Glaubt man der Statistik des Instituts für Demoskopie in Allensbach, betrachten nur noch rund 20 Prozent der jungen Deutschen das Auto als Statussymbol. Für die Mehrheit, nämlich 60 Prozent, ist es einfach ein Fortbewegungsmittel. Auch bei den älteren Autofahrern wird das Verhältnis zum einstmals "heiligen Blechle" zunehmend pragmatisch. Immer weniger der über 50-Jährigen sehen in ihrem fahrbaren Untersatz mehr als ein Mittel zum Zweck. Auch das Interesse der Männer am Auto schrumpft – nur noch jeder dritte gab 2016 bei den Meinungsforschern vom See an, sich für dieses Thema zu interessieren. Und je geringer das Interesse, desto seltener wird die emotionale Bindung zum fahrbaren Untersatz sichtbar demonstriert. Als Symbol des Nachkriegswirtschaftswunders hat das Auto wohl ausgedient und ihren Status demonstrieren junge erfolgreiche Menschen angeblich anders. Trotzdem verstopfen Blechlawinen zunehmend die Straßen.

Karin Schwind nutzt für die Fahrt nach Weingarten ihr Auto.
Karin Schwind nutzt für die Fahrt nach Weingarten ihr Auto. | Bild: Anette Bengelsdorf

Die Zulassungszahlen von Personenkraftwagen sprechen eine andere Sprache und die Anzahl der aktiv im Betrieb befindlichen Autos steigt kontinuierlich an. Auch im Bodenseekreis hält der Aufwärtstrend ungebrochen an. Betrachtet man die Zahlen im Landratsamt, liegt der Zuwachs der gemeldeten Autos zwischen 2010 und 2017 bei 14 Prozent. Waren vor 40 Jahren im Bodenseekreis gerade einmal 58 574 Autos auf den Straßen, waren es Ende 2017 bereits 132 516. Alleine in Friedrichshafen sind 34 700 Fahrzeuge gemeldet. Das heißt, 58 Prozent der Häfler haben ein Auto – das sind beinahe zwei Drittel aller Einwohner. Zudem hält der Trend zum Zweitauto an.

Karin Schwind, Mitarbeiterin zweier Hochschulen, geht ihr Leben sehr nachhaltig an. Plastik vermeiden, Sachen selber machen, Obst und Gemüse aus der Region sind für sie eine Selbstverständlichkeit. Trotzdem haben sie und ihr Lebensgefährte in ihrem Haushalt in Friedrichshafen zwei Autos am Start. "Solange wir in einem Arbeits-Altenpflege-Ehrenamt-Gefüge eingespannt sind, kann ich mir nicht vorstellen, auf mein Auto zu verzichten", sagt sie. So pendelt sie zwischen Friedrichshafen und der Pädagogischen Hochschule Weingarten mit dem Auto hin und her, denn die Alternative ist nicht besonders attraktiv. Zwar fährt der Bus, der sie zur Zug-Haltestelle am Flughafen bringen würde, direkt vor ihrer Haustür ab, doch müsste sie am Bahnhof in Ravensburg erneut in den Bus Richtung Weingarten umsteigen. "Das dauert zu lange und ich kann die Zeit nicht sinnvoll nutzen", sagt Karin Schwind.

Nach München fährt sie lieber Flixbus statt Auto: Da kann die 57-Jährige sitzenbleiben, arbeiten oder lesen. Für die 450 Kilometer lange Strecke zu Ihren Eltern auf dem Land bietet ihr die Deutsche Bahn zehn Stunden Fahrzeit an mit fünfmal umsteigen. Also fährt sie mit dem Auto. Auf dem Weg nach Weingarten hat Karin Schwind morgens sowieso freie Fahrt. Denn die meisten Fahrzeuge kommen ihr entgegen. Nach Friedrichshafen pendeln laut Statistischem Landesamt 10 400 Beschäftigte mehr ein als aus.

Dabei sind die Fahrzeuge auf dem Weg zur Arbeit nicht nur gefühlt, sondern tatsächlich mit durchschnittlich nur 1,2 Personen besetzt, wie das Institut für angewandte Verkehrs- und Tourismusforschung belegt. Das ist deutlich weniger als noch vor 20 Jahren. Das schweizerische Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation lancierte bereits im Herbst ein Mitfahrprojekt unter seinen Mitarbeitern. Die Auto-Pendler unter den 1600 Mitarbeitern können sich seither per App untereinander vernetzen und gemeinsame Fahrten organisieren. Auf den Vorschlag, ein vergleichbares Projekt an der PH Weingarten zu entwickeln, hat Karin Schwind bislang keine Antwort erhalten.

Doch nicht nur beim Carsharing punktet die Schweiz. Fährt sie an ihren zweiten Arbeitsplatz, die Fachhochschule in St. Gallen, kommt Karin Schwind ohne Auto aus. Von der Fähre nach Romanshorn geht es in den Zug, der pünktlich und in kurzen Abständen fährt. "Auf dieser Strecke macht ein Auto keinen Sinn", sagt sie. Auch nicht für die Studenten. Die nutzen wie sie das engmaschige Netz des öffentlichen Nahverkehrs.

Blick in die Statistik

Betrachtet man die Anzahl der Fahrzeuge pro 1000 Einwohner, zeigt sich ein starkes Stadt-Land-Gefälle. Kommen in Berlin gerade einmal 344 Autos auf 1000 Einwohner, sind es in Stuttgart bereits 487 und in Konstanz 557. Friedrichshafen liegt mit 579 Autos noch etwas darüber, verfügt jedoch im Bodenseekreis über die geringste Pkw-Dichte gemessen an seiner Einwohnerzahl. Während die Gemeinden Meersburg mit 572 und Heiligenberg mit 584 Fahrzeugen in einer vergleichbaren Liga spielen, kommen in Neukirch und Frickingen bereits 692 Fahrzeuge auf jeweils 1000 Bürger. Was die Zahlen der Statistik beeinflussen könnte, lässt sich am Beispiel Wolfsburg erahnen. Hier sind 1000 Einwohner mit 1133 Autos unterwegs.