Ein Haus in direkter Seenähe, kaum einen Steinwurf vom Ufer entfernt: Die Fildenstraße in Fischbach gehört zu den teuersten Wohnlagen in Friedrichshafen. Hier entsteht zwischen schnuckligen Altbauen ein neues Haus, doch seit Monaten ruhen die Bauarbeiten. Handwerker wurden hier lange nicht gesehen. Im "Westend" der Stadt munkelt man, der Bau sei eingestellt worden, weil er viel zu hoch sei.

Die Spekulationen um den Neubau sind deshalb ein wenig pikant, weil Eigentümer des Grundstücks und Bauherr Andreas Schell ist, seit 2017 Vorstandsvorsitzender von Rolls-Royce Power Systems (RRPS). Und: Zwei direkte Nachbarn stehen ebenfalls regelmäßig im öffentlichen Licht und Interesse, Oberbürgermeister Andreas Brand und Gemeinderat Bernhard Leins.

Fakt ist: Der Bau wurde vom Bauordnungsamt der Stadt tatsächlich eingestellt, "da er von der erteilten Baugenehmigung abweicht", erklärt Pressesprecherin Monika Blank auf Anfrage. Das treffe auch auf die Höhe des Gebäudes zu. Inzwischen habe der Bauherr einen geänderten Bauantrag gestellt, der derzeit auf Vollständigkeit geprüft werde. Grundsätzlich sei bei der Genehmigung von Bauanträgen dort, wo ein Bebauungsplan besteht, maßgeblich, ob die Planung diesen Vorgaben entspricht oder gegebenenfalls Befreiungen davon erteilt werden können. Das gelte auch für Änderungsanträge, so die Auskunft der Verwaltung. Der Bauherr selbst möchte zu Problemen an seinem Privatbau keine Stellung nehmen.

Ausnahme bestätigt die Regel

Durch dieses vorerst stillgelegte Bauvorhaben rückt aber auch ein anderes Haus in den Fokus, das schon zehn Jahre steht, aber gestalterisch ebenfalls aus der Baulinie heraus fällt. Zwei Häuser weiter steht das einzige Gebäude in der gesamten Wohnsiedlung, das ein sogenanntes Pultdach und großzügig verglaste Fronten zur Südseite hat. Alle anderen haben klassische Satteldächer. Während die Nachbarschaft maximal über eine Gaupe im Dachgeschoss das Seepanorama genießen kann, bietet sich dieser Blick hier über die gesamte Hausbreite.

Für dieses Haus samt Grundstück gilt allerdings ein anderer Bebauungsplan, der "Fischbach-Süd, Teilgebiet Fildenstraße" heißt und Nummer 186 in Friedrichshafen ist. Der wurde im Juli 2007 vom Gemeinderat beschlossen, um Baurecht für Einfamilien- und Doppelhäuser auf einer früheren Obstplantage und für den Hotelbetrieb der "Traube" großflächige Erweiterungsmöglichkeiten zu schaffen.

Baugenehmigung nicht eingehalten: Seit Monaten ruhen die Bauarbeiten an diesem Haus in der Fildenstraße. Bild: Katy Cuko
Baugenehmigung nicht eingehalten: Seit Monaten ruhen die Bauarbeiten an diesem Haus in der Fildenstraße. | Bild: Katy Cuko

Bauantrag vor Bebauungsplan

Jenes Pultdach-Haus gehört Familienangehörigen des "Traube"-Besitzers. Schon 2005 wurde ein Bauantrag für dieses Grundstück gestellt, der von der Stadt abgelehnt wurde. Das zweite Baugesuch datiert vom 20. April 2007; zu diesem Zeitpunkt war der neue Bebauungsplan weder beschlossen noch rechtsgültig. Der sah dieses versetzte Pultdach bereits vor, das von der Stadt auch genehmigt wurde – als erstes und einziges in der Siedlung. Nach Auskunft der Stadtverwaltung lasse der Bebauungsplan ausdrücklich Pultdächer, allerdings nur als Ausnahme zu. "Somit war keine Befreiung erforderlich", so Monika Blank.

Was so nicht ganz stimmt, denn im Bebauungsplan selbst sind Satteldächer vorgeschrieben. Die Ausnahme davon wird in den sogenannten "Örtlichen Bauvorschriften" formuliert und müsste im Plan entsprechend vermerkt werden. Zudem heißt Ausnahme nicht, dass der Nachbar nun auch mit Pultdach bauen darf. Darüber entscheidet die Verwaltung nach Ermessen. Mindestens ein Grundstückseigner in dem Areal liebäugelte ebenfalls mit einem Pultdach-Bau, bekam vom Bauamt jedoch die Ansage, dass dies nicht genehmigt werde. Das sei in dem Baugebiet eben nur ausnahmsweise möglich.