Eriskirch – "Hier riecht es aber intensiv!" Erst der begeisterte Ausruf von Wolfgang Hietler macht auf die weißen Blütendolden an der Hecke aufmerksam. Sie säumen ein Stückchen Weg vom Naturschutzzentrum in Eriskirch zum Ried. Dorthin hat sich eine Gruppe von blinden und stark sehbehinderten Menschen aufgemacht, um die Natur zu erleben. "Wissen Sie denn, was hier so gut riecht?", fragt Gerhard Kersting. Der Diplom-Biologe leitet das Zentrum und möchte den Teilnehmern die vielen Pflanzen und Tiere des Gebiets erlebbar machen. Wolfgang Hietler zögert keinen Augenblick. Er weiß, er riecht eine blühende Ligusterhecke.

Ulrich Schmid "ortet" den See nach Gehör

Der Wanderweg führt zunächst Richtung Strandbad, dann an der Kapelle nach links, entlang eines Weizenfelds. "Auf zwei Uhr ist der Bodensee", bemerkt Ulrich Schmid. Blitzschnell hat er den See mithilfe von Schallsignalen der Fahrgastschiffe geortet und die Richtungsangabe präzise auf das Zifferblatt einer Uhr übertragen. Sehen kann man die Wasserfläche hingegen nicht. Kersting hat einen Baumpilz entdeckt. Er löst den gelben, fächerförmigen Pilz von seinem Wirt und erklärt, dass der Schwefelporling, so lange er jung ist, gegessen werden kann. Doch dieses Exemplar hat den Zenit bereits überschritten. "Würde ich den am Baum entdecken, hielte ich ihn für einen Teil davon", beschreibt eine junge Frau das seltsam spröd-kreidige Äußere des Pilzes, den Ulrich Schmid beim Betasten sofort als Röhrenpilz entlarvt.

Aufmerksam hört Hubert Höfle zu, als Gerhard Kersting den Baumpilz erklärt.
Aufmerksam hört Hubert Höfle zu, als Gerhard Kersting den Baumpilz erklärt.

Mehlschwalben holen Lehm zu Nestbau

Plötzlich ist die Luft von Zwitschern erfüllt. 20 bis 30 Mehlschwalben sausen über einen ausgebaggerten Tümpel und Kersting malt für sieben blinde Menschen ein lebhaftes Bild der Szene: wie sie hinunterschießen, im Flug den Schnabel voll Lehm packen und zum Nestbau abtransportieren. Doch nicht nur Schwalben sind zu hören. Aufgeregt plaudert ein Teichrohrsänger, ohne Punkt und Komma ruft der Zilpzalp seinen Namen und ein Rostganspaar trompetet im Überflug.

Aus dem Kescher holt Gerhard Kersting einen Frosch.
Aus dem Kescher holt Gerhard Kersting einen Frosch.

Manche berühren zum ersten Mal einen Frosch

Dann quakt es. Vorsichtig führt der Biologe seine Gruppe an den Rand des Erlebnistümpels, während Christian Kehder, der sein freiwilliges ökologisches Jahr im Naturschutzzentrum absolviert, mit einem Kescher einen Frosch fängt. Der kleine Kerl, vermutlich sicher, dass er jetzt gegessen wird, versucht zunächst mit einem beherzten Sprung zu entkommen. Doch Kersting fängt ihn vorsichtig ein und wer möchte, darf ihn berühren. Die junge Frau zuckt erschrocken beim ersten Kontakt mit dem glitschigen Tier zurück, andere sind da schon beherzter und spüren, dass der Frosch zunehmend trockener wird. Ein Zeichen, dass das Tier zurück in den Tümpel muss. Zum Erstaunen aller holt Kersting eine fleischfressende Wasserpflanze aus dem Teich. Deutlich spürbar sind feine Härchen und kleine Verdickungen, die an Perlen erinnern. Diese Saugfallen schlürfen Wasserflöhe ein, die sie verdauen.

Manche berühren zum ersten Mal einen Frosch. Er fühlt sich ein wenig glitschig an.
Manche berühren zum ersten Mal einen Frosch. Er fühlt sich ein wenig glitschig an.

Zwei Teilnehmer ohne Begleitpersonen dabei

Auf der angrenzenden Wiese riecht jemand sofort die Wasserminze heraus, die Blätter der Iris und die scharfen Kanten der Sauergrasblätter werden untersucht. Hubert Höfle versucht damit, wie als kleiner Junge zu pfeifen. Er ist ebenso wie Dieter Schatz ohne Begleitperson dabei. Mit ihren Blindenstöcken tasten sie den Weg vor sich ab, bemerken jedes Hindernis oder eine Veränderung des Untergrunds.

Karin Schütrumpf und Ulrich Schmid fühlen Blätter und Blüten von Sauergras. Christian Kehder (im Hintergrund) begleitet die Führung.
Karin Schütrumpf und Ulrich Schmid fühlen Blätter und Blüten von Sauergras. Christian Kehder (im Hintergrund) begleitet die Führung.

Hubert Höfle erkennt Hopfenranke bei erster Berührung

Es geht über eine Holzbrücke über ein Schussenaltwasser. Ulrich Schmid riecht gleich das stehende Wasser. Gelbe Teichrosen blühen und ein Biber hat einen dünnen Baum gefällt. Der Weg führt jetzt in den Auenwald mit seinen riesigen alten Stieleichen, Schwarzpappeln und Silberweiden, die eine gelegentliche Überschwemmung nicht übel nehmen. Ein paar Bäume stehen wie watteüberzogene Skelette in der Sonne. Abertausende Raupen der Gespinstmotte habe sie kahl gefressen. Das Gespinst unter den Blättern fühlt sich seltsam und ein wenig unheimlich an. Eine Kletterpflanze, die Kersting herunterzieht, erkennt Hubert Höfle beim ersten Berühren als Hopfen. Als Kind habe er oft bei der Hopfenernte geholfen. So erkennt er die Pflanze auch ohne die Dolden an ihrem typischen Geruch. Zu den Iriswiesen ist es zu weit; die Gruppe geht daher in angeregte Gespräche vertieft denselben Weg zurück. "Ich glaube, die Führung ist auf gute Resonanz gestoßen", sagt Gerhard Kersting. Vielleicht übernimmt er sie als festen Punkt in sein Programm.