"Wie viele seid ihr denn?" Staunend ruft eine Passantin in der Friedrichstraße in die nicht enden wollende Radfahrer-Kolonne hinein, die kurz nach 13 Uhr an ihr vorbeirollt. "180!" rufen ihr verschiedene Radler entgegen. Zum elften Mal fand am Samstag die traditionelle Radtour mit Oberbürgermeister Andreas Brand statt und so viele Bürger wie diesmal haben noch nie daran teilgenommen.

Erste Station: Villa Colsman

Viele ältere Semester sind unter den Radlern, aber auch ein paar Jugendliche und Familien mit Kindern. Vom Treffpunkt am Romanshorner Platz aus geht es zügig zur ersten Station. Die Villa Colsman am Maybachplatz, 1909 von Paul Bonatz entworfen und für Alfred Colsman als Wohn- und Arbeitsstätte gebaut, diente diesem lange als Schaltzentrale des Zeppelin-Konzerns, bis sie Hugo Eckener übernahm. Obwohl von Bedeutung für die Stadtgeschichte, fällt sie kaum auf und der ehemalige Garten ist eine gekieste Fläche.

Zweite Station: Fischbacher Mitte

Weiter geht's zur Fischbacher Mitte. Der warnwestengelbe Schwarm lässt sich für einen Durstlöscher im Biergarten des Bahnhofs nieder, der nach langer Durststrecke wieder bewirtschaftet wird und seit Frühsommer brasilianische Spezialitäten bietet. Schon 20 Minuten später fliegt der Schwarm wieder auf. Damit sich der Tross reibungslos im Verkehr bewegen kann, wird er von zwei ebenfalls radelnden Polizeibeamten und einem Fahrzeug der Feuerwehr begleitet. "Viele Autofahrer reagieren ausgesprochen unhöflich und ungeduldig", sagt Polizeikommissar Jürgen Traub. Und tatsächlich beginnen etliche zu hupen, während die Beamten die Straße sperren, damit die Gruppe gefahrlos queren kann. Doch die Stimmung auf dem Weg nach Riedern zur Baustelle der B 31-neu bleibt entspannt.

Auf nach Riedern: Nach einer kurzen Pause im Bahnhof Fischbach sind alle mit Begeisterung dabei.
Auf nach Riedern: Nach einer kurzen Pause im Bahnhof Fischbach sind alle mit Begeisterung dabei. | Bild: Anette Bengelsdorf

Dritte und vierte Station: die derzeit längste Straßenbaustelle des Landes

"Ich habe noch nie eine solche Akzeptanz einer Baustelle erlebt", sagt Reinhold Hertnagel. Er hat die Bauoberleitung und ist, wie er sagt, auch verantwortlich für Dreck und Stau im Baustellbereich. Die 7,2 Kilometer lange und 140 Millionen Euro teure, derzeit längste Straßenbaustelle Baden-Württembergs soll ab 2020 genervten Bürgern die ersehnte Verkehrsentlastung bringen.

Noch sieht man in Riedern viel Dreck und scheinbares Chaos – im Jahr 2020 soll der 7,2 Kilometer lange Abschnitt der B 31-neu befahrbahr sein.
Noch sieht man in Riedern viel Dreck und scheinbares Chaos – im Jahr 2020 soll der 7,2 Kilometer lange Abschnitt der B 31-neu befahrbahr sein. | Bild: Anette Bengelsdorf

 

Einen spannenden Einblick in die Bautechnik bietet auch die nächste Station, die Tunnelbaustelle in Waggershausen. 700 Meter lang ist der tiefe Graben mit Spritzbeton gesicherten Wänden, zieht sich durch bebautes Gebiet, so dass rechts und links wenig Platz für Baustellenlogistik bleibt.

Der Tunnel in Waggershausen zieht sich als 700 Meter langer Graben durch die Stadt. Die Radtourteilnehmer sind beeindruckt von der Technik.
Der Tunnel in Waggershausen zieht sich als 700 Meter langer Graben durch die Stadt. Die Radtourteilnehmer sind beeindruckt von der Technik. | Bild: Anette Bengelsdorf

Fünfte Station: Eintrachtstraße in Allmannsweiler

Gemessen daran ist vom Bauprojekt in der Eintrachtstraße in Allmannsweiler noch wenig zu sehen. "Hier wird ein Quartier entstehen, das jungen Familien eine Heimat geben wird", erklärt Andreas Brand und macht Hoffnung, dass das, was an diesem Brennpunkt einst aus dem Ruder lief, wieder eingefangen werden kann. Um 16.35 Uhr steigt die Gruppe zum Endspurt wieder auf die Fahrräder und bricht in Richtung Freiwillige Feuerwehr auf. "Ich bin heute zum ersten Mal dabei", erzählt Franz Pech. Freunde hätten ihn zur Radtour überredet. Es würde am Abend gegrillt und es gebe Bier. Das habe ihn vollends überzeugt.