Sogar ein Fahrrad lagerte im Unterholz. Zusammen mit einem verdorrten Christbaum im Plastiktopf. Akribisch haben Roger und Sabine Ameringer den Uferpark in Friedrichshafen durchkämmt. Jetzt sitzen sie und ihre drei Töchter Eva, Anika und Julia auf den Stufen des Graf-Zeppelin-Hauses mit ihrer Ausbeute: fünf Säcke voller PET-Flaschen, Dosen, Chipstüten, gesammelt in nur drei Stunden. Bereits zum zweiten Mal beteiligte sich die Familie am vergangenen Samstag an der wohl größten Müllaktion Europas, dem „RhineCleanUp“. Was von der Quelle bis zur Mündung in fast 200 Kommunen entlang des Rheins organisiert wurde, nahmen in Friedrichshafen die Grünen als See- und Stadtputzete in die Hand.

Eine beeindruckende Ausbeute: Rund 45 Säcke voller Plastikverpackungen und sonstigem Unrat, Autofelgen, Koffer und Kanister können nun nicht mehr vom Bodensee fortgespült werden.
Eine beeindruckende Ausbeute: Rund 45 Säcke voller Plastikverpackungen und sonstigem Unrat, Autofelgen, Koffer und Kanister können nun nicht mehr vom Bodensee fortgespült werden. | Bild: Barbara Fülle

Sich engagieren statt zu meckern, steht für die Ameringers im Vordergrund. Auch im Riedlewald bücken sie sich regelmäßig nach Unrat, beim Gassigehen mit Hund Felix. Dort landet der Plastikmüll der umliegenden Fastfood-Imbisse im Gebüsch. „Jeder sollte sich selbst an der Nase fassen, wo er Müll vermeiden kann“, meint Roger Ameringer. Ein Zeichen setzen wollen auch Timo Blaser und Nicolas Gottschalk: „Fridays for Future„ sei das eine, aber „wir wollen auf der lokalen Ebene anpacken“. In ihren Säcken haben sich Kronkorken, Plastikbecher und Berge von Zigarettenkippen angesammelt, „für die man fast einen Staubsauger bräuchte“.

Familie Ameringer (v. re. Sabine und Roger Ameringer, Töchter Anika und Julia) kauft unverpackt ein und sammelt den Wegwerfmüll anderer – nicht nur beim „RhineCleanUp“, sondern auch beim Gassigehen mit dem Hund.
Familie Ameringer (v. re. Sabine und Roger Ameringer, Töchter Anika und Julia) kauft unverpackt ein und sammelt den Wegwerfmüll anderer – nicht nur beim „RhineCleanUp“, sondern auch beim Gassigehen mit dem Hund. | Bild: Barbara Fülle
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Eine Gruppe von Greenpeace hat die leidigen Stummel aus jeder Ritze des Parkplatzes beim Landratsamt gefummelt. „Die Leute sind einfach nicht aufgeklärt, wie toxisch Zigarettenfilter sind“, meint Jeannette Veit. Eimerweise wurde Friedrichshafen an diesem Tag wie von einem Labor befreit, dessen giftige Chemikalien nun nicht mehr ins Grundwasser geschwemmt werden können.

Im Stadtgebiet liegen kiloweise toxische Kippen, manchmal in kleinen Bergen wie hier vor dem Landratsamt.
Im Stadtgebiet liegen kiloweise toxische Kippen, manchmal in kleinen Bergen wie hier vor dem Landratsamt. | Bild: Jeannette Veit

85 Freiwillige hatten sich am Samstag von der Tannenhag-Wiese in Fischbach bis zur Rotach in Friedrichshafen-Ost über müllneuralgische Sammelgebiete verteilt. Ihre Ausbeute, die UPS-Fahrer am Ende zum Hinteren Hafen brachten, war erschreckend. „Vom Schlauchboot bis zum Partyzelt“ hat Sabine Fricker jede Menge Sperrmüll am Königsweg aufgelesen, mit Tochter Barbara Tuzlu, Schwiegersohn Hüda Tuzlu und Grünen-Gemeinderat Gerhard Leiprecht.

Eine beeindruckende Ausbeute: Rund 45 Säcke voller Plastikverpackungen und sonstigem Unrat, Autofelgen, Koffer und Kanister können nun nicht mehr vom Bodensee fortgespült werden.
Eine beeindruckende Ausbeute: Rund 45 Säcke voller Plastikverpackungen und sonstigem Unrat, Autofelgen, Koffer und Kanister können nun nicht mehr vom Bodensee fortgespült werden. | Bild: Barbara Fülle

Auch ein Koffer, ein Radlenker und mehrere Autofelgen liegen auf der Wiese. Wie eine Trophäe hält Jens Peter einen verrosteten Hocker in der Hand: „Hauptsache, der Natur geht‘s gut.“

Jens Peter ist „zu jeder Schandtat bereit, Hauptsache der Natur geht‘s gut“. Seine Trophäe: ein verrosteter Hocker.
Jens Peter ist „zu jeder Schandtat bereit, Hauptsache der Natur geht‘s gut“. Seine Trophäe: ein verrosteter Hocker. | Bild: Barbara Fülle

Flüsse sind die Fließbänder, die den Müll in die Meere bringen. Jedes Jahr spült der Rhein etwa eine Million Kilogramm Müll in die Nordsee – Unrat, an dem Vögel und Fische qualvoll verenden und der als Mikroplastik in die menschliche Nahrungskette gelangt. In Friedrichshafen wird der Bauhof nun 300 Kilogramm Restmüll, 39 Kilogramm Recyclingmüll und 20 Kilogramm Pfandflaschen entsorgen müssen.

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Bundesweit wurden beim „RhineCleanUp“ nach Veranstalterangaben 170 Tonnen Unrat weggeschafft. Über 20 000 Teilnehmer zogen los, um aufzuräumen – doppelt so viele wie im vorigen Jahr.

„Vom Schlauchboot bis zum Partyzelt haben wir alles gefunden: Gerhard Leiprecht, Sabine Fricker, Barbara und Hüda Tuzlu haben am Königsweg sauber gemacht.
„Vom Schlauchboot bis zum Partyzelt haben wir alles gefunden: Gerhard Leiprecht, Sabine Fricker, Barbara und Hüda Tuzlu haben am Königsweg sauber gemacht. | Bild: Barbara Fülle

„Wir alle wissen, Sammeln ist nur eine symbolhafte Aktion“, sagte Organisator Thomas Henne von den Häfler Grünen beim Abschluss der Aktion, „Müll vermeiden steht an erster Stelle. Nur 16 Prozent des Recyclingmülls werden tatsächlich wiederverwertet.“ Doch Friedrichshafen und sein Seeufer sind am Samstag ein bisschen sauberer geworden. Und manche hat die Aktion animiert, künftig regelmäßig ans Reinemachen zu gehen.

Jeannette Veit und ihre Mitstreiter von Greenpeace haben säckeweise Plastikmüll und eimerweise Zigarettenkippen gesammelt.
Jeannette Veit und ihre Mitstreiter von Greenpeace haben säckeweise Plastikmüll und eimerweise Zigarettenkippen gesammelt. | Bild: Barbara Fülle
Ihre Ausbeute setzt ein Zeichen: Die 85 freiwilligen Helfer haben beim „RhineCleanUp“ in Friedrichshafen das Seeufer und die Stadt von rund 380 Kilogramm Müll befreit.
Ihre Ausbeute setzt ein Zeichen: Die 85 freiwilligen Helfer haben beim „RhineCleanUp“ in Friedrichshafen das Seeufer und die Stadt von rund 380 Kilogramm Müll befreit. | Bild: Barbara Fülle