Endlich erlebt die Sommerinsel ihre erfolgreiche Veranstaltungspremiere. "Ich danke Matthias Klingler, dass er mutig und offensiv rangegangen ist", sagt Bürgermeister Andreas Köster zur Eröffnung an die Adresse des GZH-Geschäftsführers. Vor acht Monaten trat Klingler mit der Idee einer Seebühne ans Rathaus heran, und siehe da: nun schwimmt sie, und auf ihr platziert das komplette Stadtorchester unter der Leitung von Pietro Sarno.

Auch das Stadtorchester hat sich ein Extra-Lob verdient – sein jährliches "Summer Winds"-Konzert gibt es nur eine Woche, nachdem es erstmals an den Aufführungen des Seehasenfest-Eröffnungstheaters mitwirkte. Den Elan fürs "Summer Winds"-Konzert kann das nicht schmälern, im Gegenteil: das Stadtorchester begreift die Sommerinsel als Chance, bei den Häflern noch populärer zu werden. Schon immer war dieser jährliche Open Air-Termin das bestbesuchte Konzert des Stadtorchesters – und das gilt diesmal umso mehr: Auf dem Wiesenstreifen vor der Seebühne lagern die Häfler mit Decken und Picknickkörben, viele haben sich hier fest miteinander verabredet. Die mitgebrachten Weinflaschen werden geöffnet, man stößt mit den umsitzenden Nachbarn an, schließt neue Bekanntschaften. Kurzum: Das Stadtorchester hat mit "Summer Winds" schon nach wenigen Jahren eine Tradition begründet, von der nun auch die Sommerinsel profitiert.

Und diese Insel macht eine gute Figur. Das Orchester sitzt eng, findet aber Platz auf ihr, und den beiden kleinen Lautsprechertürme, die auf Holzpaletten in der Uferzone stehen, entlocken die Techniker einen sehr guten Klang. Zwar ist die Seebühne nur acht Meter vom Ufer entfernt, aber das genügt: der Geröllsteifen zwischen See und Wiese erweitert die Distanz zum Publikum um einige weitere Meter. Wäre die Insel noch weiter draußen verankert, käme die Sicht zu kurz.

Musikalisch macht das Stadtorchester keine halben Sachen. Luftige und humorvolle Stücke stehen unter dem Motto "Latin Rhythms" auf dem Programm: Alfred Reeds "Second Suite for Band" ist gute Laune in vier Sätzen – einleitend ein Calypso, der fast schon Slapstick-Stummfilmen beigegeben werden könnte. Der verträumte zweite Satz verarbeitet Tango – nicht den argentinischen, sondern eine sanftere brasilianische Spielart. Der dritte ist ein knappes Intermezzo und doch ein übermütiges Kabinettstück mit viel Augenzwinkern seitens der Klarinettisten – und im vierten trifft eine militärische Signalfanfare auf stolze Stierkampf-Atmosphäre. Marsch- trifft auf Tanzmusik und der Torero bittet den Stier nicht in die Arena, sondern aufs Parkett.

Dann schlägt die Stunde der beiden Gäste des Stadtorchesters: Shaun & The Wolf aus Detmold. Mit zwei Posaunen marschieren sie zur Seebühne und spielen dabei ein Stück des Jazz-Traditionalisten Wynton Marsalis: Mit "In the Court of King Oliver" versetzen die Beiden die Zuhörer röhrend in die Zeit des frühen New Orleans-Jazz. Mit Spezialistenmusik für Eingeweihte haben Shawn Grocott (Posaune) und Wolfgang "Wolf" Meyer (Posaune, Gitarre) so wenig im Sinn wie das Stadtorchester, und so bestreitet das Duo den Rest der ersten Hälfte mit lockerem Braziljazz: Marco Rivas "Altas Horas" und Antonio Jobims "Dindi", verteilt auf Posaune und Gesang. Insbesondee Shawn Grocott hat dabei Gelegenheit, sein improvisatorisches Können zu zeigen, das magnetisch von der Melodie angezogen wird. Die besten Stücke von Shawn & the Wolf sind aber ihre eigenen. Und so ist "Groove No. 1" ein Stück Funkjazz mit Scat-Gesang, zu dem der mitgebrachte Roséwein doppelt gut schmeckt.

Dass Shawn & The Wolf in Friedrichshafen sind, ist der "Detmold-Connection" von Pietro Sarno zu verdanken, der in Detmold an der Hochschule für Musik studierte. Eben dort ist Shawn Grocott Dozent und Leiter der Hochschul-Bigband. Und noch einen weiteren Detmolder braucht es für diese Unternehmung: Sarnos ehemaligen Studienkollegen Manuel Grunden, der für die zweite Konzerthälfte sämtliche Arrangements geschrieben hat und beim Konzert Schlagwerk spielt. Diese "Weltpremieren" (Pietro Sarno), vom Orchester mit Shawn & the Wolf gemeinsam gespielt, sind der eigentliche Ohrenschmaus des Abends. Das Zusammenwachsen zum Jazzorchester wird mit dem coolen Standard "Stolen Moments" schon einmal ausprobiert, ehe die Eigenkompositionen der beiden Detmolder folgen. Sanft orchestrierte Zartheiten, deren Gitarrenpart auch von einem Pat Metheny stammen könnte, der sich mit der Welt im Einklang fühlt. Das Stadtorchester lasiert bisweilen nur ganz zarte Klangfarben und verzaubert wegen eben dieser Luftigkeit. Manuel Grundens Arrangements sind wunderschön, weil sie atmen, das rechte Verhältnis zwischen Intimität und Orchesterfülle ausloten und den beiden Solisten Raum für Soli lassen. Schließlich verwandelt sich das Stadtorchester gar zum großen Bossa-Orchester – und wendet sich in der Zugabe mit viel Schmiss den Beatles zu: Can't buy me love" gibt den leicht verjazzten Rausschmeißer. Aber was heißt Rausschmeißer – die gemütlichen Picknick-Runden lösen sich noch lange nicht auf. Warum auch; bis zum Regenguss um Mitternacht bleibt noch reichlich Zeit.