Ehe es losgeht, ist eine Dame schon mit ihrem Rollator weitergewandert. "Ich fange sie mal eben ein", sagt Betreuerin Elisabeth Rossmann. Als sie zurück ist, fragt Museumspädagogin Antje Mayer die Ausreißerin: "Haben Sie schon einmal einen Zeppelin gesehen?" Sie antwortet: "Ja, natürlich, ich lebe ja über 20 Jahre hier."

Mayer führt Menschen mit leichter Demenz durch die Ausstellung "Innovationen!" im Zeppelin Museum. Sie beginnt mit der Vorstellung des Werkstoffs Aluminium, der den stabilen Leichtbau der ersten Luftschiffe erst ermöglichte. "Hatte einer von Ihnen etwas mit Metall zu tun in seinem Beruf?", fragt sie. "Nicht direkt, aber ich habe Zeichnungen gemacht, nach denen auch mit Aluminium gebaut wurde", sagt die alte Dame. "Sie waren technische Zeichnerin? Dann habe ich gleich ein Schmankerl für Sie: Wir sehen uns den ersten überverdichteten Motor von Herrn Maybach an." Maybach kennt die Dame. Von jetzt an ist sie dabei, steht immer ganz vorne und hört aufmerksam zu.

Eigentlich macht sie bei Menschen mit leichter Demenz nicht viel anders als bei anderen Führungen, sagt Museumspädagogin Antje Mayer.
Eigentlich macht sie bei Menschen mit leichter Demenz nicht viel anders als bei anderen Führungen, sagt Museumspädagogin Antje Mayer. | Bild: Corinna Raupach

Immer wieder: die Erinnerungen

Anschaulich erzählt Mayer, wie sich aus den Ideen des Grafen Zeppelin eine ganze Branche für Innovationen am Bodensee entwickelt hat, wie eine Erfindung zur nächsten führte und wie der Graf mit sicherer Hand Ingenieure und Visionäre aus ganz Deutschland um sich sammelte. Dabei spricht sie die Teilnehmer immer wieder persönlich an und fragt nach ihren Erinnerungen. "Sind Sie noch mit einem Auto gefahren, bei dem man Zwischengas geben musste?", fragt sie, als es um die Entwicklung der Getriebe geht. "Mit der Schaltung hatte ich am Anfang Probleme", sagt einer, ein anderer sagt: "Naja, das ging ganz gut – mit der Zeit." "Automatik fahre ich gar nicht gern, da fehlt etwas", ergänzt ein weiterer.

Erfahrungen der Menschen mit einbeziehen

Zehn Teilnehmer und fünf Begleitpersonen sind dabei. Einige kommen aus dem Pflegeheim St. Johann in Tettnang, andere gehören zur Selbsthilfegruppe für Menschen mit beginnender Demenz. Zwischendurch erkundigt sich Antje Mayer, ob alle sie gut verstehen und ob es ihren Gästen gefällt. "Eigentlich mache ich bei Menschen mit leichter Demenz nicht viel anders als bei anderen Führungen", sagt sie. "Ich versuche, die eigenen Erfahrungen der Leute einzubeziehen, sodass sie merken, Innovation hat auch etwas mit ihrem Leben zu tun." Der persönliche Kontakt ist ihr wichtig. Alle bekommen zu Beginn ein Namensschild, damit sie sie mit Namen ansprechen kann.

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Bei Teilnehmern mit fortgeschrittener Demenz beginnt der Rundgang mit einer Runde Kaffeetrinken. Oft bringt Mayer dafür selbst gebackene Zimtschnecken mit. "Sinnliche Eindrücke sind ganz wichtig, der Duft von Kaffee oder von Kindheitserinnerungen ist positiv besetzt", sagt sie. Wenn die Teilnehmer dann erzählen, entscheidet sie spontan, auf welche Exponate sie anschließend besonders eingeht. "Es ist gut, wenn ich an etwas anknüpfen kann." Auch in andere Gruppen versucht sie sich einzufühlen. "Der Gebärdendolmetscherin für Führungen mit Gehörlosen schicke ich vorher die Texte zu, damit sie sich vorbereiten kann. Gebärdensprache hat nämlich eine eigene Grammatik." Blinde Teilnehmer dürfen nicht nur viel anfassen und bekommen eine bildlich gesprochene Einführung. "Da bereite ich mich besonders gut vor, oft informieren die sich vorher und haben ganz spezielle Fragen."

"Da ist so ein Loch in meinem Kopf"

Dieses Mal endet der Rundgang mit dem Kaffeetrinken im Museumsrestaurant. In einer Stunde haben sie die halbe Ausstellung geschafft. "Für den zweiten Teil müssen Sie einfach noch einmal kommen. Ich freue mich darauf, Sie wiederzusehen", sagt Mayer. "Wenn man alles anschauen will, muss man morgens kommen und hier Mittagessen", sagt ein Teilnehmer, aber er gibt gleich zu: "Es war aber auch so ein wenig anstrengend." Ein ehemaliger Bauingenieur ist froh, dass er endlich mal im Zeppelin Museum war. "Dabei bin ich hier groß geworden, die alten Luftschiffe, die LZ 127 und LZ 129, habe ich noch gesehen." Seiner Tischnachbarin hat die Führung gefallen. Was besonders interessant daran war, weiß sie schon nicht mehr. "Ich kann das gar nicht sagen. Da ist so ein Loch in meinem Kopf", beschreibt sie. "Aber es hat Freude gemacht, ich gehe immer gern mit."

Die Selbsthilfegruppe macht ein paar mal im Jahr Ausflüge wie diesen. "Ab und zu ein Tapetenwechsel ist ganz wichtig," sagt auch Susanne Böhm vom Pflegeheim St. Johann. Sie war schon mit einer anderen Gruppe hier, manchmal geht sie mit Bewohnern auch einfach auf den Markt und Eis essen.

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