Schaurig klingt es vom Klavier, wenn die böse Westhexe in ihre Kristallkugel schaut, zum Mohnblumentanz der dritten Klassen wiegen sich sanfte Flötentöne, hektisch wie die fliehende Mäusekönigin trippeln auch die Töne, unheimlich duster hallt "Conquest of Paradise" von Vangelis, während hinter der Tanz-AG das Hexenhaus mit dem großen Ofen entsteht. Auf der Bühne sind die Schülerinnen und Schüler der Ludwig-Dürr-Schule unterwegs. Sie werden mit dem "Zauberer von Oz" am Donnerstagabend das Seehasenfest eröffnen.

Noch muss Selma Öngel-Chryssowergis, Leiterin der Theater-AG und des Gesamtprojekts, manchmal zur Ordnung rufen: "Alle gehen ins Freeze, egal wo ihr seid. Jetzt rede ich!" Ehe Dorothy sich mit ihrem Hund Toto ins Land Oz wehen lassen kann, muss der Chor seine Aufstellung einüben. Während der abenteuerlichen Reise in die smaragdene Stadt holpert noch mancher Aufbau. Aber als er erst mal steht, singt, klatscht und schwingt der Chor fehlerfrei, die Choreographie der Tänze sitzt und die Schauspieler kennen nicht nur ihren Text, sondern leben ihre Rollen. Selbst Abstimmungen mit den Musikern sind nur bei wenigen Übergängen nötig. "Stopp, hier muss sie erst ihre Schuhe anziehen", unterbricht Öngel-Chryssowergis, als Dorothy die roten Glitzerschuhe der toten Osthexe anprobiert. Sie mahnt auch gleich eine kleine Pause an, ehe die Schuhe ihrer neuen Besitzerin wirklich gehorchen. Die Musik zum Musical kommt in diesem Jahr aus dem Orchestergraben: Das Stadtorchester in kleiner Besetzung begleitet das Seehasenmusical – eine Premiere.

"Wir haben uns gedacht, es ist doch schade, dass beim Seehasenmusical oft zu Playback gesungen wird, da sind wir auf die Schule zugegangen", sagt Dirigent Pietro Sarno. "Das war für uns ein Geschenk, wir hätten das musikalisch nie so umsetzen können", sagt Selma Öngel-Chryssowergis, Leiterin der Theater-AG und des Gesamtprojekts. Die Musik hat bis auf wenige Ausnahmen ihre ehemalige Kollegin Henrika Singer geschrieben und arrangiert. "Die Kompositionen sind kindgerecht, sie sind richtige Ohrwürmer, und trotzdem musikalisch anspruchsvoll," sagt Sarno. "Die Lieder erzählen die Geschichte weiter, sie sind nicht nur Beiwerk." Für jede Szene ist die Musik anders: munter und leicht von Countrymusic angehaucht beginnt der Chor: "Wir nehm'n euch heute mit nach Kansas, mitten in die Prärie." Zum großen Auftritt der Zirkus-AG klingt es erst festlich, später juchzen Trompeten oder Posaunen, Schlagzeug und Bass heizen den Artisten ein. Die erobern währenddessen den ganzen Saal: Auf der Bühne balancieren sie auf Bällen oder turnen kopfüber und kopfunter am hängenden Reifen, vor der Bühne laufen sie auf Holzrollen und in den Gängen schwingen sie Bänder oder bauen Pyramiden. Manchmal übernehmen auch Schüler die musikalische Untermalung: den tosenden Sturm, das Kreischen der Blechmanngelenke und das Trappeln der Affenbande stellt die Cajon-AG dar.

"Für uns besteht die Herausforderung darin, dass die Kinder nicht gewöhnt sind, mit Dirigent zu singen", sagt Sarno. Er rechnet immer damit, dass die Kinder etwas anderes machen als vorher besprochen – entsprechend dirigiert er immer mit einem Auge und Ohr bei Chor und Solisten. Aufmerksam reagieren seine Musiker auf geringste Temposchwankungen. Dabei agieren sie sehr präsent, lassen aber den Kindern immer den Vortritt. "Wir wollen die Kinder begleiten und nicht umgekehrt, die haben schließlich ein Jahr lang geprobt", sagt Sarno.

Natürlich kommt auch der Filmhit "Somewhere over the Rainbow" auf die Bühne. Hannah Melab aus der vierten Klasse singt es mit kindlich klarer Stimme, sachte geht das Klavier mit.