Beinahe schüchtern öffnete die 16- jährige Ingeborg am Buß- und Bettag 1966 die Tür zum "Studio B" in der Möttelistraße. Das war sie also, die verruchte und verrauchte Tanzkneipe, von der junge Häfler sprachen. So manche Eltern warnten ihre Kinder davor: "Da sind doch nur die Langhoorige und hören laute Musik."

Ingeborg und Ludwig Pollack bei der Fasnet im Jahr 1969. Die beiden Häfler lernten am Buß- und Bettag 1966 im "Studio B" in Friedrichshafen kennen. Zehn Jahre später heirateten die beiden. <em>Bild: privat</em>
Ingeborg und Ludwig Pollack bei der Fasnet im Jahr 1969. Die beiden Häfler lernten sich am Buß- und Bettag 1966 im "Studio B" in Friedrichshafen kennen. Zehn Jahre später heirateten die beiden. Bild: privat

Hier verabredete man sich zum kickern, quatschen und knutschen

Was Ingeborg und ihre jüngere Freundin dort erwartete, klingt erstmal nach einer normalen Eckkneipe. Ein langer Schlauch, rechts der Tresen, links Tische und Sitzgelegenheiten, hinten ein Raum mit Kickertisch und Musikbox. 1964 eröffnete Ernie Fischler, der Mann mit dem Mustang, den einfachen Laden. Gemeinsam mit seiner damaligen Freundin Hilde, die wie Fischler selbst bereits verstorben ist, schuf er einen Treffpunkt für die Jugend. Hier verabredete man sich zum kickern, Musik hören, trinken, quatschen, knutschen und tanzen.

Heute leben die Pollacks in Manzell und freuen sich auf ihr erstes Enkelkind. <em>Bild: Sabine Wienrich</em>
Heute leben die Pollacks in Manzell und freuen sich auf ihr erstes Enkelkind. Bild: Sabine Wienrich

Für Ingeborg wurde es zu einem schicksalhaften Abend

Für die 16-jährige Ingeborg wurde das "Studio B" zum Schicksalsort. "Wir bestellten etwas zu trinken und setzen uns an einen der Tische", erinnert sie sich an jenen Buß-und Betttag 1966, "es war brechend voll." Irgendwann musste sie auf die Toilette. "Doch als ich wieder zurück ins Lokal wollte, war die Tür von außen versperrt." Unbekannte Jungs hatten sich einen Scherz erlaubt und die junge Frau eingesperrt. Die war bereits den Tränen nahe, als sie eine tiefe Stimme hörte, die die lachenden Jungs verscheuchte. "Da machte mir ein junger Mann die Tür auf", erinnert sich die Fischbacherin. Die Stimme gehörte dem damals 18-jährigen Ludwig Pollack, damals Lehrling bei Porsche-Diesel. Der Abend endete dann in Ravensburg, wo sie mit einer Ente hinfuhren. Und zehn Jahre später, also 1977, standen Ingeborg und Ludwig Pollack vor dem Traualtar.

Am Wochenende legte Gemeinderat Karl-Heinz Mommertz auf

Schöne Erinnerungen an die Szenekneipe hat auch "Cis", besser bekannt als Karl-Heinz Mommertz, langjähriger SPD-Gemeinderat. Als 27-Jähriger begann er zu Silvester 1966/1967 im "Studio B" als DJ aufzulegen. "Ernie hatte die Idee, an Samstagen und Sonntagen im hinteren Raum eine Disko zu veranstalten", erinnert sich Mommertz. Der hintere Raum, in dem sonst der beliebte Kicker stand, wurde mit Holz verkleidet. Provisorisch wurden zwei Plattenspieler und ein Mischpult aufgebaut. Bis dahin gab es die Musik nur aus der Box. "Am Anfang spielte ich immer die gleichen 40 Platten, Beatles, Stones, the Who, viel Soul, Franklin und solche Sachen", erzählt der heute 76-Jährige. Irgendwann wurde das Repertoire breiter. "Und wenn in dem Holzverschlag 30 Leute tanzten, war die Bude voll", so Mommertz. Beatmusik war laut, rebellisch und man tanzte wild dazu. Nicht so brav und anständig, wie man es im gesellschaftlich-konformen Tanzkurs gelernt hatte. Auch das Tanzen wurde zum Protest und zur Provokation.

Peter Sattmann (Mitte) bei einem Auftritt mit den „Shooting Stars“ 1964 im Studio B. „Dort war immer Fasnet“, sagt er. Sattmann besuchte bis zur elften Klasse das GZG. <em>Bild: privat</em>
Peter Sattmann (Mitte) bei einem Auftritt mit den „Shooting Stars“ 1964 im Studio B. „Dort war immer Fasnet“, sagt er. Sattmann besuchte bis zur elften Klasse das GZG. Bild: privat

Schauspieler Peter Sattmann spielte dort die Stones

Dicht gedrängt stand eine ganze Häfler Generation auch bei den legendären Konzerten, die es immer wieder im "Studio B" gab. Ganz vorn dabei: Die "Shooting Stars", eine Schülerband aus Friedrichshafen, die Songs von den Stones, Beatles und anderen Idolen der Zeit coverte. Unter ihnen auch Schauspieler Peter Sattmann, der seine Jugend in Friedrichshafen verbrachte und heute in Berlin lebt. "Shake your head, snap your fingers, stomp your feet, lala lala laaa... sangen sie", schreibt ein Zeitzeuge in der Facebook-Gruppe "Friedrichshafen – damals, gestern, heute".

Peter Sattmann, damals.
Peter Sattmann, damals. | Bild: privat
Peter Sattmann, heute. <em>Bild: ZDF</em>
Peter Sattmann, heute. Bild: ZDF | Bild: ZDF/Rick Friedman

Auch Sattmann erinnert sich gerne an die alten Zeiten und seine ersten Auftritte im "Studio B": "Ja, dort herrschte immer Fasnet. Nicht durch übermäßigen Alkoholkonsum oder sonstige Drogen, sondern einfach durch die Musik waren alle irgendwie high. Es gab damals kein Youtube, MTV oder so viel Unterhaltung wie heute. Es gab dort, im Gegensatz zu vielen anderen Lokalen, eben eine Tanzfläche und es wurde bis ins Klo hineingetanzt." Neben den "Shooting Stars" spielten auch die "Shaggys", bestehend aus Rainer Bernd, Manne Pechtl und den Brüdern Peter und Hermann Mohr.

Zeitzeuge Manfred Prinz weiß noch, wie sie damals gerufen wurden: "Shaking all over, die Shaggys im Pullover!" Oder die "Phantoms", junge Thai-Studenten, die durch die Szenekneipen und Clubs der Region zogen.

In der Möttelistraße 11 ist nicht mehr viel übrig vom Szeneschuppen "Studio B". Dort, wo es heute eine Spielhölle gibt, wurde früher getrunken, geraucht und getanzt. Bis in die 1990er-Jahre waren dort Tanzclubs beherbergt. <em>Bild: Sabine Wienrich</em>
In der Möttelistraße 11 ist nicht mehr viel übrig vom Szeneschuppen "Studio B". Dort, wo es heute eine Spielhölle gibt, wurde früher getrunken, geraucht und getanzt. Bis in die 1990er-Jahre waren dort Tanzclubs beherbergt. Bild: Sabine Wienrich

Fischler machte das "Studio B" 1976 dicht, bis in die 1990er-Jahre waren dort noch Clubs wie das "Bleibtreu" oder Cosmos". Heute ist in der Möttelistraße 11 nicht mehr viel übrig von dem Szenelokal. Ein Spielcasino lockt mit bunten Lichtern. Ingeborg Pollack war seit dem Buß- und Bettag 1966 nie wieder dort.

 

Wo sich die "Langhaarigen" trafen

In der Region gab es einige Szenetreffs für die jungen "Halbstarken".

  • "Adler" in Meckenbeuren: eine absolute Institution war der "Adler" in Oberdorf, geführt vom Kratte-Willi. Willi Krattenmacher führte das Wirtshaus an der Schiene in Oberdorf 42 Jahre lang, bevor er sich 2015 in den Ruhestand verabschiedete. Dort gab es in den 1960ern wilde Partys mit Bands wie den "Jackies" oder "Black Stars".
  • "Pferdestall" in Friedrichshafen: Im Keller des Anfang des Gebäudes in der Olgastrasse 6 ("Seehof") befand sich eines der Kultlokale der Stadt.Von 1967 bi 1971 wurde der "Pferdestall" von Monika Föhr betrieben, zu Beginn ging es dort noch gesittet zu. Die wirklich wilden Zeiten im "Stall" waren erst in den 1970er-Jahren.
  • "Adler" in Immenstaad: Hier ging es besonders an Fasnacht rund. Im ersten Obergeschoss der Wirtschaft wurde getanzt bis tief in die Nacht – bis die Decken der Wirtschaft bebten.
  • "Iris" in Eriskrich: Eröffnet wurde die Disko (später "Butterfly" und "Seestudio") zu Silvester 1966. Alle weiblichen Gäste bekamen eine Iris überreicht. (sab)