In den Toiletten und in den Gängen hing der Brief, der seit Tagen auf den Fluren des Karl-Maybach-Gymnasiums für Gesprächsstoff sorgt. Es ist ein zutiefst ironischer "Dankesbrief" der "drei apokalyptischen Schreiber", wie sich die anonymen Verfasser nennen. Darin ist die Rede von Bauschuttwolken, Sauerstoffmangel, sperrmüllreifen Spielgeräten, zu wenigen Computerräumen oder defekten Jalousien.

"Jedes Wort darin stimmt", sagt ein Schüler, der gerade aus dem Schulgebäude kommt, ein anderer pflichtet ihm gleich bei: "Die Schule ist tatsächlich in einem miserablen Zustand." Der Schulleiter Christoph Felder dagegen freut sich über die "pfiffige Glosse" seiner Schüler.

"Die Baudauer konkurriert mit dem Berliner Flughafen"

Hauptgrund für den Unmut der drei unbekannten Briefeschreiber sind die Schulhof-Bauarbeiten rund um das Gebäude, aber auch eine völlig überalterte Ausstattung des Gymnasiums. "Danke, dass Sie immer das Wichtigste im Blick behalten haben: Unseren Pausenhof. Er konkurriert zwar, was die Baudauer betrifft, mit dem Berliner Flughafen, aber wir freuen uns schon, eines Tages unsere Enkel hinter Gitter sehen zu können. Denn nichts wirkt einladender als ein riesiger Käfig ... eine Strafvollzugsanstalt in Klassenzimmernähe", heißt es etwa in Bezug auf den neu gestalteten Ballkäfig, der direkt an der Ecke Maybachplatz und Riedleparkstraße errichtet wurde. Täglich liege eine Wolke von Bauschutt über dem Gebäude, was dazu führe, dass alle Fenster geschlossen bleiben müssten – egal wie heiß es draußen ist. "Wovon wir nicht reichlich haben ist Sauerstoff, vom dritten Stock aufwärts seit Mai. Wir Schüler schmoren in unserem eigenen Mief, da Lüften durch Baulärm und Feinstaubbelastung inzwischen unmöglich geworden ist", heißt es in dem Brandbrief.

Schüler haben diesen Brief im KMG an verschiedenen Stellen aufgehängt.
Schüler haben diesen Brief im KMG an verschiedenen Stellen aufgehängt. | Bild: privat

Schulleiter Christoph Felder sieht die Sache gelassen. "Wir können schließlich keinen neuen Schulhof bauen, ohne dass dabei Lärm und Staub entsteht", erklärt der Schulleiter. Daher helfe nur Gelassenheit, auch was den Brief der Schüler angehe. "Wir wissen derzeit nicht, wer ihn verfasst hat. Wer aber etwas bewirken will, der sollte sich schon direkt bei der Schulleitung beschweren", fügt er hinzu. Bisher habe es noch keine ernsthaften Beschwerden gegeben, weder von Schülern noch von Eltern.

"Ausstattung erinnert an das Jahr 72 nach Christus"

Doch die unbekannten Briefeschreiber monieren auch Grundlegendes. Etwa den Inhalt des Pausenschrankes, der in ihren Augen "Sperrmüll" ist: "Danke, dass Sie sich immer rührend Gedanken um die Freizeitgestaltung ihrer Schüler gemacht haben. Es ist uns unverständlich, warum diese verzogenen, undankbaren Kinder sich weigern, mit angefressenen Frisbees und Billigdiabolos im Bauschutt zu spielen." Oder über den Zustand der Aufzüge: "Hut ab vor den Lehrern: es ist nicht immer einfach, den zwei Tonnen Röhrenfernseher samt Medienwagen die Treppen hoch in den vierten Stock tragen zu lassen, weil der Aufzug mal wieder mit einer Bibel überladen ist." Auch die Computerräume sind Thema: "Respekt vor den Lehrern, die täglich unter ihren Kollegen den Dritten Weltkrieg um die Vorherrschaft des einzigen Computerraumes ausfechten." Insgesamt erinnere die Ausstattung an das Jahr "72 nach Christus".

Die Bauarbeiten am neuen Schulhof laufen auf Hochtouren.
Die Bauarbeiten am neuen Schulhof laufen auf Hochtouren. | Bild: Mommsen, Kerstin

Rektor lässt Brief nun im Unterricht behandeln

Auch diese Vorwürfe sieht Rektor Felder gelassen. "Im Pausenschrank werden die Spielgeräte gewartet, wenn etwas kaputt geht, dann ersetzen wir das natürlich. Was die Computerräume betrifft, so sind wir im Vergleich zu anderen Schulen gut ausgestattet. Die Aufzüge funktionieren ebenfalls."

Der Brief wird nun unfreiwilliger Weise Thema im Unterricht. "In der zehnten Klasse steht Satire sowieso auf dem Lehrplan. Deswegen haben einige Deutschlehrer das Schreiben bereits thematisiert", erklärt Christoph Felder. Im Übrigen freue er sich über das von den Schülern vorbildlich eingesetzte Stilmittel der Übertreibung. "Unsere Schüler sollen ja mündige Bürger werden", resümiert der Schulleiter. Weitere Schritte hält er derweil für unnötig.

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