Als sie innerhalb weniger Tage beschlossen haben, ein Tiny House zu bauen, stand für Michelle Bucher und Felix Stahl fest: "Wir wollen keinen Bausatz, das machen wir alles selber". Die Autorin und Bloggerin und der Ingenieur, die derzeit im Markdorf wohnen, bringen handwerkliche Fähigkeiten mit, denn beide kommen aus Familien, die Häuser selbst ausgebaut haben. Buchers Familie in der Schweiz, Stahls Familie in Hamburg.

Paar derzeit mit Innenausbau beschäftigt

Im Mai haben Michelle Bucher und Felix Stahl angefangen – geplant, gesägt, gebohrt, geschraubt. Jetzt fehlt nur noch der Innenausbau – und ein passendes Grundstück.

Der große Traum ist ein Grundstück im Umkreis von Friedrichshafen, das Platz für eine Tiny-House-Gemeinschaft von fünf oder sechs dieser kleinen Häuschen auf Rädern bietet.

Auf Suche nach 200 Quadratmeter Grund

"Interessenten gibt es genug, die trauen sich bloß nicht zu bauen, weil sie Angst haben, keinen Platz zu bekommen", sagt Michelle Bucher. Vorübergehend einen erschlossenen, aber noch nicht bebauten Bauplatz zu pachten, wäre die schnellste Lösung. Wenn sich die Besitzer dann entschließen, selbst zu bauen, dann wären sie mit dem Tiny House auch schnell wieder weg.

Im Notfall könnte man sich auch bei jemandem ansiedeln, der ein großes Grundstück am Haus besitzt und eine Ecke davon verpachtet. Dann könnte die kleine "Villa Kuntergrün" sogar als Gartenhäuschen durchgehen. Aber um die 200 Quadratmeter Grund sollten es dann schon sein, damit auch noch das Auto, ein Freisitz und ein kleiner Permakulturgarten Platz haben.

Innen ist das Tiny House viel größer als man denkt, links soll das Klavier stehen und hinten wird eine Zwischendecke eingezogen für das Schlafzimmer im Loft.
Innen ist das Tiny House viel größer als man denkt, links soll das Klavier stehen und hinten wird eine Zwischendecke eingezogen für das Schlafzimmer im Loft. | Bild: Michelle Bucher

Eigenheim mit 26 Quadratmeter Wohnfläche

Das junge Paar ist optimistisch, und wenn sich gar nichts finden sollte, dann würden sie sogar nach Bayern ziehen, denn dort sind die Vorschriften nicht ganz so streng – auch wenn Felix Stahl dann einen weiten Arbeitsweg in Kauf nehmen müsste.

Und so bauen die beiden weiter: Brett für Brett, Schraube für Schraube, nach ihren eigenen Plänen. Sie haben das ganze Haus im Grunde um ihr Klavier herumgeplant, denn das gehört genauso in die "Villa Kuntergrün", wie das WC, die Dusche, eine Küche, die Waschmaschine und ein Schlafzimmer im Loft. Die Grundfläche von 17 Quadratmetern wird nämlich durch eine Zwischendecke auf 26 Quadratmeter Wohnfläche erweitert.

Ausschließlich ökologische Materialien

Das Mini-Haus ist so geräumig, dass in der Wohnecke sogar ein Schlafsofa für Übernachtungsgäste Platz hat – natürlich ebenfalls selbst gebaut. "Wir haben uns beim Material immer für die teurere, aber ökologische Variante entschieden", sagen sie. Die Wände sind mit Jute gedämmt, der Bretterboden ist geölte Tanne und geheizt wird überwiegend mit einem kleinen Holzofen, der speziell für das Tiny House konzipiert wurde.

Die "Villa Kuntergrün" steht derzeit noch im Deggenhausertal. Weil Michelle Bucher und Felix Stahl dauerhaft darin leben möchten, brauchen sie ein erschlossenes Grundstück – am liebsten im Raum Friedrichshafen.
Die "Villa Kuntergrün" steht derzeit noch im Deggenhausertal. Weil Michelle Bucher und Felix Stahl dauerhaft darin leben möchten, brauchen sie ein erschlossenes Grundstück – am liebsten im Raum Friedrichshafen. | Bild: Andrea Fritz

Geplante Kosten bei maximal 30 000 Euro

Unterm Strich wird das fertig eingerichtete Häuslein zwischen 25.000 und 30.000 Euro kosten. "30.000 für ein Ökohaus ist ganz okay", befinden die Bauherren. Die Kosten kann man ganz gut einschätzen, wenn man mit vier Händen ein Tiny House baut, die Zeit dagegen nicht. "Wir haben die Wohnung noch nicht gekündigt, weil wir ja nicht wissen, wann wir fertig sind", so Michelle Bucher.

Felix Stahl weiß, worauf es ankommt: "Wer ein Tiny House bauen will, der muss sich ziemlich viel Wissen anlesen, rechnen können und handwerklich geschickt sein." Außerdem braucht es viel Durchhaltevermögen. "Es ist zwar cool, so ein Haus zu bauen und jeden Abend befriedigend zu sehen, was man am Tag geschafft hat, aber es gibt auch viele frustrierende Momente", fasst Michelle Bucher zusammen.

Rechtliche Grundlagen

  • Wer ein Tiny House als offiziellen Wohnsitz anmeldet, darf es in Baden-Württemberg nur dort aufstellen, wo die Wasser- Strom- und Abwasserversorgung bereits vorhanden ist.
  • Das gilt auch für kleine Häuser, die auf einen Anhänger gebaut sind. Die Häuschen auf Hängern unterstehen zudem der Straßenverkehrsordnung.
  • Die Häuslein können als Hänger mit Ladung in einem Garten stehen, wenn es ein dazugehöriges Haus für die Meldeadresse gibt. Es ist also eine Option, ein Haus zu mieten, es weiterzuvermieten und das Tiny House in den Garten zu stellen.
  • In Schrebergärten darf man dagegen keinen Erstwohnsitz anmelden, da diese nicht erschlossen sind. Wer nicht auf dem Campingplatz wohnen möchte und deshalb ein Grundstück pachtet, muss den Bebauungsplan mit der Gemeinde abklären.
  • In Bayern sind die Vorschriften weniger streng: Für die Straßenzulassung muss ein Tiny House zertifiziert werden, entweder als Wohnwagen oder als TÜV-geprüfter Trailer mit Ladung.
  • Um zulassungsfähig zu sein, dürfen ein Gewicht von 3,5 Tonnen, eine Höhe von 4 Metern und 2,55 Meter Breite nicht überschritten werden. Diese Maße gelten nur für Deutschland.
  • Beim Zugfahrzeug muss auf die zulässige Anhängerlast geachtet werden und der Fahrer braucht eine entsprechende Fahrerlaubnis. 

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