Von außen ist das vierstöckige Haus in der Bismarckstraße 24 mitten in Friedrichshafen hübsch bunt. Drinnen herrschen unglaubliche Wohnverhältnisse, wie die Mieter schildern. Zwei Zimmer bietet hier ein Vermittler gerade auf den Seiten der Internetbörse „WG gesucht“ an. 445 Euro kalt kostet ein 14 Quadratmeter großes Zimmer in der 75 Quadratmeter großen Wohnung im obersten Stock, in der fünf Bewohner leben. Die Gesamtmiete pro Nase liegt bei 495 Euro. Dazu werden 1 000 Euro Kaution für den Mietvertrag verlangt, der auf sechs Monate befristet ist. 35 Euro Warmmiete pro Quadratmeter sind in dem Haus noch nicht mal die Spitze.

488 Euro für acht Quadratmeter

Mohamad T. (alle Namen geändert) zeigt uns seinen Mietvertrag: Er zahlt 488 Euro warm für ein etwa zwei mal vier Meter kleines Zimmer – unglaubliche 61 Euro pro Quadratmeter. In dem haben ein Bett, ein klappriger Schrank und ein Tisch Platz. Bad und Küche, beide Räume noch kleiner als das Appartement des jungen Mannes, teilen sich sechs WG-Bewohner. In die Küche passt nicht mal ein Tisch rein, auch kein Herd. Zwei Kochplatten müssen genügen. Im obersten Stockwerk halten sich manchmal doppelt so viele Bewohner wie eigentlich WG-Zimmer da sind in der Wohnung auf, erzählt ein Mann im Treppenflur. Es gebe Zimmer mit zwei oder gar drei Matratzen drin. Nicht nur Mohamad darf seine acht Quadratmeter große Bude untervermieten. Laut Vertrag sind für eine zweite Person im Zimmer 50 Euro pro Woche zusätzlich fällig.

In dem Haus wohnen Geflüchtete und Männer aus Südosteuropa, die für Firmen in oder um Friedrichshafen herum arbeiten. Auf dem Bau, auf dem Feld, in schlecht bezahlten Jobs. Sie haben keine andere Wahl, als die teure Miete für einen Schlafplatz zu bezahlen, weil der Wohnraum knapp ist und sie kein anderer Vermieter nimmt. Den Rest seines Verdienstes spart sich Serkan, erzählt er, vom Mund ab, um möglichst viel nach Hause zu schicken zu seiner Frau und den Kindern.

Jobcenter übernimmt die teuren Mieten

In der Bismarckstraße 24 wird auf vier Etagen viel Geld gemacht, denn sämtliche Wohnungen sind als WGs zimmerweise vermietet – mit staatlicher Duldung. Mohamad bekommt Geld vom Jobcenter, das seine Miete voll übernimmt. Jeden Monat 488 Euro. Wie der junge Mann wohnt, weiß das Amt nicht, will es auch nicht wissen. In seinem Mietvertrag steht nicht einmal, wie groß Zimmer, Küche und Bad sind. Das spiele auch keine Rolle, erklärt Robert Schwarz, Sprecher des Landratsamtes. Wer Sozialleistungen bekommt, hat Anspruch auf Erstattung der Unterkunftskosten. Solange die eine festgelegte Obergrenze nicht überschreiten, wird auch eine hohe Miete erstattet, wenn die Fläche entsprechend klein ist. „Wir können die Leistung nicht verweigern oder kürzen, weil uns der Mietpreis oder die Wohnqualität per se als unangemessen erscheint“, erklärt der Verwaltungssprecher. Zumal der Betroffene ja dann der Leidtragende wäre, wenn das Amt nicht zahlt.

Handelt es sich um Einzelfälle?

Aber muss eine Behörde eine Kaltmiete von 50 Euro pro Quadratmeter für ein teilmöbliertes Zimmer auf einfachstem Niveau einfach so akzeptieren? „Wir haben das Thema Mietwucher auch schon intensiv geprüft, da wir vereinzelt auf derartige Mietverhältnisse stoßen, was unsere Mitarbeiter durchaus auch innerlich wütend macht“, erklärt Robert Schwarz. „Aber wir müssen das juristisch-nüchtern betrachten. Zum Glück sind das wirklich nur Einzelfälle.“

Mietwucher ist eine Straftat

Selbst wenn es Einzelfälle sind, ist Mietwucher eine Straftat, die mit drei bis zehn Jahren Haft bestraft werden kann. Liegt die Miete über 50 Prozent der ortsüblichen Miete und nutzt der Vermieter eine Zwangslage des Mieters aus, macht er sich strafbar – wenn in der Stadt Wohnungsmangel herrscht. Übersteigt die Miete mehr als 20 Prozent, liegt zumindest eine Ordnungswidrigkeit vor, die eine Geldbuße bis zu 50 000 Euro nach sich ziehen kann. Doch gegen Mietwucher klagen und ihn belegen müsse der Mieter, sagt das Landratsamt. Daher könne das Jobcenter den Betroffenen nur raten, welche rechtlichen Schritte möglich wären. „Uns ist nicht bekannt, ob ein Mieter bereits einmal gegen den Vermieter vorgegangen wäre“, so Robert Schwarz.

Bundesweiter Präzedenzfall in Hamburg

Dabei gibt es einen bundesweit bekannten Präzedenzfall: Das Jobcenter in Hamburg-Altona ging gegen mehrere Vermieter vor, die Wuchermieten kassiert hatten. Diese Ansprüche machte die Behörde selbst geltend, weil sie die Miete ihrer Klienten ja bezahlt. Die Behörde bekam im Mai 2016 auch vor dem Landgericht Hamburg Recht. Das Jobcenter kassierte 52 000 Euro plus Zinsen bei den Vermietern wieder ein.

Mietspiegel ist für WG-Zimmer nicht anwendbar

Bleibt die Frage, was auf dem Wohnungsmarkt in Friedrichshafen in Sachen WG-Zimmer ortsüblich ist. Der Mietspiegel gibt darüber keine Auskunft. Er ist für „Einzelzimmer, die Teil einer kompletten Wohnung“ und über die Küche hinaus möbliert oder teilmöbliert sind, nicht unmittelbar anwendbar, heißt es. Außerdem beginnt die Berechnung erst ab einer Wohnfläche von 25 Quadratmeter. Fakt ist: Unter 300 Euro Kaltmiete geht in der Zeppelinstadt kaum etwas, Quadratmeterpreise von 30 Euro sind nicht selten. 61 Euro sind doppelt so viel.