Am 30. August begann vor dem Ravensburger Schwurgericht der Prozess gegen einen 22-jährigen Mann aus Friedrichshafen. Der Tatvorwurf: Mit mehr als 40 Messerstichen, Schlägen und Tritten soll er in der Nacht zum 3. März dieses Jahres seine 16-jährige Ex-Freundin schwer verletzt haben, nachdem diese das Ende der Beziehung bekräftigt hatte. Der abgewiesene Liebhaber habe aus niedrigen Beweggründen und heimtückisch gehandelt. Also lautet die Anklage auf versuchten Mord und gefährliche Körperverletzung. Am kommenden Dienstag könnte das Urteil gesprochen werden. Dem Messerstecher droht eine lange Haftstrafe.

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Es sind erschreckende Details, die an den sieben Verhandlungstagen zur Sprache kamen. Als der Mann die Ex-Freundin in der Märznacht vor dem Häfler „Kulturclub Metropol“ entdeckte und in der folgenden Unterredung erneut hören musste, dass keine Chance auf eine Fortsetzung der Liebesbeziehung bestünde, entlud sich die Wut darüber in dem blutigen Gewaltausbruch. Nach der Tat soll er gesagt haben, „ich musste es tun“, berichtete die junge Frau als Zeugin im Prozess. In der schriftlichen Einlassung des Täters, vom Verteidiger verlesen, war zu hören, es sei das erste Mal gewesen, dass eine Frau mit ihm Schluss gemacht habe. Grund für die Trennung soll gewesen sein, dass sich die 16-Jährige zunehmend bevormundet und überwacht fühlte: „Ich sollte mich von anderen Jungs fernhalten und er bedrohte meine Freundin.“

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Dass sich der junge Mann zur Tatzeit in einer schwierigen Lebensphase befand, kam mehrfach zur Sprache. Eine Ausbildung zum Schlosser hatte er abgebrochen, den Job bei einer Zeitarbeitsfirma verloren. Weil er beim Schwarzfahren erwischt worden war, konnte er den Führerschein nicht machen. Auch die Krankheit der Mutter und häusliche Probleme sollen ihn belastet haben. Alkohol wurde zum ständigen Begleiter. Die Folgen kennt der Zürcher Gewaltforscher Dirk Baier aus zahlreichen Fallbeispielen: „Junge Männer mit geringer Selbstkontrolle und Empathie, die Alkohol und Drogen konsumieren, neigen zum Messertragen. Und wenn dann die Frauen den Mann verlassen wollen, versuchen sie die gefühlte Herabsetzung mit Gewalt zu verhindern.“

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Zu einer ähnlichen Schlussfolgerung kam auch die psychiatrische Sachverständige Roswita Hietel-Weniger. Sie erkannte weder eine eingeschränkte Schuldfähigkeit noch eine Tat im Affekt. Allein die als Kränkung empfundene Trennung sei Auslöser für die Messerattacke gewesen. Der Anwalt des Angeklagten, der Ravensburger Klaus Martin Rogg, hält diese Einschätzung für falsch. Er warf der Sachverständigen vor, sie besitze nicht die notwendige Sachkenntnis für so einen Fall und verwies unter anderem auf das sogenannte Korsakow-Syndrom, eine seelische Störung, die von dem russischen Arzt vor mehr als 100 Jahren bei chronischen Alkoholikern diagnostiziert wurde.

Verteidiger scheitert mit Vorstoß für zweites Gutachten

Was Rogg erreichen wollte: Sein Mandant sollte statt im Knast im Maßregelvollzug, sprich in einer Entziehungsanstalt untergebracht werden. Aber die fünfköpfige Schwurgerichtskammer lehnte einen neuen Gutachter ab. Und dann, sozusagen auf der Schlussrunde des Prozesses, meldete sich der Angeklagte erstmals selber zu Wort. Seine Vorwürfe gipfelten in den Sätzen, er verlange „ein professionelles Gutachten“, denn „es soll doch gerecht laufen hier“.

Täter zahlte 15.000 Euro Schmerzensgeld an sein Opfer

Im Rahmen des Täter-Opfer-Ausgleichs sind mittlerweile 15.000 Euro Schmerzensgeld geleistet worden – geliehen vom Bruder des Angeklagten. Ob das Gericht dies als Strafmilderung wertet, wird sich zeigen. Eine ausdrückliche Entschuldigung des Angeklagten hat die Ex-Freundin mehrfach zurückgewiesen.