Eine Plastiktüte in den See zu werfen, gilt zu Recht als Umweltfrevel. Aber wie sieht es mit Haare waschen oder Zähne putzen aus? Viele dafür verwendeten Produkte beinhalten Mikroplastik. So nennt man Kunststoffpartikel, die kleiner als fünf Millimeter sind. Die winzigen Teilchen gelangen beispielsweise mit dem Abwasser in die Oberflächengewässer – also auch in den Bodensee. Das Thema ist seit geraumer Zeit aktuell und es wurden zahlreiche Messungen in verschiedenen Gewässern durchgeführt. Was fehlte, war die Vergleichbarkeit der erhobenen Daten, da es bis jetzt keine Standards für die Methoden gibt. Aus diesem Grund haben sich die Bundesländer Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz zusammengetan und Messungen in ihren Binnengewässern vorgenommen. Für die Vergleichbarkeit sorgte die Universität Bayreuth, die die Methoden der Probenentnahme und der Analysen festlegte. Die Ergebnisse wurden jetzt in der Studie "Mikroplastik in Binnengewässern Süd- und Westdeutschlands" veröffentlicht.

Von den insgesamt 52 Messstellen lagen zwei im Bodensee: Vor Romanshorn waren 17,67 Gesamtpartikel (von 5 bis 20 Millimeter) pro Kubikmeter im Wasser und vor Friedrichshafen 5,18. "Man muss bedenken, dass das 1000 Liter Wasser sind", erläutert Jochen Stark von der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg. "Das ist ein Ergebnis im Spurenbereich", sagt der Mitautor der Studie. Auch die Schwankung der Werte hält er nicht für gravierend. Das habe man öfter angetroffen.

Gemessen wurde an einem Tag im März 2015 vom Forschungsschiff "Kormoran" aus Langenargen. Dabei kam wie in allen Gewässern ein von den Bayreuther Wissenschaftlern entwickeltes Gerät zum Einsatz. Jochen Stark resümiert, dass die Studie eine solide Bestandsaufnahme geliefert habe. Eine toxikologische Analyse sei nicht Gegenstand der Untersuchung gewesen. "Es besteht keine Gefahr und es gibt auch keine Veranlassung für akutes Handeln", sagt Stark. Allerdings bestehe Forschungsbedarf. "Man muss sich klar darüber sein, dass es keine Oberflächengewässer mehr ohne Spuren von Mikroplastik gibt."

Das Forschungsschiff Kormoran des Instituts für Seenforschung in Langenargen war im März 2015 im Einsatz, um an zwei Stellen im Bodensee – vor Romanshorn und vor Friedrichshafen – Proben zur Analyse der Mikroplastik-Konzentration im Wasser zu entnehmen.
Das Forschungsschiff Kormoran des Instituts für Seenforschung in Langenargen war im März 2015 im Einsatz, um an zwei Stellen im Bodensee – vor Romanshorn und vor Friedrichshafen – Proben zur Analyse der Mikroplastik-Konzentration im Wasser zu entnehmen. | Bild: dpa

Das sieht Christian Stüble ebenso. Er ist Technischer Leiter beim Zweckverband Abwasserbeseitigung Überlinger See. Zurzeit kann das Klärwerk in Seefelden Partikel bis zu einer Größe von acht Millimeter aus dem Abwasser filtern. Mikroplastik flutscht also durchs Sieb. "Die geplante vierte Reinigungsstufe, die 2020/21 in Betrieb gehen soll, wird mittels Tuchfilter bis zu 97 Prozent der Partikel herausfiltern können", sagt Christian Stüble. Zu diesem Ergebnis sei man in Oldenburg gekommen, wo ein baugleicher Filter im Einsatz ist. Auch Stüble betont, dass man beim Thema Mikroplastik noch wenige Erkenntnisse habe und ganz am Anfang stehe.

Entwarnung für das Trinkwasser kann Roland Schick vom Zweckverband Bodensee-Wasserversorgung geben. Dort durchläuft das Wasser einen Sandfilter. Außerdem wird Eisen(III)Chlorid zugesetzt, das wie ein Klebstoff wirkt und Partikel an die Sandkörner bindet. Auf diese Weise könnten Teilchen ab einem Mikrometer herausgefiltert werden. "Diese Methode haben wir selbst entwickelt", erläutert Schick. Er weist darauf hin, dass es keine einheitliche Definition für Mikroplastik oder standardisierte Messmethoden gebe und damit kaum Vergleichbarkeit. "Die aktuelle Diskussion ist eine ökologische Herausforderung. Wir müssen uns bewusst sein, dass unser Lebensstandard Auswirkungen hat. Null Belastung gibt es nicht mehr!"

Mikroplastik: Auswirkungen für Nahrungskette noch weitestgehend unerforscht

Es gibt keine allgemeingültige Definition für den Begriff Mikroplastik. In der Regel werden so feste und unlösliche synthetische Polymere (Kunststoffe) bezeichnet, die kleiner als fünf Millimeter sind. Als primäres Mikroplastik bezeichnen die Fachleute Kunststoffpartikel, die gezielt kleiner als fünf Millimeter hergestellt werden. Sie kommen als Zusätze in Reinigungsmitteln oder kosmetischen Produkten zum Einsatz, wie Peelings, oder als Füll- und Bindestoffe in Cremes, Zahnpasta oder Duschgel. Das sekundäre Mikroplastik entsteht durch den Zerfall größerer Teile, wie Plastiktüten oder -flaschen, die in der Umwelt gelandet sind. In diese Kategorie gehören auch Fasern von Synthetik-Kleidung, die beim Waschen ins Abwasser gelangen.

Plastik ist ein Sammelbegriff für viele Arten von Kunststoffen. Die unterschiedlichen Materialien können auch in ihrer Wirkung auf Organismen verschieden sein. Es ist erwiesen, dass beispielsweise Fische, Krebstiere, Vögel und Insekten Mikroplastik aufnehmen. Welche Auswirkungen das für die Organismen und später in der Nahrungskette für den Menschen hat, ist noch weitestgehend unerforscht.

Nach den USA, Kanada und Neuseeland hat Großbritannien in Europa den Anfang gemacht und im Januar den Herstellern von Kosmetik-Produkten verboten, Mikroplastik zuzusetzen. Auch die schwedische Regierung hat reagiert: Ab dem 1. Juli dürfen Kosmetikprodukte, die Mikroplastik enthalten, nicht mehr verkauft werden.

Informationen unter: http://www4.lubw.baden-wuerttemberg.de