Trotz warnender Posaunen steigt das erste "Kyrie" so klar und gelassen auf, als habe es gar keine Fragen mehr. Aber schnell folgen Frauenstimmen den klagenden Streichern und beschwören "Kyrie eleison" – "Herr, erbarme dich". Die Männer kommen zu Hilfe. In Seufzer und Momente der Hoffnung fällt tröstlich der Solosopran: "Christe eleison" – "Christus erbarme dich". Der Chor antwortet zögerlich, doch in höchsten Tönen zärtlich lockt der Sopran ihn zum Vertrauen.

Sängerinnen und Sänger singen mit Hingabe, ihr "eleison" klingt nicht nur leise, sondern flehentlich, ihr Aufrauschen nicht laut, sondern dringlich. Später, wenn sie "Gloria in excelsis Deo"- "Ehre sei Gott in der Höhe" – oder "Credo" – "Ich glaube" – rufen dürfen, liegt auf den Gesichtern ein Leuchten. Dabei singen sie akzentuiert und tonrein, bleiben in Drama, Begeisterung und Kontrapunkt beieinander und bei ihrem Dirigenten. Kirchenmusikdirektor Sönke Wittnebel lebt die Musik von Kopf bis in die Zehen vor, lädt mit schwungvollen Bewegungen ein und behält alle im Blick. Die Musiker der Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben lassen den Sängern stets den Vortritt, sie begleiten zurückhaltend und nur wenn es sein muss auch mit Nachdruck.

Die Kantorei der Schlosskirche singt die große c-moll-Messe von Wolfgang Amadeus Mozart. "Groß", weil sie ein voll besetztes Orchester verlangt, aber auch, weil sich Mozart hier austoben konnte. Sein Ex-Chef, Salzburgs aufgeklärter Erzbischof Hieronymus von Colloredo, hatte stets kurze Messen. "Groß" ist die Messe auch musikalisch: Mozart verbindet darin seine Studien über Bach und Händel mit Wiener Klassik und italienischer Oper. Aber sie blieb ein Torso, Teile des Credo und das Agnus Dei fehlen. Die Gründe kennt niemand, vielleicht liegen sie in der Hinwendung zu Opern und Sinfonien.

Über einen schmerzhaft pochenden Streicherrhythmus, der nie zur Ruhe kommt, verlangen die Sänger achtfach geteilt nach Erbarmen. Dunkel und quälend intensiv wiederholen sie "qui tollis peccata" – "der du trägst die Sünden". Ganz auf sich geworfen flüstern hohe Frauenstimmen "miserere nobis" – "erbarm dich unser" so innig, gelte es diese Zuwendung jetzt und hier zu erwirken. Der Chor beharrt in elegischen Linien so lange auf seiner Bitte gegen unerbittliche Streicher und Posaunen, bis sich eine Art vorsichtige Zuversicht einstellt. Umso erleichterter jubeln die Sänger sich durch die Fuge "Cum Sancto Spritiu" – "Mit dem heiligen Geist".

Für die c-moll-Messe hatte Mozart, der nach seiner Entlassung aus Salzburg als freier Künstler und Komponist in Wien lebte, keinen Auftraggeber. Wohl sind Briefe überliefert, in denen er eine Messe versprach, wenn er Constanze geheiratet habe. So ist diese Musik eine Art Votivgabe für seine Braut und das erklärt wohl, warum in ihr die Bühne den Frauen gehört.

Die Solistinnen – beide Sopran – singen alle Arien und auch wenn Männer mitsingen, sind sie schmückendes Beiwerk. Tenor André Khamasmie und Bass Philipp Heinzmann stützen im Quartett des Benedictus die Höhenflüge der Damen mit Überzeugung: voll und rund im Tenor, wohltuend tief und gepflegt im Bass. Der Sopran eins ist für Constanze geschrieben und sie hat ihn wohl auch bei der Uraufführung in Salzburg gesungen. Mozart hat seiner Frau hinreißend schöne Melodien gewidmet, traute ihr aber auch ungewöhnlich großen Tonumfang, langen Atem und tiefe Empfindung zu.

Siri Karoline Thornhill gibt die Partie mit schlackenlos weicher, immer geerdeter Stimme. Aus ihrem "Et Incarnatus Est" – "und er hat Fleisch angenommen" spricht grenzenloses Erstaunen über das Geschehen, aus "et homo factus est" – "und ist Mensch geworden" fassungslose Freude, die sie in immer neuen Wendungen ausströmen lässt. Kammermusikalisch filigran, liebevoll und fast ohne Worte gerät ihr Quartett mit Flöte, Oboe und Fagott.

Einen wunderbaren Gegenpart liefert Martina Rüping als zweiter Sopran. Ihr "Laudamus te" – "Wir loben dich" versprüht Charme, Temperament und ein kernig-biegsames Timbre. So mitreißend ist ihr "glorificamus te" – "wir rühmen dich", dass das Orchester immer freudiger antwortet – und ihr handzahm in nachdenklichere Töne folgt.

Für das fehlende "Agnus Dei"- "Lamm Gottes" – hat der Weingartner Franz Beyer dessen Worte auf die Musik des "Kyrie" gelegt. Für diese Fassung hat sich die Kantorei entschieden. Sie wiederholt die Bitte um Erbarmen aus dem Kyrie auf latein und fügt eine weitere hinzu: "Dona nobis pacem" – "Gib uns Frieden" singt der Solosopran, diesmal mit tiefem Ernst. Der Chor antwortet in inständigen Bitten – er schickt seine Bitte weit über die Schlosskirche hinaus. "Pacem, pacem" – "Frieden, Frieden" flehen die Sänger bewegend innig am Schluss – und nehmen mit den ins Schweigen der Kirche läutenden Glocken ihre Zuhörer hinein in dieses alte, aktuelle Gebet.