Viel ist nicht überliefert aus den ersten Jahren des 1956 gegründeten Fanfarenzugs. Vielleicht war das „Trommler- und Fanfarenkorps des Graf-Zeppelin-Gymnasiums und des Seehasenfestes“, wie die damals übliche Bezeichnung lautete, überhaupt nicht auf ein mittlerweile 60-jähriges Bestehen des heutigen Seehasen-Fanfarenzugs ausgelegt, sondern nur als weitere Gruppe für den Festumzug gedacht.

Drei Namen sind jedoch überliefert: Da ist zunächst Oberstudienrat Erich Deisel. Er hat Musik am Graf-Zeppelin-Gymnasium unterrichtet und den Anstoß für die Gründung des Fanfarenzugs gegeben. „Ich selbst hielt mich für völlig unmusikalisch. Die Ergebnisse der Notendiktate bestätigten diese Einschätzung und seinen Benotungen nach zu urteilen, schloss sich Herr Deisel eindeutig meiner Auffassung an“, schrieb Gerhard Kunze 2006 in die Chronik der „Roten“, wie der Seehasen-Fanfarenzug wegen der Uniformfarbe gern genannt wird. „Weil Gefühl für Takt und Rhythmus vorhanden waren, hab ich mich damals trotzdem freiwillig gemeldet“, sagt Gerhard Kunze heute. Der erste Übungsort sei ein kleiner Holz verarbeitender Betrieb an der Ravensburger Straße gewesen, dort habe man vor aufgebockten Holzbrettern gelernt, die Trommelstöcke korrekt in den Händen zu halten und erste rhythmische Schlagfolgen und Wirbel geübt, erinnert sich der damals 13-Jährige.

Ausgebildet wurden die vier Trommler und zwei Fanfarenspieler von Karl Bott aus Ravensburg, das ist der zweite wichtige Name. „Wir wurden unterrichtet von einem älteren Mann, der beim Militär Trommler und Fanfaren ausgebildet hat. Der war nett zu uns, aber er hat uns schon gezeigt, wo's lang geht“, erinnert sich Karl-Heinz Münzer, der eine der ersten beiden Fanfaren gespielt hat: „Wir haben nicht nach Noten, sondern rein nach Gehör gespielt.“ Die Trommler hatten es da schwerer, sie haben sich beim Üben der Figuren und Märsche so manche Blase an den Fingern geholt, ehe sie auf richtigen Landsknecht-Trommeln spielen durften. „Schlagfelle aus Naturmaterial waren teuer, und wenn die fest gespannt sind und man ordentlich drauf schlägt, dann ist das Fell kaputt“, erklärt Gerhard Kunze. Karl Bott hatte das feste Ziel vor Augen, aus den Jungs disziplinierte Marschtrommler zu machen, dafür setzte er seine ganze Autorität ein. „Er ist mit dem Spazierstock nebenher gelaufen und hat uns gehörig auf die Waden geklopft, wenn wir aus dem Takt gekommen sind“, weiß Gerhard Kunze noch ganz genau. Diese Methode hatte Erfolg: Zum Seehasenfest 1957 hatten die vier Trommler vier Märsche im Repertoire und durften damit beim Seehasen-Festumzug marschieren. „Anfangs noch in weißen Unterhemden und schwarzen Turnhosen“, sagt Karl-Heinz Münzer.

„Diese vier Trommelmärsche haben all die Jahre überdauert und werden heute noch gespielt. „Der Tambourmajor hat uns damals einfach die Zahl mit den Fingern der linken Hand signalisiert“, so Gerhard Kunze. Und hier kommt der dritte Name ins Spiel: Erster Tambourmajor war Dieter Friebe.

Mit zwölf Jahren der Jüngste war vermutlich der zweite Fanfarenspieler der Gruppe, Manfred Weiss. “Herr Deisel kam auf mich zu und fragte mich, ob ich mitmachen will. Natürlich war ich Feuer und Flamme, vor allem deshalb, weil ich von Efrizweiler kommend, bei meinen Freunden in Friedrichshafen übernachten durfte und mein Vater nicht gewusst hat, wann ich ins Bett gehe“, erinnert er sich. Zu dieser Zeit war Manfred Weiss bereits erster Trompeter, sowohl im Schülerorchester des Graf-Zeppelin-Gymnasiums, als auch beim Musikverein Kluftern. „Ich bin neun Jahre lang in die Schule geradelt, und nur wenn es ganz kalt war, hab ich das Zügle nehmen dürfen“, erzählt er weiter aus dieser Zeit, „wir hatten damals von der Stadt nur die Fanfaren und den Wimpel mit dem Stadtwappen an der Fanfare bekommen, das Häs haben wir uns beim Stadttheater Ulm ausleihen müssen.“ Das änderte sich aber schnell, schon 1959 bekamen die Trommler und Fanfarenspieler vom Seehasen-Fanfarenzug das erste eigene Kostüm. Wo sie gespielt haben, brandete Applaus auf und es haben Fotoapparate geklickt. „Wenn wir am Paulinenstift vorbei gingen, das war richtig nett, dann kamen die Paulinchen und haben uns Rosen an die Instrumente gesteckt“, erzählt Gerhard Kunze. Und Karl-Heinz Münzer resümiert: „Ich war 16 und so ein Fanfarenzug war etwas ganz Neues. Die Musik und die Kameradschaft, das hat einfach Spaß gemacht, wir waren wie eine große Familie.“

Fanfarenklänge zuerst in Frankreich

Der 1956 entstandene Seehasen-Fanfarenzug (SFZ) war der erste Fanfarenzug, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Friedrichshafen gegründet wurde. Damit ist der SFZ einer der ältesten Fanfarenzüge in Baden-Württemberg. Ursprünglich wurde jedes Signal als Fanfare bezeichnet. Für höfische und militärische Zwecke kam Fanfarenmusik zuerst in Frankreich in Mode. Erst im 18. Jahrhundert wurde Fanfarenmusik im deutschsprachigen Raum übernommen. Frühe Fanfarenklänge finden sich auch in Beethovens „Fidelio“, in Mozarts „Zauberflöte“ und in vielen Werken von Richard Wagner. Historische Fanfarenklänge hatten meist festlichen Charakter und kündigten besondere Ereignisse an. Der Seehasen-Fanfarenzug sieht sich weiter in dieser Tradition, wurde er doch anlässlich jenes Kinder- und Heimatfestes gegründet, das noch heute jedes Jahr als größtes Fest in Friedrichshafen gefeiert wird und noch immer vom Seehasen-Fanfarenzug musikalisch begleitet wird. Im Anfang waren es sechs Schüler, die das Publikum beim Festumzug am Straßenrand unterhalten haben, heute zählt der Fanfarenzug 66 Musiker, die bei jedem Seehasenfest ein strammes Programm absolvieren und auch außerhalb dieser Festtage über die Landesgrenzen hinaus aktiv sind. In jüngerer Zeit fällt der SFZ auch zunehmend durch besonderes soziales Engagement auf. Unter den Aktiven sind auch heute wieder 20 Kinder und Jugendliche, die im Rahmen des Jugendschutzes, gleichberechtigt mitspielen. (afr)