Nackte Zahlen belegen es: Wir haben ein echtes Becherproblem. Nach Berechnungen der Deutschen Umwelthilfe werden deutschlandweit rund 2,8 Milliarden Coffee-to-Go-Becher pro Jahr verbraucht, allein im Bodenseekreis sind es 7,2 Millionen jährlich, 19 726 Wegwerfbecher täglich, die nach dem Genuss eines einzigen Kaffees im Müll landen. Die geschätzte Nutzungsdauer liegt bei 15 Minuten pro Becher. „In Form einer Kette könnte man mit der Jahresmenge drei Mal den Bodensee umrunden. Werden die Becher der Touristen hinzugezählt, wären es sogar mehr als vier Umrundungen“, erläutert Dorothea Hose-Groeneveld, Klimaschutzbeauftragte des Bodenseekreises, die Problematik.

Die Einwegbecher verschmutzen nicht nur öffentliche Plätze und Parks, sondern überlasten auch die öffentlichen Mülleimer. Von dort gelangen sie in die Müllverbrennung, denn zum Recyceln sind die Becher, die innen mit Plastik beschichtet sind, nicht geeignet. „Die jährliche Abfallmenge der Becher entspricht dem Jahresabfallaufkommen von etwa 170 Personen", erklärt Christiane Schübel-Bäumann vom Abfallwirtschaftsamt.

Pfandbecher Recup wird seit Anfang 2018 angeboten

Und deswegen machten sich die Verantwortlichen Gedanken, wie es auch anders gehen könnte. Seit Anfang 2018 gibt es nun eine Alternative, die mittlerweile von vielen Bäckereien und anderen Institutionen angeboten wird. Der Pfandbecher „Recup“. Ein Mehrwegbecher, der gegen einen Euro Pfand bei den teilnehmenden Partnern ausgegeben wird, der umweltfreundlich und vor allem nachhaltig ist. Wer sich seinen Kaffee im Recup-Becher geben lässt, kann ihn entweder wieder auffüllen lassen oder zurückgeben und das Pfand zurückbekommen. Becher, die wieder abgegeben werden, werden gespült und danach wieder ausgegeben.

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Die Filialen von Webers Backstube in Friedrichshafen stiegen von Anfang an mit ein. „Wir wollten schon lange Mehrwegbecher anbieten. Ich finde grundsätzlich, dass sich die Denkweise ändern muss. Wir alle sollten uns bewusst machen, was wir an Müll produzieren“, sagt Blandina Knitz, bei Webers Backstuben für Personal und Marketing verantwortlich. Seit der Einführung des Mehrweg-Bechers wurden bereits 500 Stück verkauft. „Besonders gut läuft es dort, wo viele junge Menschen unterwegs sind: Am Bahnhof oder am Flughafen“, erzählt Knitz. Sie fände es gut, wenn sich noch mehr Menschen für Recup statt des normalen Papp-Wegwerf-Bechers entscheiden würden. „Bei manchen Kundengruppen funktioniert das leider noch nicht so gut“, erzählt Knitz lächelnd. Aber es sei ja noch viel Luft nach oben.

„Wir wollten schon lange Mehrwegbecher anbieten. Ich finde grundsätzlich, dass sich die Denkweise ändern muss. Wir alle sollten uns bewusst machen, was wir an Müll produzieren“, sagt Blandina Knitz, bei Webers Backstuben für Personal und Marketing verantwortlich.
„Wir wollten schon lange Mehrwegbecher anbieten. Ich finde grundsätzlich, dass sich die Denkweise ändern muss. Wir alle sollten uns bewusst machen, was wir an Müll produzieren“, sagt Blandina Knitz, bei Webers Backstuben für Personal und Marketing verantwortlich. | Bild: Mommsen, Kerstin

Auf die Frage, ob es im Landkreis Sigmaringen ein mit Recup vergleichbares Projekt oder damit vergleichbare Überlegungen gibt, heißt es seitens der Kreisverwaltung in Sigmaringen: “Innerhalb des Landkreises Sigmaringen gibt es vereinzelt gleichartige Projekte, die allerdings auf kommunaler Ebene oder auf privater Initiative laufen.“ Die im Bodenseekreis angelegte Aktion in Zusammenarbeit mit der Firma „Recup“ greife hier sicherlich weiter. Dennoch würden beide Modelle einen positiven Beitrag zum Umweltschutz beitragen, teilt das Landratsamt mit.

Josef Baader, Leiter der Landbäckerei Baader in Frickingen, ist sehr zufrieden mit dem Recup-System. Er sei anfangs etwas skeptisch gegenüber der Firma Recup gewesen und habe gehofft, dass das System funktioniere. Nachdem Baader sich aber über das bundesweit agierende Start-Up informierte hat, sei er aber inzwischen „voll überzeugt“. Auch in all seinen Filialen hat Baader den Mehrweg-Becher eingeführt.

Josef Baader, Leiter der Landbäckerei Baader in Frickingen, ist sehr zufrieden mit dem Recup-System.
Josef Baader, Leiter der Landbäckerei Baader in Frickingen, ist sehr zufrieden mit dem Recup-System. | Bild: Andreas Strobel

Die Kunden, die bei ihm ihre Becher füllen lassen, seien hauptsächlich Arbeiter und andere Berufstätige. „Vermutlich wegen der Urlaubszeit“ stagnierten die Zahlen deshalb seit Kurzem etwas. Insgesamt habe es in den Filialen Baaders seit April circa 13 000 Refills gegeben, was ihn selbst überraschte. „Bei den Kunden kommt das System grundsätzlich gut an", sagt Baader. Interessant findet er, was er von einem Kollegen aus Norddeutschland gehört hat: Das dortige Pfandsystem beinhaltet auch Salat- und Müslischalen. „Ich denke, in die Richtung könnte sich Recup sich weiter entwickeln.“

Die Recup-Becher sind regional mit unterschiedlichen Motiven bedruckt. Gemeinsam mit dem Landkreis Konstanz hatte das Landratsamt Bodenseekreis den „Bodensee-Recup“-Becher drucken lassen. „Insgesamt sind mittlerweile 20 000 davon im Umlauf“, so Robert Schwarz, Pressesprecher des Bodenseekreises. Auch im Landkreis Konstanz wurde der Mehrweg-Becher erfolgreich eingeführt.

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Jede Firma, die an dem System teilnimmt, bezahlt einen Euro pro Tag an die Firma Recup – ein überaus erfolgreiches Start-Up aus München. Die Idee für ein Pfandsystem hatten Fabian Pachaly und Florian Eckert während ihres Studiums. 2016 gründeten sie eine Firma und starteten zunächst mit 26 Testpartnern in Rosenheim. Mittlerweile gibt es Recup in ganz Deutschland, etwa in Berlin, Hamburg oder Wolfsburg – insgesamt an 1518 Standorten. Die Vision: „Wir wollen das Coffee-to-Go Geschäft revolutionieren und den Kaffee im Einwegbecher für immer von der Bildfläche verschwinden lassen“, so Geschäftsfüher Florian Eckert.

Recup nimmt auch Becher zurück, wenn Bäckereien zu viele bestellt haben. „Das ist wirklich ein sehr praktischer Vorteil – wir bekommen dann auch unser Geld zurück“, erzählt Blandina Knitz von Weber’s Backstube. So bleiben die Anbieter jederzeit flexibel.

„Die Resonanz ist bisher sehr gut“, sagt Dorothea Hose-Groeneveld, Klimaschutzbeauftragte des Bodenseekreises. Und mit jedem Becher, der im Umlauf ist, sinkt der Anteil des Mülls – eine Win-Win-Situation für alle und vor allem für die Umwelt. Denn nicht jeder herkömmliche Coffee-to-Go-Becher landet im Mülleimer, viele werden achtlos auf den Boden geworfen und landen im Gebüsch oder am Straßenrand.

Immer mehr Institutionen entscheiden sich für das System. Die Elektronikschule in Tettnang hat bereits umgestellt, das Berufsschulzentrum in Friedrichshafen plant die Einführung in diesem Jahr. Die Stiftung Liebenau bietet seit wenigen Wochen den Umstieg auf den Recup-Becher in der Kantine. Über 14 000 Einwegbecher wurden dort bisher pro Jahr verbraucht. „Wir freuen uns, dass wir nun einen nicht unerheblichen Beitrag zur Müllvermeidung und Ressourcenschonung leisten können“, meint Rebecca Langer, Betriebsleiterin des Bereichs Catering in der Liebenau Service GmbH. Bereits im ersten Monat wurden fast 400 Recup-Becher ausgegeben. Auch auf den Bodensee-Fähren gibt es die saubere Alternative zum Pappbecher.

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Die Klimaschutzmanagerin des Bodenseekreises sieht aber weiteres Potenzial: „Es wäre schön, wenn Mehrweg-Systeme auch in den Schulen und in den Firmen eingeführt werden würden“, so Dorothea Hose-Groeneveld. Gerade erst hat ihre Kollegin Schübel-Bäumann die Tankstellen des Landkreises angeschrieben. „Wir können natürlich niemandem etwas vorschreiben. Aber wir wollen einen Anstoß geben, damit sich etwas ändert“, so die Abfallberaterin. Der Anfang ist gemacht. Mit jedem dieser Mehrweg-Becher wird der Müllberg etwas kleiner.

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