Vom Werk der MTU bis hinunter zum Bodenseeufer – kaum eine Straße in Friedrichshafen hat einen so ungewöhnlichen Verlauf wie die Werastraße. Führt sie doch im Süden entlang der Schlossmauer vorbei an Villen und exklusiven Neubauten, mit einem deutlichen Knick über Zeppelinstraße und Bahnlinie, weiter als beliebte Hofener Einkaufsstraße, um bei ehemaligen MTU-Werkswohnungen aus den 1950er Jahren im rechten Winkel zur viel befahrenen Maybachstraße zu enden.

Zentrale Lage und beste Infrastruktur direkt vor der Haustür: Bernhard Glatthaar ist in der Werastraße aufgewachsen und lebt bis heute im Elternhaus. Bilder: Claudia Wörner
Zentrale Lage und beste Infrastruktur direkt vor der Haustür: Bernhard Glatthaar ist in der Werastraße aufgewachsen und lebt bis heute im Elternhaus. Bilder: Claudia Wörner

"Das interessanteste an der Werastraße ist sicher ihre Heterogenität", findet auch Bernhard Glatthaar, der hier aufgewachsen ist und bis heute im vorletzten Haus der Straße mit seiner Familie lebt. Er würde es zwar nicht jeden Tag realisieren, aber im Grunde sei in seiner Straße alles da, was man für den täglichen Bedarf brauche. Angefangen bei Ärzten und Apotheke über mehrere Bäcker, Frisör, Supermarkt, Fahrschule und Schreibwarengeschäft bis hin zum Döner-Imbiss ist die Werastraße für Nahversorger ein echter Allrounder. Donnerstags kann man sich am Marktstand am Lindenbrunnen mit frischem Gemüse eindecken und mit dem Gasthof Rebstock sorgt ein alt eingesessener Familienbetrieb mit Biergarten für Speis und Trank. Auch die Entfernungen zum nächsten Kindergarten St. Agnes und zu den Schulen sind ein Katzensprung.

Geschäfte, Ärzte, Apotheke und Gastronomie: In der Werastraße finden die Bewohner eine gute Infrastruktur. Nachteil sind Parkplatzprobleme und Verkehrslärm.
Geschäfte, Ärzte, Apotheke und Gastronomie: In der Werastraße finden die Bewohner eine gute Infrastruktur. Nachteil sind Parkplatzprobleme und Verkehrslärm.

Verkehrslärm und wildes Parken

Auf dem Balkon der Familie Glatthaar ist der Verkehrslärm deutlich zu hören. Seit die Lastwagen auf der Maybachstraße nachts mit Tempo 30 rollen, lasse sich zumindest ruhiger schlafen. "Ich habe mir schon ab und zu überlegt, ob ich auch hierher ziehen würde, wenn hier nicht zufällig mein Elternhaus stünde", überlegt Bernhard Glatthaar. Seit der Eröffnung des Norma-Supermarkts im Neubau am Ort des ehemaligen Möbelhauses Bodenmüller sei in der Anliegerstraße als letztem Teil der Werastraße ein wesentlich höheres Verkehrsaufkommen festzustellen. Der mächtige Neubau im Zuge der Nachverdichtung sei letztendlich Geschmackssache.

Geschäfte, Ärzte, Apotheke und Gastronomie: In der Werastraße finden die Bewohner eine gute Infrastruktur. Nachteil sind Parkplatzprobleme und Verkehrslärm. Bild: Claudia Wörner
Geschäfte, Ärzte, Apotheke und Gastronomie: In der Werastraße finden die Bewohner eine gute Infrastruktur. Nachteil sind Parkplatzprobleme und Verkehrslärm. Bild: Claudia Wörner

Was Bernhard Glatthaar und andere Anwohner wirklich stört, ist die geradezu wilde Parksituation in ihrer Straße. Dabei gibt es gegenüber des Supermarkts einen Parkplatz mit Schranke sowie einer Tafel, auf der die Parkgebühren notiert sind. "Leider ist der Parkplatz immer noch abgeschlossen und verkommt zur Brachfläche", bedauert Glatthaar. "Sicher würde sich hier so mancher Anwohner gern einen Parkplatz mieten, um nicht immer in den umliegenden Straßen suchen zu müssen. Aber daran besteht offensichtlich kein Interesse."

Er könnte ja wenigstens als Spielfläche für die Kindergartenkinder dienen, schlägt seine Frau, Stefanie Glatthaar, vor. Vermutlich werde hier über kurz oder lang ein weiteres Gebäude entstehen, sind sie sich ziemlich sicher. Regelmäßig werde ihr Teil der Werastraße von Lastwagen blockiert, die den Supermarkt beliefern. "Diese Situation ist ebenso wenig geklärt wie die Parksituation", so Glatthaar.

Absolut zufrieden mit seiner Straße ist er jedoch, wenn er an die Anbindung an Bus und Bahn denkt. "Wir sind in zehn Minuten am Bahnhof und die Busse fahren regelmäßig in alle Richtungen." Wenn man in Friedrichshafen irgendwo problemlos ohne eigenes Auto leben könne, dann sei es in der Werastraße.

Ein echtes Zusammengehörigkeitsgefühl in der Straße, die über ein gut nachbarschaftliches Verhältnis hinausgeht, gibt es nach Glatthaars Empfinden nicht. "Das findet sich eher in der alten Hofinger Gemeinschaft, aber die geht ja über mehrere Straßen." Natürlich kenne man sich, grüße sich und halte am Zaun oder auf dem Weg zum Einkaufen auch mal ein Schwätzchen. Ein gemeinsames Straßenfest, wie es in manchen Häfler Siedlungen üblich ist, findet in der Werastraße jedoch nicht statt. Dafür ist die Gemeinschaft der Hofener Einzelhändler, von denen ein Großteil in der Werastraße angesiedelt sind, sehr aktiv und bietet immer wieder Aktionstage.

Alles in allem ist Bernhard Glatthaar mit seiner Straße zufrieden und muss nachdenken, um Verbesserungsvorschläge zu machen. Ein Wunsch wäre etwas mehr Sauberkeit. "Aber die Kehrmaschinen kommen wegen der vielen parkenden Autos nur schwer bis zum Randstein", stellt er fest.

Siegfried Maichel, wohnt seit 20 Jahren hier: "Die Lage zum See ist in der Werastraße ideal. Die Geschäfte sind mühelos zu ereichen und mit dem Fahrrad ist man schnell im Grünen."
Siegfried Maichel, wohnt seit 20 Jahren hier: "Die Lage zum See ist in der Werastraße ideal. Die Geschäfte sind mühelos zu ereichen und mit dem Fahrrad ist man schnell im Grünen."

Blick in die Geschichtsbücher

Wo heute in der Werastraße in der Nähe des Kreisels der Lindenbrunnen steht, befand sich jahrhundertelang die Hofener Dorflinde. Der Pumpbrunnen daneben mit gusseiserner Säule und Schwengel wurde auch als Viehtränke genutzt. 1924 wurde die Linde, die bei Kanalisationsarbeiten im Wurzelbereich geschädigt war, gefällt und der Brunnen abgedeckt. Beim Bau des Eckhauses Wera-/Hochstraße entdeckte man 1959 den zugedeckten Brunnen, mauerte einen Brunnenrand aus Felssteinen und schloss eine Wasserleitung an. 1979 musste der Brunnen einer Fahrbahnerweiterung weichen. Er wurde durch ein Provisorium ersetzt und erhielt 1984 seine heutige Gestalt. Mit der Tankstelle Schindele hat die Werastraße an der Ecke zur Friedrichstraße ein architektonisches Kulturgut.

Die Deutsch-Amerikanische Petroleum-Gesellschaft hat die Tankstelle 1950 dort erbaut, wo vermutlich der älteste Tankstandort in der Stadt überhaupt lag. Bereits 1926 hatte die Petroleum-Gesellschaft hier eine Pumpanlage für ihr Benzin der Marke Dapolin (später Esso) eingerichtet, damals ein großer Fortschritt. In der Werastraße 38 wurde 1949 die Gruppe der Buchhorn-Hexen gegründet. Seit 1985 findet am Abend des 6. Januar am Lindenbrunnen die Hexenerweckung und die Hexentaufe statt. Bis zum Aschermittwoch wird der Lindenbrunnen durch das Aufsetzten der Brunnenhexe zum Hexenbrunnen. Seit 1992 feiert die Narrengruppe der See-Grendl vor der Kulisse des Schlosshafens am Anfang der Werastraße alle zwei Jahre die Taufe ihrer neuen Mitglieder in der Zunft.
Erika Drenkard, wohnt seit 55 Jahren hier: "Wir schätzen hier die Nähe zum See, zum Bahnhof, zum Einkaufen und zum Strandbad. Außerdem haben wir sehr gute Busverbindungen vor der Haustür."
Erika Drenkard, wohnt seit 55 Jahren hier: "Wir schätzen hier die Nähe zum See, zum Bahnhof, zum Einkaufen und zum Strandbad. Außerdem haben wir sehr gute Busverbindungen vor der Haustür."

 

Zahlen, Zahlen, Zahlen...

800 Meter lang ist die Werastraße

2/1 ist die kleinste Hausnummer

2 Schulen liegen mit der Merianschule und der Realschule St. Elisabeth an der Werastraße

2 Umzüge führen an der Fasnet und am Seehasenfest um den Kreisel in der Werastraße

800 Meter lang ist der Weg zum Stadtbahnhof und dauert zu Fuß 8 bis 9 Minuten

5 Minuten dauert es zu Fuß bis zum Friedrichshafener Strandbad

2 Bushaltestellen gibt es auf Höhe der Realschule St. Elisabeth

Peter Wieland, wohnt seit 50 Jahren hier: "Die Werastraße ist für mich die beste Straße in ganz Friedrichshafen, denn hier findet man alles, was man zum Leben braucht."
Peter Wieland, wohnt seit 50 Jahren hier: "Die Werastraße ist für mich die beste Straße in ganz Friedrichshafen, denn hier findet man alles, was man zum Leben braucht."

Was fehlt in meiner Straße

  • In der Werastraße fehlt es an Parkplätzen. Eine ursprünglich als Parkplatz vorgesehene Fläche gegenüber des Norma-Supermarktes ist nach wie vor nicht nutzbar. Auch die Tiefgarage im Haus ist für Einkäufer nicht vorgesehen.
  • Für Kinder gibt es keinen Spielplatz. Der nächste befindet sich auf dem Gelände des alten Friedhofs Hofen mit Schaukeln, Rutschen, Sandspielen und Wasserpumpen.
  • In der Werastraße gilt zwar Tempo 30, trotzdem wird häufig zu schnell gefahren. Deshalb wünschen sich Anwohner verkehrsberuhigende Maßnahmen.
  • Entlang der viel befahrenen Straße gibt es nur wenige Bäume. Grünflächen fehlen ganz.

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