Nach mehr als 21 Jahren im Gefängnis wegen Mordes hatte ein heute 43-jähriger gebürtiger Tettnanger gute Aussichten auf die Freiheit auf Bewährung. Es gab Lockerungen im Strafvollzug und Arbeit im offenen Vollzug einer landwirtschaftlichen Außenstelle der Justizvollzugsanstalt Heilbronn. Aber dann ging die Liebesbeziehung zu einer Frau von außerhalb in die Brüche. Und nach einer finalen Unterredung im Restaurant des Häfler Zeppelin Museums entfloh der Mann am 14. Dezember 2017 aus der Toilette und soll neue Straftaten begangen haben. Seit gestern steht er wegen schweren Raubes, räuberischen Angriffs auf eine Autofahrerin und versuchter Erpressung vor dem Ravensburger Landgericht.

Es ist der erste triste Herbstmorgen mit Nieselregen und stahlgrauem Himmel. Der Wind treibt Blätter an den hohen Fenstern des großen Gerichtssaals am Marienplatz vorbei. Grau auch die Gesichtsfarbe des klein gewachsenen Mannes im dunkelgrauen Kapuzenpulli, der mit Hand- und Fußfesseln in den Saal gebracht wird. Als Erste Staatsanwältin Christine Weiss die Anklage verliest, bleibt er ohne Regung.

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Die Vorwürfe sind gravierend: Drei Tage nach der Flucht soll er im Keller eines Wohnhauses beim Klinikum Friedrichshafen eine junge Frau überfallen und drangsaliert haben. „Ich hatte Todesangst“, sagt die Frau gestern. Und Ängste begleiten sie noch heute in bestimmten Situationen, wie sie hinzufügt. Damals, im Dezember 2017, habe ihr der Angeklagte ein Seil um den Hals geschlungen, sie habe sich mit Tritten gewehrt.

Junge Frau mit Seil um den Hals gewürgt

Sie sagt aus, dass der Mann das Seil noch enger um ihren Hals zog, sie mit einem Messer und einer Sektflasche bedroht habe und Geld und ein Mobiltelefon gefordert habe. Wie die Anklage festhält, sei es der Verletzten auf dem Weg in die Wohnung gelungen, die Tür vor dem Angreifer zu schließen.

Frau aus dem Auto gezerrt

Dieser versuchte danach, ein Auto anzuhalten und die Fahrerin aus dem Fahrzeug zu zerren. Vor Gericht gestern nach den Folgen gefragt, sagt diese Frau: „Nach zwei bis drei Monaten mit Panikattacken geht es mir wieder gut.“

Richter: Sicherungsverwahrung kommt in Betracht

Nach der Verlesung der Anklage gibt der Vorsitzende Richter Franz Bernhard den Hinweis „auf die in Betracht kommende Sicherungsverwahrung“. Sie soll die Allgemeinheit vor gefährlichen Straftätern schützen und müsste in einer besonderen Prognose festgestellt werden. Aber gestern geht es um Einblicke in eine trübsinnige Kindheit und Jugend mit ersten Straftaten, Alkoholtherapien und dem Gewaltexzess am 22. Januar 1997, als der Angeklagte mit einem Mittäter zusammen den Vermieter in Ravensburg umbrachte und wegen Mordes im selben Saal 1 wie gestern zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt wurde.

Einblick in 22 Jahre Knastleben

Dann mehr als eine Stunde lang Einblicke in ein 22-jähriges Knastleben. Nach der Verlegung in die Justizvollzugsanstalt Bruchsal „musste ich mir einen Namen machen“, sagt der Angeklagte. Um Ruhe zu haben, war er „in körperlichen Auseinandersetzungen erfolgreich“. Als Schnapsbrenner verdiente er sich Geld hinter Gittern, tätowierte Mitgefangene und pendelte mehrfach zwischen Regelvollzug und offenem Vollzug. Beim Dreh eines Filmes über das Knastleben in einer Außenstelle der Haftanstalt Heilbronn lernte er eine Frau kennen. „Da war ich wie neu geboren.“ Das hielt aber nicht lange: „Scheiße ging’s mir danach.“ Und einem Wärter soll er gesagt haben, vielleicht lasse er sich bei einem Fluchtversuch von der Polizei erschießen. Gestern die Aussage: “Wenn man mich normal bestraft hätte, wäre diese Tat nicht passiert.“

Angeklagter soll Drogen und Medikamente nehmen

Der Angeklagte sagt, dass er im Gefängnis regelmäßig Spice konsumiert, eine viermal stärker wirkende Droge als Cannabis. Angeblich – auch am gestrigen Verhandlungstag – soll er Methadon, ein Ersatzmittel für Heroin, das Antidepressivum Seroquel und Lyrica gegen Angst und Unruhe verordnet bekommen haben, wie er sagt. Die Pflichtverteidigerin Angela Maeß deutet an, dass dies im Prozess noch thematisiert werden müsse.