Literatur und Heimat, das ist ein schwieriges Verhältnis. Zu lange wurde Heimat zum Heimeligen verkitscht und die Literatur darüber zur Trivialliteratur. Nach 1945 war Heimat dann ein Tabuthema. Im Rahmen des Literaturherbsts nahm der Spirituskreis der Zeppelin Universität im Kino Studio 17 nun ein neues Heimatverständnis in der Literatur in den Blick – oder fragte doch danach, wie neuere Autoren das Schreiben über Heimat handhaben. Mit Thomas Bernhard wurde vielleicht der Begründer einer neuen Heimatliteratur behandelt; neu, weil der damals von seinen Landsleuten meistgehasste Österreicher zur Generalabrechnung mit seinem Geburtsland schritt; man denke nur an sein Drama „Heldenplatz“. Was Heimat ist, das bestimmt eine kollektive Erzählung, die in den Köpfen steckt. Und Bernhard bekannte sich dazu, jede Erzählung „abzuschießen“, so bald sie sich in seinem Schreiben zeige.

Von Joachim Landkammer, Maren Lehmann, Christina Weiss – und dem Gast der Runde, dem Kantor, Organist und Komponist Nikolai Gersak – wird Bernhards erster Roman „Frost“ (1963) besprochen. Ein „Text des vollendeten Überdrusses“, der eine sogartige Wirkung entfalte, so Maren Lehmann. In „Frost“ reist ein Medizinstudentin in einen Gebirgsort, um einen dort lebenden Maler zu beobachten und seine Verhaltenweisen an dessen Bruder, einen Chirurgen, weiterzugeben – nichts weiter. Der Maler hat alle seine Bilder vernichtet, hat also mit seiner Wiedergabe der Außenwelt gebrochen. Und nun schwatzt er den jungen Beobachter auf langen Spaziergängen mit seinen Monologen zu. Permanent deutet seine Rede auf das Böse und Schlechte in der Welt; ein unausweichlich negativer Heimatroman entsteht, der aber frei von jeder Erzählung bleibt.

Das Gesagte dreht sich im Kreis und weist ins Nichts. „Der Maler sendet nur; es entsteht keine Kommunikation“, befindet Maren Lehmann. Bernhard führe die Unmöglichkeit des Schreibens vor, bemerkt Christina Weiss, mit Hinweis auf einen Satz in diesem Buch: „Wörter sind immer falsch.“ Landkammer fehlen hier schlichtweg die normalen Menschen, die normal sprechen. Bernhard ist für ihn ein in den Heiligenstand Erhobener, gegen den man nichts mehr sagen dürfe; und der hier sinnfreie Sätze von sich gebe. Gersak hält dagegen: „Ich kann mich an der Schönheit eines Satzes erfreuen, auch wenn er keinen Sinn hat“.

Ganz anders als „Frost“ ist der Roman „Mittelreich“ des Bauernsohns, Schauspielers und Regisseurs Josef Bierbichler: Er erzählt vom Sohn eines Wirts, der eigentlich künstlerische Ambitionen hat. Er liebt Schubert, Mahler und Wagner, aber weil sein älterer Bruder im Ersten Weltkrieg stirbt, übernimmt nun er das Wirtshaus und den Bauernhof des Vaters. Heimat wird bei Bierbichler zum „verfluchten Zwang“ , so Maren Lehmann; Heimat ist der Ort, an dem man nicht sein will. Lehmann hält das Buch für einen konventionellen „Schmöker“, dem es an starken Sätzen fehle und den man auf die Hälfte hätte eindampfen können; dass „Mittelreich“ wenigstens nicht „erbaulich“ sei, hält Christina Weiss dem Buch zugute. Wo Bernhard jede Geschichte verweigert, entfaltet Bierbichler ein lineares Zeitporträt; eine nicht sehr originelle Kompositionsweise, die ihm angekreidet wird. Heimat ist in „Mittelreich“ der Ort, an dem man sich mit dem Mittelmäßigen abfindet. „Mittelreich“ ist denn auch keine geografische Angabe, sondern ein Adjektiv, erklärt Joachim Landkammer; als „mittelreich“ empfindet sich der Dörfler mit seinem Gasthof. Zwar ist er nicht glücklich, aber was er hat, ist besser als nichts. Heimat, das ist dort, wo man im Halbgaren versackt.

Nikolai Gersak ist in der Runde nicht zuletzt als Musikkenner gefragt, denn er stellt Robert Scheiders Roman „Schlafes Bruder“ vor, über den musikalisch hochbegabten Bauernbuben Elias Alder, der im 19. Jahrhundert in Vorarlberg aufwächst. Einig ist sich die Runde, dass das Leben im Dorf zwar derb und brutal ist, dass es aber alle seine Abnormen integriert; und derer sind viele, weil es im Dorf nur zwei Familien gibt und Behinderungen als Folge von Inzest deshalb häufig sind. Woran Elias, der musikalische Autodidakt mit dem riesigen Improvisationstalent an der Orgel, letztlich scheitert, das ist nicht das Dorf, sondern der Neid des einzigen Menschen, der ihm zu einer musikalischen Ausbildung verhelfen könnte. Nikolai Gersak las den Roman noch während seiner kirchenmusikalischen Ausbildung und ist bis heute fasziniert von Robert Schneiders Musikbeschreibungen der unspielbaren Klänge – hinter denen die Musik in der Verfilmung von Joseph Vilsmaier zurückbleibt, weil sie ins Furios-Fantastische entgleitet. „Dieses Buch hat zum Berufsstand des Organisten etwas Positives beigetragen; mehr als Cameron Carpenter“, zieht Gersak sein Fazit in Anspielung auf jenen Organisten, der mit seiner Computer-Orgel 2017 „Artist in Residence“ des Bodenseefestivals war.

Was Heimat ist, wird maßgeblich von der Erinnerung an sie bestimmt. Was aber, wenn diese Erinnerungen voller Brüche sind? Wenn sich Gegenstimmen melden, die eigene Erinnerungen ans angeblich Gewesene in Zweifel ziehen? Oder wenn man nicht mehr weiß, ob man die Schilderungen eines Dritten so ins Gedächtnis integriert, dass man sie für selbst erlebt hält? Aus diesem stückwerkhaften Erinnern gewinnt Katharina Hackers Buch „Eine Dorfgeschichte“ seine Komposition. Es ist viel Weißraum auf den Seiten dieses schmalen Buches – und er verweist auf Lücken, Abbrüche, Unsicherheiten in der Vergegenwärtigung des Gewesenen. Erzählt wird schlicht von einem Kind, das mit seinen Brüdern und den Eltern den Sommer im Odenwald verbringt, bei den Großeltern. Ziel des Buches sei es, meint Lehmann, das Geheimnis des Abgesunkenen zu rekonstruieren – „zu erzählen, was man hinter sich hat“. Das Buch ist eine Reflexion darüber, ob überhaupt ein solcher Text geschrieben werden kann. Hackers Buch sei sehr autobiografisch, bemerkt Christina Weiss – was die Autorin dazu verführe, triviale Anekdoten in den Text aufzunehmen. Für Joachim Landkammer ist „Eine Dorfgeschichte“ das wohltuende Gegenstück zu Bernhards „Frost“. „Weil für die Kinder das Dorf keine drückende Umgebung ist, in der man sich nur noch umbringen kann. Sie haben einfach Ferien und machen im Dorf Urlaub.“

 

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