Die E-Gitarre stirbt! Dieses Menetekel malte unlängst das Musikmagazin Rolling Stone an die Wand. Es warnte vor dem Tod der Sechssaitigen in der Rockmusik. Die Antwort vieler Leser kam prompt: Schwachsinn sei diese Diagnose, las man im Online-Forum; und dass das Verschwinden der Stromgitarre nur Leute verkünden könnten, die außer aktuellem Designer-Pop nichts auf dem Schirm haben.

Das Publikum der Band Stormfire dürfte das ähnlich sehen. Es rennt dem Theater Atrium die Türen ein. Stormfire, das ist Bluesrock mit E-Gitarren in der Doppelspitze. Stephan Backes und Mike Stöcker sind freundliche und besonnene Menschen – aber wenn sie den Ten Years After-Klassiker "Love like a man" spielen, wächst kein Gras mehr. Die Energie ihrer Soli erinnert an die Wucht eines Hochspannungsmasten, der – mit besten Haltungsnoten! – in sich zusammenkracht. Und so ist das permanent bei diesem Gemisch aus Blues, Boogie, Rock und Metal, der den vielen Tänzern im Atrium die Kniescheiben verdreht.

Man könnte viel falsch machen mit einem Crossover-Gemisch, das in den 80ern leider ins gelackte Mainstream-Radio abbog. Aber mit jungen Bands wie etwa den Blues Pills und auch Alt-Rockern wie der All-Star-Band Black Country Communion erlebt die kantig-urwüchsige Rockmusik derzeit wieder ein Revival.

Hinter großen Namen brauchen sich Stormfire nicht zu verstecken. Sie spielen sich von den 60ern bis in die Gegenwart, von Cream bis Jessie Galante, von Deep Purple bis Joe Bonamassa. Mit dem tumben Dampfhammer hat das Quintett dabei nichts zu schaffen – der verspätete Glamrock von Cheap Tricks "I want you to want me" besitzt deshalb auch den ganzen Witz des Originals; nur eben mit mehr Durchschlagskraft.

Ilona Obermüller ist eine Rockröhre, die es – schneidig und schneidend – mit den Mikrofon-Machos des Metiers aufnimmt, indem sie deren Songs einfach selber singt. Den puren Sexismus des Liedes "Stoop Down" verwandelt sie dabei zum Selbstverteidigungsgriff, der den Komponisten dieser Nummer mit seinem eigenen Schwung auf die Bretter schickt: den Blues-Klops Popa Chubby.

Wie viele Rockklassiker es gibt, die man allein schon am Schlagzeug erkennt: "Suzie Q" zum Beispiel, oder "Fortunate Son". In beiden Fällen zeigt Schlagzeuger Nick Dörr, was eine Harke ist und dass er im Zusammenspiel mit dem Rest der Band so wesentlich ist wie John Bonham für Led Zeppelin. Uwe Wagner wiederum wummert Neil Youngs Sozialdrama "Rockin´ in the free world" so bedrohlich aus den Basssaiten, dass man davor gefeit ist, den Song wegen seines Refrains als selbstbesoffenen Jubel auf den westlichen Lebensstil misszuverstehen.

Zum Überflieger auf dem Tanzparkett wird aber ganz besonders ein Medley: Stormfire verknüpfen "Always on the run" von Lenny Kravitz mit Stevie Wonders "Superstition". Das geht nicht nur extrem auf die Hüftpfannen, sondern zeigt nebenbei auch, dass Stevie von Lenny eine Stange Tantiemen einklagen könnte, wenn er es darauf anlegte.

Immer wieder wechselt Mike Stöcker von der E-Gitarre zum Keyboard und verwirrt einem die Sinne mit giftigen Orgelklängen. Sie legen sich auf die Lauer wie die Schlage, die auf das Kaninchen wartet und erinnern damit an die besten Nummern von Santana; nur, dass man sich beispielsweise mitten in einem Song von CCR befindet.

Klar, Stormfire machen Rock. Aber zur konservativen "Classic Rock"-Fraktion, die bei Konzerten die Staubschicht auf den alten Lieblingsplatten nachspielt, gehört diese Band nicht. Dafür gibt es auch keinen Grund; weil weder die E-Gitarre noch der Rock so tot ist, wie manche gerne schreiben.