Beim Prozessauftakt am Montag sind zwei weitere Fälle verhandelt worden, in denen der Angeklagte durch Beleidigungen, Drohungen und starken Alkoholkonsum auffiel. Ein Urteil des Gerichts wird am Mittwoch erwartet.

Beleidigung, Drohung, versuchte und schwere Körperverletzung. Die Anklage, die Staatsanwältin Christine Weiss zu Beginn der Verhandlung verliest, ist lang und für den Angeklagten ist es nur einer von vielen Auftritten vor Gericht. Bereits sieben Einträge in das Vorstrafenregister, darunter Körperverletzung, Diebstahl, Betrug, Meineid, Beleidigung und Widerstand gegen Vollzugsbeamte, hat der 30-Jährige zu verzeichnen. "Mit diesem Vorstrafenregister könnte ich ein komplettes Hörbuch einlesen", kommentiert Richter Martin Hussels-Eichhorn die Vorgeschichte des Angeklagten. Hinzu kommt ein Alkoholproblem, das schon seit der Jugend des 30-Jährigen bestehe. Aus diesem Grund könne der Angeklagte sich an viele Details nicht mehr erinnern: Er war zu jedem erwähnten Zeitpunkt stark betrunken. Verschiedene Zeugen, darunter zwei Beamte des Polizeireviers Friedrichshafen, haben diese Darstellung des Angeklagten bestätigt. Dass der 30-Jährige nüchtern anzutreffen war, kam laut den verschiedenen Aussagen nur selten vor.

Zu dem Biss ins Ohr soll es im März 2017 in einem Mehrfamilienhaus in Friedrichshafen gekommen sein. Auch an diesem Tag war der Angeklagte laut Zeugenaussagen betrunken, als er schreiend an die Tür eines Nachbarn hämmerte. Auslöser des aggressiven Verhaltens soll laut Aussage des 30-Jährigen ein Zettel gewesen sein, mit dem einem seiner Freunde Hausverbot erteilt wurde. Als der Nachbar, der mit besagtem Zettel nichts zu tun haben möchte, schließlich öffnete, sei es zur Rangelei gekommen. Die Kämpfenden fielen schließlich auf ein Bett. "Aus Reflex habe ich dann zugebissen", so der Angeklagte. Danach habe er die Wohnung des Nachbarn wieder verlassen. Wenig später hat ihn die Bundespolizei am Bahnhof aufgegriffen und in Gewahrsam genommen.

Das vermeintliche Opfer der Attacke hat eigenen Angaben zufolge nach dem Angriff ein etwa fünf Zentimeter großes Stück seines Ohres auf dem Bett gefunden. Mit dem Krankenwagen wurde er zunächst nach Friedrichshafen, dann in das Uniklinikum nach Ulm gebracht. Der Versuch der Ärzte, das Ohrstück wieder anzunähen, scheiterte. Eine Hauttransplantation musste vorgenommen werden, um das Ohr wieder ansehnlich zu machen. Sichtbar ist die Verletzung heute nicht mehr. "Allerdings sind die durchtrennten Nerven noch gestört. Die Empfindlichkeit an dieser Stelle fühlt sich seltsam an", so der Nachbar. Hinzu kämen psychische Nachwirkungen durch den Vorfall. Schmerzen habe er an der betroffenen Stelle nicht.

Mit Blick auf das lange Vorstrafenregister hatten Richter und Staatsanwältin bereits angedeutet, dass der Angeklagte nicht mit einem blauen Auge davonkommen würde. Der Grund: Mehrfach wurden seine Strafen zur Bewährung ausgesetzt. Zu den Auflagen haben damals Therapien für das Alkoholproblem sowie die Aufnahme einer regelmäßigen Arbeit gezählt. Nichts davon konnte der Angeklagte erfüllen. "Da ist Ihnen einiges geschenkt worden", so Richter Hussels-Eichhorn und Staatsanwältin Weiss kommentiert im Hinblick auf die vergangenen Taten und Strafen: "Mit Verlaub, das reicht an neuen Chancen."

Ein weiterer Verhandlungstag ist für Mittwoch geplant. Eine Sachverständige wird ein Gutachten über den Zustand des Angeklagten vorlegen. Anschließend sollen die Plädoyers verlesen und ein Urteil gefällt werden.

 

Fall beim Seehasenfest

Vor dem Amtsgericht Tettnang wird nicht zum ersten Mal über einen Fall dieser Art verhandelt. Während einer Schlägerei beim Seehasenfest 2012 hatte ein Mann einem anderen das Ohr abgebissen. Unter anderem deshalb wurde der Angreifer im März 2014 zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt. Im Häfler Klinikum wurde das Ohr des Opfers damals rekonstruiert, der junge Mann musste dafür mehrere Operationen über sich ergehen lassen. (böm)