Der Tontechniker tanzt. Wann erlebt man das schon mal! Allerdings ist Johan Heyden nicht irgendein Tontechniker. Seit 20 Jahren begleitet er Max Mutzke zu jedem Auftritt. „Es ist schön, wenn man so lange für etwas arbeitet und das Früchte trägt“, sagt er. "Ich beklage mich nie!“

Und auch sonst beklagt sich im ausverkauften großen Zelt niemand. Auf der Setliste an Heydens Mischpult stehen gerade mal 15 Lieder. Mehr werden es auch nicht, aber im Ganzen dauert das Konzert trotzdem satte zweieinhalb Stunden, ohne eine Pause. Zweieinhalb äußerst kraftvolle Stunden, wenn man mal von zwei eher schwergängigen Songs absieht: „You are all around me“ kennt man als groovige Ballade, aber Max singt sie ohne Band, nur zur grob grummelnden Gitarre von Heiko Fischer; das erinnert an „Let me in“ von REM, ohne aber diese Intensität zu erreichen. Auch „Hier bin ich Sohn“ klingt als Tonkonserve berührender. Man kann gerade bei diesen zwei Stücken aber auch nicht erwarten, dass Max eine „runde Show“ liefert: beide Lieder handeln vom Abschied von seiner inzwischen verstorbenen Mutter.

Sonst aber ist dieses Konzert ein einziges Fest. Das galt zwar auch schon für Max Mutzkes ersten Kulturufer-Auftritt vor drei Jahren, aber seine Bandbreite auf der Bühne ist seither breiter geworden. Max, der Soul-Crooner mit viel Funk im Blut, hat stellenweise zum satten Pop gefunden. Das zeigt gleich die erste Nummer, „Praise the day“ vom neuen Album „Max“. Allerdings reibt man sich auch hier die Ohren: diese Durchstarter-Wucht hat Max mit seinen Jungs für die Bühne deutlich verschärft. Und mit „Welt hinter Glas“ gelingt ihm ein lässiger Sommerhit im Wartestand, bei dem die Seele die Scheiben runterkurbelt und Meeresluft wittert.

Aber war hier gerade von „Crooner“ die Rede? Das trifft Max Mutzke nur zur Hälfte. Crooner sind entspannte Halbkraftsänger, die den Groove im kleinen Zeh belassen. Max kann das, er macht aber auch das genaue Gegenteil: Metallisch scharf röhrt er ins Mikro, hält einen einzigen Ton dabei eine halbe Minute lang. Entfesselte Momente, in denen die Glückshormone aufploppen wie bei den legendären Konzerten von Bill Withers in den 70er-Jahren.

Je länger der Abend wird, desto mehr wagt sich der 35-jährige Waldshut-Tiengener in seinen Ansagen aus der Deckung und punktet mit einem sympathisch losen Mundwerk. Zum Beispiel, was Baden-Baden angeht. Diese Playmobilstadt ohne Kinder mit dem sauberen Rasen im Park und den Zäunchen an den Wegrändern, damit auch niemand den sauberen Rasen betritt. Ist aber eigentlich nur konsequent, findet Max. Wenn es keine Kinder gibt, für wen soll man dann den Rasen auch freigeben? Und all die Rollatoren schaffen‘s eh nicht übers Zäunchen.

Es wurde schon angerissen, dass Max seine Sogs mit Maik Schott (Keyboards), Danny Samar (Bass), Heiko Fischer (Gitarre) und Tobias Heldt (Schlagzeug) nicht einfach nur so runterspielt. Seinen bekanntesten und frühesten Hits verpasst er eine Runderneuerung: Der Schlafzimmergroove der Beischlaf-Ballade „Schwarz auf weiß“ kommt in den Turbobeschleuniger. Sex souls, kann man da nur sagen, wenn Max und die Band knackigen Funk fabrizieren. Schade nur, dass der Refrain in lässigem Reggae verplätschert. Auch „Can‘t wait until tonight“ streift auf diese Weise die sehnsuchtsvolle Romantik ab und kommt heftig auf den Punkt. Unterm Strich ist es mit diesen Schmuseliedern ja so: „Zwischen Jungen und Mädchen besteht ein cooler Unterschied, wo sich‘s lohnt, genauer hinzugucken.“

Wenn der heutige Pastor und größte Soulsänger der 70er-Jahre, Al Green, mal seine Kirchengemeinde in Memphis abgibt, könnte Mutzke sein Nachfolger werden: Immer wieder schweifen seine Lieder in wilde und mitreißende Sessions aus, in denen Funk und Soul sich mit der Stimmung eines Gospelgottesdienstes verbinden. Aus einem Drei-Minuten-Song macht Max einen Zehnminüter, er fordert das Publikum zu Chören heraus und dirigiert sie, darunter meist der James Brown-Groove seiner Band. Gegen Ende meint man dann, der Höhepunkt sei überschritten, jetzt kommt nichts mehr – aber was macht Max? Er liefert sich ein aufreibendes Duell mit Maik Schott: Stimme gegen Keyboard. Furiose Minuten, in denen Max die unmöglichsten Gesangskapriolen vorgibt, die Schott im Hammondorgel-Modus nachspielt – grummelnd, brodelnd und fauchend.

Dann ist das Feuerwerk aber wirklich abgefackelt und es fehlt nur noch die ganz große Geste. Max liefert sie, mit seinem Song „Not right“. Die auf dem „Black Forest“-Album eher belanglose Nummer wird völlig umgebaut und dadurch zur hymnischen Ballade, die alle im großen Zelt noch mal intensiv umarmt. Tschüss, Max! Und: Auf Wiedersehen!