Theater erzählt Geschichten. Gutes Theater erzählt diese ganz besonders gut. Das Theater Lindenhof aus Melchingen gehört mit Sicherheit dazu und ist in Friedrichshafen gerne gesehen und gut bekannt für seine Gastspiele. Die Zuschauerplätze im großen Zelt waren denn am Sonntag auch nahezu ausverkauft.

„We shall overcome“ hatten sie von der Alb an den See mitgebracht, ein inszeniertes Konzert, geschrieben von Heiner Kondschak. Es erzählt die Geschichte von Pete Seeger, dem legendären Komponisten des titelgebenden Songs, dem Wandermusiker, Bürgerrechtsaktivisten, Liedersammler, aufrechten Demokraten, der als Pionier der amerikanischen Folkmusic in einem Atemzug mit seinem Freund und Kollegen Woody Guthrie genannt wird und weltweit durch seine Musik und sein politisches Engagement bekannt wurde. Es erzählt ebenfalls die Geschichte der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegungen des 20. Jahrhunderts, geprägt von Streiks und Demonstrationen hungernder Arbeiter, den Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs, den Kämpfen für Meinungsfreiheit und gegen Rassismus, gegen repressive Regierungen, für Frieden und Umweltschutz.

„We shall overcome“ erzählt auch die Geschichte der großen, lebenslangen Liebe zwischen Pete und Toshi Seeger, an der sich die beiden, ungetrübt von Skandalen, bis kurz vor ihrem 70. Hochzeitstag erfreuten, als Toshi 2013 im Alter von 91 starb. Mit 94 Jahren folgte Pete ihr ein halbes Jahr später.

Aber noch ist es zu früh, um zu sterben, wie der von der Bühne gehende Pete Seeger alias Heiner Kondschak am Ende der Vorstellung sagen wird. Denn wir befinden uns erst am Anfang der drei Stunden, die auf vielfältiger Weise einer musikalischen Zeitreise gleichen.

So, wie sich der Zuschauerraum füllt, kommen nach und nach Menschen auf die Bühne, die Passanten aus den Zwanzigerjahren ähneln. Sie schlendern, warten, treffen auf Bekannte, umarmen, begrüßen; der Bühnenrand ist beidseitig gesäumt von meterhohen Lautsprechertürmen, eine Leinwand am hinteren Rand zeigt eine Schwarzweißaufnahme von Pete Seeger, links daneben ein nach vorne geöffnetes Blockhaus, aus rohen Brettern gezimmert und den Blick auf die Instrumente einer Band freigebend. Nahezu unbemerkt bewegen sich Ensemblemitglieder durch die Zuschauergänge. „Die sind von der kommunistischen Partei, da oben“ wird geraunt und die da oben schauen herab auf die da unten. Wer beguckt hier wen? fragt man sich, bis Punkt sieben das Licht verlöscht und über der Bühne die Lampen angehen. „Begrüßen Sie ihn! Von uns für euch, hier ist Pete Seeger“! Heiner Kondschak, Autor, Regisseur und musikalischer Leiter verkörpert den gealterten Seeger, der Arm in Arm mit seiner Frau Toshi, anmutig und liebevoll gespielt von Linda Schlepps, als Ich-Erzähler auftritt.

Den jugendlichen Pete stellt David Scheib dar, den erwachsenen Sänger mimt Gerd Plankenhorn. Deren Toshi spielt Kathrin Kestler. Die Hauptrollen sind mehrfach besetzt, was lebhafte Wechsel auf der Bühne garantiert. Bei Bedarf schlüpfen sie in die Rollen von Wegbereitern, Kontrahenten, Zeitgenossen. Ebenso Berthold Biesinger, der unter anderem als Freiheitsstatue, Woody Guthrie oder Martin Luther King brilliert sowie die eigentlich als Regieassistentin engagierte und zufällig entdeckte Mia Biermann, die in einer einzigen fließenden Körperbewegung alle drei Kinder der Seegers darstellt.

Sie alle spielen und musizieren gemeinsam mit Christian Dähn und Jonathan Grey an Schlagzeug, Cello, Geige, Blechblasinstrumenten, Gitarren. Kondschak als musikalischer, singender Tausendsassa wechselt bei Bedarf von Gitarre zu Keyboard, Mundharmonika, Tin Whistle, Saxophon und natürlich zum fünfsaitigen Banjo, Seegers Markenzeichen. Mit von der Partie ist der Tübinger Chor Semiseria. Um die vierzig Sänger und Sängerinnen mimen die verschiedensten Gruppen auf und neben der Bühne sowie immer wieder auch im Zuschauerraum, wo sie vielstimmig das musikalische Erlebnis mit Gänsehautfeeling überziehen und in wechselnden Kostümen den Lauf der Zeit über beinahe hundert Jahre markieren.

Den Theaterabend als kurzweilig zu beschreiben, wäre maßlos untertrieben. Songs wie „My Rainbow Race“, „Which Side Are You On?“, „I Ain’t Got No Home“, „Joe Hill“, „Where Have All The Flowers Gone?, „Turn Turn“, die noch heute als Ohrwürmer in der eigenen Jungenderinnerung verankert und mit prägenden Erlebnissen verbunden sind, lassen den Zeltabend zu einem ganz besonderen Erlebnis werden. Als Kondschak das Stück im Frühjahr 2016 schrieb, war Obama noch Präsident der USA und mit ihm ein Symbol für die Gleichberechtigung aller Menschen, einer Maxime Seegers, für die er ebenso unbeugsam eintrat wie für das Recht auf Meinungsfreiheit, wofür er sogar ins Gefängnis ging und mit jahrelangem Auftrittverbot belegt wurde.

Die weltpolitische Lage verleiht dem Stück unerwartete Aktualität. „We Shall Overcome“ wird in den USA aus Protest gegen die Polizeigewalt an Schwarzen gesungen, „This Land Is Your Land“ erklingt als Anti-Trump-Hymne und das Theater Lindenhof aus Melchingen, Gemeinde Burladingen, bringt Pete Seeger auf die Bühne. Burladingen hat übrigens einen Bürgermeister, der offen mit der AfD sympathisiert.