Nach dem Oratorium "Das Weltgericht" im Jahr 2013 führte die Kantorei an der Schlosskirche in Friedrichshafen am Karfreitag ein weiteres Werk des Komponisten Friedrich Schneider auf. Mit dem symphonisch besetzten Passions-Oratorium "Gethsemane und Golgata" aus dem Jahr 1838 ist unter der Leitung von Kirchenmusikdirektor Sönke Wittnebel erneut ein großer Wurf gelungen.

Von "Gethsemane und Golgata" gibt es keine CD-Einspielung und auf Youtube informiert lediglich ein kurzes Filmchen darüber, dass das Werk nach über 150 Jahren erstmals wieder in Dessau aufgeführt wurde. So stellt sich nach dem gelungenen Konzert in der Schlosskirche vor allem die Frage, warum dieses klangvolle und gleichzeitig lyrisch-besinnliche Oratorium so lange in der Versenkung verschwunden ist. Umso erfreulicher, dass sich Wittnebel mit der Kantorei und der Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben einmal mehr einer musikalischen Rarität angenommen hat.

Außergewöhnlich viele Chöre, meist tröstlich, aber auch festlich glänzend oder spöttisch, wenn die Sänger in die Rolle der römischen Wachen schlüpfen, die Jesus am Kreuz verhöhnen, zeichnen "Gethsemane und Golgata" aus. Zart intonieren sie die Szene, in der Jesus wie ein Lamm zur Schlachtbank geführt wird. Temperamentvoll und rhythmisch prägnant lassen sie als Volkes Stimme "Er hat Gott gelästert, er ist des Todes schuldig" folgen. Dabei zeigt sich der Chor absolut ausgewogen, sicher in den Höhen und mit warmem Timbre in den tiefen Lagen. Voller Zuversicht anstelle von Verzweiflung im Angesicht des Todes singt die Kantorei von ewiger Gerechtigkeit und nimmt so den Glanz der Auferstehung vorweg.

Zahlreiche Chöre und Choräle bestimmen das Oratorium "Gethsemane und Golgata": Die Sängerinnen und Sänger der Kantorei an der Schlosskirche zeigten sich als runder, ausgewogener Klangkörper. Bild: Claudia Wörner
Zahlreiche Chöre und Choräle bestimmen das Oratorium "Gethsemane und Golgata": Die Sängerinnen und Sänger der Kantorei an der Schlosskirche zeigten sich als runder, ausgewogener Klangkörper. Bild: Claudia Wörner

Anstelle von Arien und Rezitativen eines Evangelisten nach Bachschem Vorbild komponierte Schneider kürzere, emotional gehaltene Abschnitte für die vier Solisten. Sowohl stimmlich als auch vom Ausdruck überzeugend war vor allem Tenor André Khamasmie in der Rolle des Jesus. Wenn er am Ende gegen Posaunen und Trompeten "Es ist vollbracht!" ausstößt, könnten sich fast die Haare aufstellen. Aber die Fanfarenklänge lassen eher an eine Ankunft als an Tod und Verlust denken. Auch hier transportiert der Komponist bereits die Osterbotschaft. Bariton-Bass Martin Hempel glänzte als Pontius Pilatus, der seine Hände in Unschuld wäscht: "Ich will ihn strafen, weil ihr es wollt." Mit Sopranistin Martina Rüping und Mezzosopranistin Claudia von Tilzer waren Maria und Maria Magdalena bestens besetzt und ihr Gesang erreichte die Herzen der Zuhörer. Schließlich kleidete die Kammerphilharmonie Bodensee-Oberschwaben das Oratorium höchst professionell in symphonische Klänge.

Immer wieder sind in das Werk Choräle eingestreut, die die Gemeinde mitsingen darf und soll. Einmal vorgespielt durch Organist Jonathan Hiese und unterstützt von der Kantorei sowie von Kindern und Jugendlichen aus dem Jugendchor und der Mädchen- und Jungenkantorei an der Schlosskirche, tragen sie zum runden Gesamterlebnis bei. Dabei sind "Was hast du, Herr, begangen" zur Melodie von "Oh, Haupt voll Blut und Wunden" und am Ende "Singet aller Welten Chöre" auf die Melodie von "Wachet auf, ruft uns die Stimme" als hoffnungsvoller Schlusspunkt mit Blick auf die nahende Auferstehung.

Das folgende Glockengeläut scheint die Zeit in der Schlosskirche für einen Moment anzuhalten. Auch wenn der Applaus am Karfreitag nicht zu hören war, können sich Chor, Orchester, Solisten und Sönke Wittnebel sicher sein, dass sie ihrem Publikum ein Passionskonzert besonderer Güte geschenkt haben. Schön, dass "Gethsemane und Golgata" wieder den Weg aus der Versenkung gefunden hat.