ihre Bilder zeigt; und stets holt sie lieber noch ein weiteres hervor, als dem Betrachter mit einer zielgerichteten Erklärung den goldenen Weg durch ihre Malerei zu bahnen. Aber wenn man sich dabei ein wenig ratlos fühlt, ist das nichts Verkehrtes – es passt zur Rezeptlosigkeit dieser Malerin, die allerdings nichts mit Beliebigkeit zu tun hat. Susan Stadler studierte an der Akademie der Bildenden Künste in München, war Meisterschülerin, schloss mit Diplom ab.

Aber wenn es ans Malen geht, geht es nicht darum, was man weiß oder an Theorien in sich trägt – denn der volle Kopf muss wieder leer werden, damit die Hand sich rührt. Bezeichnet man ein solches Malen dann aber als meditativen Akt, sagt Susan Stadler, sie möge diesen Begriff nicht: „Meditation, das klingt nach Esoterik“. Nein, fürs Malen muss man schon bei der Leere bleiben, sie aushalten. Mit der Gewissheit esoterischer Heilslehren haben die oft breiten Farbspuren, die sie mit Spachteln und Rakeln aufbringt, nichts zu tun.

„Das Intervall, die Stille zwischen zwei Tönen – darin liegt die Spannung, die mein Interesse fesselt“, sagt Susan Stadler über ihre Malerei. Die Farbkontraste, die in den unteren Bildschichten liegen, sind nur noch andeutungsweise sichtbar.
„Das Intervall, die Stille zwischen zwei Tönen – darin liegt die Spannung, die mein Interesse fesselt“, sagt Susan Stadler über ihre Malerei. Die Farbkontraste, die in den unteren Bildschichten liegen, sind nur noch andeutungsweise sichtbar. | Bild: Harald Ruppert

Susan Stadler malt ungegenständlich. Die Farbe ist Gegenstand genug. Farbe, die leuchtet. Und die, so dünn das Rakel sie auch gezogen hat, dennoch Rillen bilden und an den Rändern Fransen, die wie Einrisse in äußerst dünn gewebten Stoffen wirken. Besonders wenn sie auf Alucobondplatten malt und unter der Malerei das Silber des sie tragenden Metalls durchscheint, schwebt darauf diese Farbe. Schwebt fast davon und beharrt doch auf ihrem Platz – bannt mehr den Bildträger, als dass der sie bannte. Diese zugleich schwerelosen und doch so materiellen Bilder sagen: Malerei ist Malerei ist Malerei; und drücken damit ihr eigenes Paradox aus. Denn je öfter man ein Wort wiederholt, desto mehr löst es sich in Klang auf und verliert so seine Bedeutung. Malerei – was also ist das? Etwas Geheimnisvolles, das nicht aus Kniffen und Tricks gebildet ist. Susan Stadler sagt es so: „Gerade das Einfache, das Offensichtliche ist das Magische.“

Vielleicht auch deshalb ist sie die Chronistin ihrer Mal-Akte. Das Notizbuch wird zum Tagebuch ihrer Bilder. Es hält die Stadien fest, die sich auf dem werdenden Bild wie Jahresringe anlagern. Natur und Zeit sind es, durch die Susan Stadlers Bilder mit der Welt um sie herum verbunden sind.

Zeit, die in den Farbschichten ihrer Bilder steckt, welche nicht immer wieder übermalt werden, um etwa Missglücktes auszulöschen – sondern um eine Raum- und Zeittiefe zu schaffen, die bis zur Oberfläche durchhallt. Das Bild als Fenster, in dessen Schichten die Farben, wo sie aufeinandertreffen, Blasen und Spalten bilden wie Verwerfungen in geologischen Schichten. Das Band zur Natur knüpfen die Bilder wiederum durch ihre Farbpalette. Besser gesagt: Sie nähern sich den Farbpaletten der Natur zu den verschiedenen Jahreszeiten. Wichtig auf diesem Weg war ein Wettbewerb zur künstlerischen Gestaltung der gewaltigen Wand im Treppenhaus des Landratsamt-Neubaus in Friedrichshafen. Susan Stadler reichte einen – nicht umgesetzten – Entwurf ein, der aus Farbkarten bestand, die ihren Ausgangspunkt bei der Farbe einer Grasnarbe oder einer Frucht nahmen. Diese Farben hatten ihre Gegenstände abgestreift. Sie organisierte einzelne, monochrome Platten zum riesigen Feld, das sich im Entwurf durch alle Stockwerke zog. Jede Reihe des Feldes bildete eine Farbabfolge, die sich permanent verändert hätte, durch die Wanderung des einfallenden Tageslichts. Das bedeutet: Farbe steht nicht für sich. Sie lässt sich so wenig isoliert betrachten wie ein Bild vom Rest der Welt. Und so steht die Farbe in Verbindung mit dem Raum und dem Licht, mit denen sie wirkt. Farbe ist „Raumlichtfarbe“; ein Begriff, den der Künstler Hermann Waibel geprägt hat.

Susan Stadler ist nun aber keine gegenstandslose Naturmalerin. Farbstimmungen der Natur formlos wiederzugeben, ist nicht ihr Ziel. „Farbraum, Farblicht und Farbwirkung stehen in meiner Malerei an erster Stelle“, schreibt sie über ihre Arbeit. „Um dies umzusetzen, arbeite ich unter anderem mit irritierenden Farbkombinationen, aufgetragen in vielen Farbschichten, um eine räumliche Transparenz entstehen zu lassen.“ Das liest sich wie ein wissenschaflicher Testrahmen. Das Bild wird zum Forschungsraum, in dem eine unendliche Vielzahl von Möglichkeiten durchgespielt wird – an Farbtönen und Farbtonkombinationen, an Temperamenten im Farbauftrag sowie an Formen, in denen die Farben auf die Leinwand kommen.

In dieser Kombinatorik arbeitet Susan Stadler weder mit einem Zufallsgenerator, der Milliarden möglicher Bildvarianten auswürfelt, noch mit strenger Systematik. Sie bleibt forschende Künstlerin, ohne zur Wissenschaftlerin zu werden. Anstatt Lehrsätze zu entwicklen, stellt sie Lehrweisheiten infrage – etwa, indem sie Farbtöne kombiniert, die einander nach gängiger Einschätzung „beißen“; und sich in ihren Bildern doch vertragen.

Allerdings sind die Harmonien spannungsvoll. Das zeigt allein schon der Farbauftrag. Susan Stadler malt mit langsamer Plötzlichkeit. Sie überlegt gründlich – aber gemalt wird dann oft sehr rasch. Die Farbe wird zur Bewegungslinie, zur perforierten Schliere mit rissigen Rändern. Aber zugleich sind da Bilder, in denen die Prägnanz der Handschrift kaum noch eine Rolle spielt – in denen Farben, die sich tonlich nur schwach unterscheiden, an einer Horizontlinie aneinandergleiten; und nur an den Rändern wird kenntlich, welche Kontraste darunter geborgen sind – das Gelb, das Grün, das Rostrot.

Ein Gegensatz tut sich auf zwischen Oberfläche und Tiefenschicht. Aber auf den Gedanken, dass die Oberfläche hier die Spannung übertüncht, die sich in den unteren Bildschichten abspielt, kommt nur, wer Susan Stadlers Verständnis der Spannung nicht kennt: „Das Intervall, die Stille zwischen zwei Tönen – darin liegt die Spannung, die mein Interesse fesselt.“ Spannung als Moment der Stille – darauf kommt nur eine Künstlerin, die vom Geschick des malenden Kunststückmachers sehr weit abgerückt ist. Weil sie Bilder malt, die in den vordergründig leisesten Passagen womöglich am lautesten sind.

 

Susan Stadlers Malerei ist noch bis 10. Dezember in der temporären Galerie Kunsttresor in der Buchhornpassage in Friedrichshafen zu sehen (geöffnet Mittwoch bis Freitag 15 bis 19 Uhr, Samstag 11 bis 17 Uhr). Weitere Informationen zur Künstlerin im Internet: www.susan-stadler.de