Mitten im realen Straßenverkehr könnten Testfahrzeuge in Friedrichshafen bald Daten sammeln, die es Fahrern eines Tages ermöglichen könnten, ihrem Auto weit mehr als die Abstandseinschätzung beim Einparken zu überlassen. Die Entscheidung über eine Beteiligung der Stadt sowie damit verbundene Investitionen von knapp einer Viertelmillion Euro soll am Montag der Gemeinderat treffen. Erster Bürgermeister Stefan Köhler rechnet mit einer überzeugenden Mehrheit. Bei einem Pressegespräch stellte er das Projekt gestern gemeinsam mit den Initiatoren der Versuchsstrecke – dem Institut für Weiterbildung, Wissens- und Technologietransfer (IWT), Partner der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW), und ZF – im Rathaus vor.

Stimmt der Gemeinderat zu, so sollen innerhalb des kommenden halben Jahres neun Ampelanlagen so aufgerüstet werden, dass sie fortan mit Testfahrzeugen kommunizieren, ihnen beispielsweise den aktuellen Signalzustand übermitteln können. Die geplante Basis-Teststrecke führt am Forschungs- und Entwicklungszentrum sowie weiteren ZF-Adressen vorbei – und birgt etliche Situationen, die für die Erprobung automatisierter Fahrzeuge spannend sind, darunter Tunnel, unmarkierte Straßen oder mehrspurige Abbiegungen. "Und so ein Kreisverkehr ist nicht ohne", ergänzt Torsten Gollewski, Geschäftsführer der ZF-Tochterfirma Zukunft Ventures. Geplante Erweiterungen der Teststrecke führen in den Fallenbrunnen – Verlauf noch offen – und bis in die Innenstadt.

Weder für ZF, noch überhaupt wäre die Teststrecke in Friedrichshafen die erste ihrer Art. Für das Stiftungsunternehmen sei es aber wichtig, eine Erprobungsmöglichkeit vor Ort zu haben. "Natürlich wäre es ein großer Vorteil, ein Testfahrzeug nicht erst nach Karlsruhe bringen zu müssen", so Gollewski. „Wir bauen hier in Friedrichshafen mit Hochdruck Entwicklerteams auf – im Vertrauen darauf, dass die Verfügbarkeit entsprechender Testmöglichkeiten im realen Straßenverkehr gegeben ist und diese Arbeitsplätze damit zukunftssicher sind.“ Großes Potenzial sieht Sarah Kluge, Projektleiterin einer Innovationsinitiative des IWT auch für Gemeinschaftsprojekte von Hochschulen und Unternehmen. „Das IWT wird sich besonders auf die Einbindung von kleinen und mittleren Unternehmen aus der Region konzentrieren, um diese an der Entwicklung von Zukunftstechnologien teilhaben zu lassen", sagt sie.

Dass sie ihr Auto bald womöglich über Abschnitte einer Teststrecke steuern, dürften andere Verkehrsteilnehmer derweil kaum mitbekommen. Menschenleer im Rückspiegel sollten selbst die Testfahrzeuge in absehbarer Zeit noch nicht auftauchen. "Es gibt noch überhaupt keine Genehmigungen für solche Autos", sagt Sarah Kluge. Anders sehe das bei jenen Fahrzeugen aus, die ZF auf die Teststrecke schicken will, sagt Torsten Gollewski. Außerdem befinde sich stets ein speziell geschulter Testfahrer in jedem Erprobungsfahrzeug. Dieser könne im Zweifelsfall eingreifen. Fahrzeugen, der im Zweifelsfall eingreifen kann. Überhaupt wollen die Verantwortlichen Bedenken von vornherein ausräumen. "Wir halten uns absolut an jegliche Datenschutzregelungen", sagt Sarah Kluge. Weder von Verkehrsteilnehmern, noch von Anwohnern würden personenbezogene Daten erfasst und verarbeitet. "Wir reden von einer absolut geringen Anzahl von Testfahrzeugen", sagt Kluge außerdem und ergänzt: "Wir werden den Stau also nicht noch schlimmer machen."

"Wenn wir es nicht machen, dann machen es andere", sagte Bürgermeister Stefan Köhler. Es sei auch im Interesse der Stadt, die eigene Infrastruktur aufzubauen. "Wir sind nicht die Allerersten, aber wir sind vorne mit dabei." Für die Aufrüstung der neun Ampelanlagen stehen nach Angaben der Verantwortlichen keine passenden Förderprogramme zur Verfügung. Für künftige Projekte und den weiteren Ausbau der Verkehrsinfrastruktur sollen solche Mittel aber nach Möglichkeit beantragt werden. Eine städtische Beteiligung an einem Konsortium, das den Betrieb der Teststrecke im weiteren Verlauf möglicherweise übernehmen soll, sei "zu gegebener Zeit zu prüfen".

 

Intelligente Ampeln

An neun Ampeln entlang der geplanten Teststrecke sollen sogenannte "Road-Side-Units" installiert werden – sofern der Gemeinderat den Investitionen zustimmt. Diese Einheiten sollen die Kommunikation mit den Testfahrzeugen per Funk ermöglichen. Weiter sollen Verkehrsdaten in einer Leitstelle verwaltet und den Testfahrzeugen zur Verfügung gestellt werden. Ziele: Optimierung des Verkehrsflusses und Steigerung der Fahreffizienz durch rechtzeitiges Bremsen und Gas geben.