Schule, Ausbildung, Beruf und irgendwann Familie – so sieht der Plan vieler Frauen aus. Aber nicht selten ist die Reihenfolge vertauscht, so wie bei Sibel Babak aus Friedrichshafen. Die 20-Jährige wuppt sogar einiges parallel: Realschulabschluss mit Baby, gefolgt von einer Berufsausbildung in Teilzeit mit Kleinkind.

Rektor und Lehrer bestärken Schülerin in ihrem Beschluss

Vor drei Jahren stand Sibel Babak kurz vor Beginn der zehnten Klasse vor der Frage, ob sie auch mit Babybauch zur Schule gehen sollte oder nicht. „Ich wollte nicht nur mit dem Hauptschulabschluss von der Schule gehen und sowohl der Rektor als auch die Lehrer der Schreienesch-Schule in Friedrichshafen haben mich in meinem Entschluss bestärkt“, erinnert sie sich an die nicht ganz leichte Zeit. Während der Schwangerschaft habe sie in der Schule keinen einzigen Tag gefehlt. Im Februar kam die kleine Mila zur Welt und kurz danach waren schon die Prüfungen zur Mittleren Reife.

Baby Mila war in der Schule immer dabei

„Nach der Geburt hatte ich Mila immer in der Schule dabei. Mir wurde sogar ein Raum zum Wickeln und Stillen bereitgestellt“, erzählt Sibel Babak von der besonderen Situation im Klassenzimmer. Hilfreich sei gewesen, dass Mila ein sehr ruhiges Baby war, das viel geschlafen habe. „Eigentlich haben mich alle unterstützt. Eine Lehrerin hat mir sogar Sachen für die Kleine geschenkt.“

Ihr Lohn: eine Mittlere Reife mit 2,3

Mit einem Notendurchschnitt von 2,3 hielt Sibel Babak am Ende des Schuljahrs ihr Mittlere-Reife-Zeugnis in der Hand.

Im Herbst startet Sibel Babak ihre Ausbildung

Inzwischen ist Mila zweieinhalb Jahre alt und für ihre Mama ist jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen, um beruflich durchzustarten. Im September beginnt sie bei der Hautarztpraxis „Dermatologie am See“ eine Ausbildung zur Medizinischen Fachangestellten in Teilzeit.

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Unterstützung durch Kurs des Jugenddorfwerks

Unterstützung auf dem Weg zum Ausbildungsplatz erhielt sie durch das Christliche Jugenddorfwerk Deutschlands (CJD) Bodensee-Oberschwaben in Friedrichshafen, wo sie seit November den Kurs „TAPch@t“ besucht. TAP steht dabei für Teilzeitausbildung für Alleinerziehende und Pflegende.

Tipp von der Fallmanagerin im Jobcenter

Vorgeschlagen wurde ihr der Kurs von ihrer Fallmanagerin beim Jobcenter. Neben Unterricht mit Fächern wie Deutsch, Mathematik und EDV als Vorbereitung auf die Berufsschule stehen im Laufe des Kurses verschiedene Praktika auf dem Plan.

Nach einem Praktikum hatte die junge Mutter den Ausbildungsplatz sicher

Bei „Dermatologie am See“ hatte Sibel Babak ihre Bewerbungsunterlagen für ein Praktikum nicht nur abgegeben, sondern immer wieder nachgehakt, ob und wann sie erste Erfahrungen in dem Ausbildungsberuf sammeln könnte. Schließlich klappte es. „Mir hat es in der Praxis von Anfang an super gefallen“, berichtet sie. Der gute Eindruck beruhte offensichtlich auf Gegenseitigkeit, denn nach 14 Tagen hatte die junge Mutter die Zusage für den Ausbildungsplatz zur Medizinischen Fachangestellten in Teilzeit in der Tasche.

Berufsschule geht nicht in Teilzeit

Dabei bedeutet Teilzeit keinesfalls halbtags am Vormittag, sondern etwa 80 Prozent. Denn die Berufsschule ist nicht auf Teilzeit reduziert, sondern entspricht der Vollzeitausbildung. Jede zweite Woche muss Sibel Babak an zwei Tagen zur Berufsschule nach Aulendorf, in der anderen Woche einmal.

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Gesicherte Kinderbetreuung als wichtige Stütze

„Wenn die Kinderbetreuung gesichert ist, schaffen es die Frauen in der Regel sehr gut, Ausbildung und Familie unter einen Hut zu bringen“, ist die Erfahrung von Kursleiterin Antje Thüncher vom CJD Bodensee-Oberschwaben. Im Fall von Sibel Babak lag der Knackpunkt bei der Betreuung für die kleine Mila. „Es war sehr schwierig, für meine Tochter einen Ganztagesplatz zu finden. Da hat mir Frau Thüncher sehr geholfen.“

Möglichkeit zur Teilzeit-Ausbildung bereits seit 2005

Teilzeit-Azubis sind für Arbeitgeber immer noch die Ausnahme, obwohl es die Möglichkeit schon seit 2005 gibt. Das Modell funktioniert in allen Ausbildungsberufen, von der Erzieherin über Bäckereifachverkäuferin und Kauffrau für Bürokommunikation bis zur Rechtsanwaltsfachangestellten. „Die Teilzeit-Ausbildung ist in jedem Fall ein Sprungbrett ins Berufsleben“, sagt Antje Thüncher.