Trotz Ungewissheit über den Erfolg hat Rolls Royce Powersystems im Werk 2 der MTU in Manzell technisches Neuland betreten und 30 Millionen Euro in eine Anlage zur Abgasnachbehandlung (AGN) investiert. Anwohner hatten seit 2012 über dunkle Rauchschwaden geklagt, die immer wieder aus einem Schornstein des Werks kamen. Mithilfe der Abgasnachbehandlung soll der Qualm jetzt der Vergangenheit angehören. Mitglieder der Fischbacher Runde und weitere Interessierte haben sich bei einer Führung vor Ort ein Bild von den Fortschritten des Projektes gemacht.

Der Sammelkamin ist 49 Meter hoch, rechts ist ein Teil des „Schallhauses“ mit der Abgasnachbehandlungsanlage zu sehen.
Der Sammelkamin ist 49 Meter hoch, rechts ist ein Teil des „Schallhauses“ mit der Abgasnachbehandlungsanlage zu sehen. | Bild: Gisela Keller

Rußentwicklung entsteht durch Kraftstoffüberschuss

20 Prüfstände für Motoren gebe es im Werk 2, erklärte Andreas Kunz, der bei MTU für die Motorenentwicklung verantwortlich ist. Rauchschwaden würden nur an wenigen davon entstehen – denen, die für den Test sehr großer Stromaggregate genutzt werden. Solche Aggregate würden vor allem bei sicherheitskritischen Anwendungen benötigt. In Deutschland seien alle Kernkraftwerke mit solchen Aggregaten zur Erzeugung von Strom im Notfall ausgestattet, zudem viele Krankenhäuser. Auch auf großen Luxus-Jachten würden solche Aggregate zur Stromerzeugung eingesetzt, die in zwei Stunden so viel Strom erzeugen können, wie ein deutscher Durchschnittshaushalt in einem Jahr verbraucht. „Bei solchen Motoren müssen wir nachweisen, dass sie innerhalb von zehn Sekunden 100 Prozent ihrer Nennleistung bringen“, erklärte Bernd Baader, Produktionsleiter für alle MTU-Standorte. „Deshalb können wir sie nicht langsam hochfahren. Die Rußentwicklung entsteht durch Kraftstoffüberschuss in diesem Extrembetrieb“.

Bertold Sterk aus dem Leitungsteam der Fischbacher Runde vor einem der noch zu verlegenden Rohrelemente, durch die künftig die Abgase aller Prüfstände zum Sammelkamin geleitet werden.
Bertold Sterk aus dem Leitungsteam der Fischbacher Runde vor einem der noch zu verlegenden Rohrelemente, durch die künftig die Abgase aller Prüfstände zum Sammelkamin geleitet werden. | Bild: Gisela Keller

Ein Angebot bei europaweiter Ausschreibung

Anlagen zur Filterung der in diesem Fall entstehenden Abgase – wie sie Anwohner gefordert hatten – seien auf dem Markt nicht verfügbar gewesen. Nach einer 2013 mit der Universität Rostock umgesetzten Machbarkeitsstudie sei nach europaweiter Ausschreibung lediglich ein Angebot eingegangen. Der Anbieter habe zudem keine Garantie abgeben können, ob die Anlage überhaupt die gewünschten Ergebnisse liefern könne. Trotzdem habe RRPS – entgegen sonstiger Gepflogenheiten – 2016 den Auftrag vergeben und mit der Realisierung begonnen.

Das könnte Sie auch interessieren

Abgase müssen mit Druck durch die Reinigungsanlage

Ein enormer Aufwand habe sich bei der Entwicklung der Abgasnachbehandlung daraus ergeben, dass der Motor – um realistische Prüfbedingungen zu gewährleisten, – „nichts davon mitbekommen“ dürfe, dass die Abgase gefiltert werden, erklärte Baader: „Die Abgase müssen aber mit Druck durch die Reinigungsanlage.“ Damit der Motor sich nicht anders verhalte als ohne Abgasnachbehandlung, müsse dieser Druck ständig ausgeglichen werden. Das sei schwierig, weil dieser Druck nicht konstant sei.

Der braune Kasten auf dem Boden ist eines von 160 Filterelementen, wie sie im Partikelfilter der Anlage verbaut sind. Projektleiter David Hirt (rechts) und Andreas Kurz (Zweiter von rechts) erklärten, wie die Anlage funktioniert.
Der braune Kasten auf dem Boden ist eines von 160 Filterelementen, wie sie im Partikelfilter der Anlage verbaut sind. Projektleiter David Hirt (rechts) und Andreas Kurz (Zweiter von rechts) erklärten, wie die Anlage funktioniert. | Bild: Gisela Keller

Sammelkamin wurde bereits 2107 errichtet

Bereits 2017 wurde im Werk ein neuer und 49 Meter hoher Sammelkamin für die Abgase der Prüfstände errichtet. In einem ebenfalls neuen schallgeschützten Gebäude daneben befindet sich die Abgasnachbehandlungsanlage, die 2018 in Probebetrieb gegangen ist. Zwei Prüfstände für große Stromaggregate wurden über Rohrleitungen an diese Anlage angeschlossen. Inzwischen gelinge es, 95 Prozent der Rußpartikel abzuscheiden, erklärte Andreas Kurz.

Das könnte Sie auch interessieren

Die Dimension der Anlage, die Projektleiter David Hirt den Besuchern zeigte, machte Eindruck: „Jetzt verstehe ich auch, warum das Projekt 30 Millionen Euro kosten wird“, sagte ein Besucher in der Gesprächsrunde nach dem Rundgang, bei dem ein Prüfstand, die Abgasnachbehandlung im „Schallhaus“ und die derzeit laufenden Arbeiten zur Verlegung von Rohrleitungen auf dem Hallendach zu sehen waren.

Auf dem Dach der Halle, in der sich die Prüfstände befinden, laufen die Arbeiten zur Verlegung der Rohrleitungen, in denen künftig alle Abgase der Prüfstände zum Sammelkamin geleitet werden sollen.
Auf dem Dach der Halle, in der sich die Prüfstände befinden, laufen die Arbeiten zur Verlegung der Rohrleitungen, in denen künftig alle Abgase der Prüfstände zum Sammelkamin geleitet werden sollen. | Bild: Gisela Keller

160 Filtermodulen mit porösen Keramikelementen

Den Kern der Abgasnachbehandlung bildet ein „Reaktor“ mit 160 Filtermodulen mit porösen Keramikelementen. „Das ist nicht nur eine Abscheideanlage, sondern ein richtiger Partikelfilter“, hob Hirt hervor. Ein weiterer Teil der Anlage dient der Erzeugung sehr heißer Luft, die zur Regeneration der Filter benötigt wird. Ventilatoren mit komplexer Steuerung erzeugen den benötigten Gegendruck. Von den angeschossenen Prüfständen werden die Abgase durch dicke Rohre in 2,20 Meter dicke Edelstahlrohre auf dem Dach zur Abgasnachbehandlung geleitet. Die gereinigten Abgase gehen anschließend durch den Sammelkamin. Die Abgase der anderen Prüfstände sollen bis Ende 2020 nach und nach ebenfalls in den Sammelkamin geleitet werden, erklärte Kurz.

Das könnte Sie auch interessieren

Dank von Anwohner Ralf Lattner

Anwohner Ralf Lattner, der 2012 mit seinem Protest und einer Unterschriftenaktion das Projekt ins Rollen brachte, dankte im Anschluss an die Führung den Verantwortlichen bei RRPS dafür, „dass sie das Projekt so groß aufgezogen haben“ und zeigte sich zuversichtlich „dass wir bald keinen Gestank mehr ertragen müssen“. Lattners Frage, ob die MTU durch das Projekt Wettbewerbsvorteile erzielt habe, beantwortete Pressesprecher Wolfgang Boller so: „Es ist ein Prestige-Projekt und wir sind damit durchaus im Fokus der Fachwelt. Wir haben bereits vonseiten großer Mitbewerber Anfragen für eine Besichtigung der Anlage bekommen.“

Sehr beeindruckt waren die Besucher von der Dimension und Komplexität der Anlage zur Abgasnachbehandung.
Sehr beeindruckt waren die Besucher von der Dimension und Komplexität der Anlage zur Abgasnachbehandung. | Bild: Gisela Keller