Warum eigentlich traut man einem George aus Louisiana oder einem Charles aus New Jersey mehr Soul zu als einem Jan aus Luzern? "Verhältnisblödsinn" würde Jan Dettwyler alias Seven dazu vielleicht sagen. Der Schweizer Soul-Sänger bewies am Samstagabend im großen Zelt beim Häfler Kulturufer, warum obiges Vorurteil Quatsch und er eine Ausnahmeerscheinung ist. "Wir sind heute zum ersten Mal hier und – Wow", sagte der 38-Jährige. Die Kulisse gefiel dem Sänger. "Das erste Mal ist sehr entscheidend", erklärte er weiter. Wird's eine Affäre, führt es zur Hochzeit, bleibt es rückblickend irgendein Date? Das liegt an beiden Seiten.

Ohne ein einziges Wort über Musik zu schreiben, könnte man einen sehr langen Text über ein Seven-Konzert zustande bringen. Über seinen Einstieg in den Abend – durch den großen Eingang kommend, durch die Reihen des Publikums laufend, hier eine Hand schüttelnd, dort auf eine Schulter tippend. Er schaute sich nicht zum letzten Mal an diesem Abend die Bühne aus Perspektive der Zuhörer an. Über seinen Umgang mit einem weiblichen Fan – "Ich will dein Handtuch!" Verdutztes Gesicht. "Das brauche ich noch", sagt er, grinst. Holt dann doch zur Wurfbewegung aus und – wirft den nassen Lappen hinter sich Richtung Schlagzeug. Über die Tatsache, dass es den 38-Jährigen mitten im Set wieder auf die Zuschauerränge zieht. Er setzt sich, schäkert mit den Leuten, schaut und hört seinen Musikern zu. Animiert die Zuhörer schließlich zum Aufstehen. Und dann ist sie doch da, die Musik. Sie ist überall. Sie geht so sehr in die Beine, dass es nur noch wenige gegen Ende des Konzerts auf den Sitzen hält.

Sie geht so sehr ins Blut, dass gute 80 Prozent der Zuhörer beim letzten Song vor der Bühne stehen und hüpfen, so hoch sie können. Und das Publikum ist im Schnitt gar nicht mal so jung, wie man es vielleicht erwarten würde.

Eine Stunde vor dem Konzert spielte Seven mit seiner Band mitten auf dem Kulturufer – kostenlos und für alle.
Eine Stunde vor dem Konzert spielte Seven mit seiner Band mitten auf dem Kulturufer – kostenlos und für alle. | Bild: Harald Ruppert

Erste Flirtversuche gab's vor dem Konzert schon draußen vor dem Zelt: Da spielte Seven spontan für alle. Das gab's noch nie beim Kulturufer. Wenn beim ersten Date Themen wie der Uterus, die Parallelen von Schweiß und Pipi, Flüchtlingsboote und Facebook-Kommentare zur Sprache kommen, kann man Seichtigkeit schonmal ausschließen. Seven ist lustig, charmant, ernst, nachdenklich, fordernd, doppelbödig. Die vielen Facetten seines neuen Albums "Four Colors" kommen nicht von ungefähr. Die vier Farben, die die Platte prägen, sind auch an diesem Abend im Zelt gegenwärtig. Blau ist Melancholie, Gelb ist Soul, Rot ist R&B, Violett ist Funk – Purple, eine Hommage an Prince. Dessen Einfluss klingt deutlich heraus. Stimmlich muss sich Seven nicht hinter dem 2016 verstorbenen Multitalent verstecken. Vor allem in den Höhen klingt das nach viel mehr als erstes Date. Noch eine Verbindung gibt es zur Pop-Ikone: Sevens Keyboarderin Rose Ann Dimalanta (RAD) war einst mit Prince unterwegs. Sie ist mit einem Deutschen verheiratet und lebt in Konstanz. RAD ist nicht die einzige musikalische Ausnahmeerscheinung – neben dem Sänger – in dieser Band. Trompeter Lukas Thoeni spielt ein Solo mit dem Flügelhorn, das das Herzklopfen nochmal anfeuert. Percussionist Micha Dettwyler, der nicht nur zufällig auch so heißt, sondern Sevens Bruder ist, klingt immer wieder durch den stimmig-souligen Soundteppich durch. Quasi nebenbei singt er auch noch Backing Vocals, ebenso wie RAD am Keyboard.

Erstes Date in Friedrichshafen, lange Beziehung in der Heimat: In der Schweiz ist Seven schon seit vielen Jahren eine Größe. Viele Fans sind an diesem Abend über den See gekommen, um ihn zu sehen. Den Durchbruch in Deutschland schaffte er erst mit der TV-Sendung "Sing meinen Song". Die Karriere-Beschleunigung hat ihm nicht geschadet. Das mag auch seinem Lebensalter geschuldet sein und der Tatsache, dass er alles andere als ein Neuling im Dasein als Musiker ist. Mit 38 ist man auch locker genug, vom ersten Mal Heulen im Tonstudio zu erzählen und das Publikum mal eben zu bitten, bei "Don't help me" die Augen zu schließen – bis zur Zeile "Open your Eyes". Vor allem: Die Gebetenen tun das dann auch. Dieses erste Date bringt Tiefe mit sich und fordert auch viel ein. "Heute Abend ist Friedrichshafen meine Stadt aus Gold." Wer so viel Honig schmiert, bekommt den Vertrauensvorschuss natürlich auch.

"Was für ein erstes Date!" ruft ein begeisterter Seven am Ende in die begeisterte Menge. Hüpfende Beine, hüpfende Herzen. Alle tanzen, schwitzen und sind abgefüllt mit Glückshormonen. Lass es Liebe sein, Seven. Für immer. Friedrichshafen will mehr als nur einen schönen Abend mit dir.