Dorothy und Toto sind fast vorbei, da ruft die Vogelscheuche: „Guten Tag!“ – „Du kannst sprechen?“, wundert sich das Mädchen. „Ja, aber ich habe keinen Verstand! Nur Stroh im Kopf“, antwortet der Strohmann. „Wie kannst du denn ohne Verstand reden?“ – „Das weiß ich nicht, aber viele Leute reden ja auch ohne Verstand.“ Dorothy und Toto befreien die Vogelscheuche, die gleich zusammensackt. Zusammen machen sie sich auf den Weg zum Zauberer von Oz.

Die Ludwig-Dürr-Schule bringt zur Eröffnung des Seehasenfests den „Zauberer von Oz“ auf die Bühne. Zu Beginn schmettert der Chor text- und tonsicher voll Elan: „Wir nehmen euch mit nach Kansas, mitten in die Prärie, da gibt es große Büffelherden, der Missouri fließt dahin.“ Dort lebt Dorothy (Kimberley Brandt) mit Onkel Henry (Timo Rueff), Tante Em (Laris Emaeil) und dem Hund Toto (Nazanin Babouli) – bis ein gewaltiger Sturm sie ins Land Oz bläst. Aus Versehen landet ihr Haus todbringend auf der bösen Osthexe. Dafür sind die knallblauen Munchkins sehr dankbar. Dorothy will aber wieder nach Hause, nach Kansas, zu Onkel und Tante. Die Munchkins, die meist im Chor sprechen und sich synchron bewegen, haben die Idee: „Geh zum Zauberer von Oz!“

Der Kuss der guten Nordhexe (Ema Lekovic) und die Zauberschuhe der Osthexe sollen helfen. Zudem verleiht Kimberley Brandt ihrer Dorothy so viel Optimismus und Freundlichkeit, dass ihr bis auf die böse Westhexe niemand widerstehen kann. Toto (Nazanin Babouli) tollt an ihrer Seite herum, mit hellem Bellen, viel Charme und Augenaufschlag. Nach der Vogelscheuche begegnen sie einem Blechmann, der sich ein Herz wünscht, und einem feigen Löwen, der gern mutig wäre.

Dorothy und Toto haben Angst, nie mehr nach Hause zu kommen. Ihre Freunde versuchen zu trösten: (von links) Adel Nol, Nazarin Babouli, Kimberley Brandt, Caroline Schönbucher, Marco Rueff.
Dorothy und Toto haben Angst, nie mehr nach Hause zu kommen. Ihre Freunde versuchen zu trösten: (von links) Adel Nol, Nazarin Babouli, Kimberley Brandt, Caroline Schönbucher, Marco Rueff. | Bild: Corinna Raupach
Die Begegnung von Vogelscheuche (Adel Nol) und Dorothy (Kimberley Brandt) wird zum Beginn einer tiefen Freundschaft.
Die Begegnung von Vogelscheuche (Adel Nol) und Dorothy (Kimberley Brandt) wird zum Beginn einer tiefen Freundschaft. | Bild: Corinna Raupach

Auf ihrer gemeinsamen Reise wachsen sie über sich hinaus: Anfangs muss sich die Vogelscheuche (Adel Nol) stets an den Kopf fassen, wenn sie überlegt. Später hat sie die Idee, wie der Löwe zu retten ist. „Dafür, dass du nur Stroh im Kopf hast, bist du aber ganz schön schlau“, kommentiert der Blechmann (Marco Rueff). Der bewegt seine Glieder zunächst langsam mit schaurigem Kreischen und spricht leise. Je lieber er seine Freunde gewinnt, desto fließender werden Gang und Sprache. Und endlich – hörbar bis in die letzte Reihe – klopft auch sein Herz. Nervös und zart besaitet zuckt der Löwe (Caroline Schönbucher) vor allem zurück, er erschrickt sogar vor Feldmäusen. Aber als die Affen seine Freunde entführen, geht er auf sie los – wie ein Löwe. Nur die fiese Westhexe (Tamara Limberger) bleibt ihr dämonisches Selbst. Sie garniert die Aufführung mit Kraftausdrücken wie „alte, bucklige Brotspinne“, „Kröten-Dreck und Schneckenschleim“ und „eitriger Kürbiszahn“. Doch ihre Versuche scheitern, Dorothy aufzuhalten.

Die Schule hat ausdrucksstarke und poetische Bilder gefunden für diese Geschichte: Als der Sturm Dorothy und Toto nach Oz weht, zucken Blitze durch das GZH, es donnert und heult von Cajons und Gummischläuchen, Kinder wirbeln mit blaugrünen Bändern über die Bühne. Schwarzgeflügelte Raben umkreisen die Vogelscheuche, während Trompeten krächzen. Zu sanften Flötentönen wiegt sich ein Mohnfeld aus roten Schirmen.

Die dritten Klassen tanzen den Mohnblumentanz.
Die dritten Klassen tanzen den Mohnblumentanz. | Bild: Corinna Raupach
Die Mäusekönigin (Esmanur Yasar) hat ihre Feldmäuse fest im Griff.
Die Mäusekönigin (Esmanur Yasar) hat ihre Feldmäuse fest im Griff. | Bild: Corinna Raupach

Die Kulisse dahinter ist schlicht und wirkungsvoll: Auf Drehelementen sind Wald, Feld und Fels aufgemalt, je nach Beleuchtung reicht das für Kansas, Oz, Zaubererpalast oder Hexenhaus. Für die smaragdene Stadt übernimmt die leuchtend grün ausstaffierte Zirkus-AG: Akrobaten hängen kopfüber vom Seil und zeigen Kunststücke im Ring, auf Bällen oder mit Diabolos. Im Saal kreisen Kunst- und Einräder, zwischen den Reihen jonglieren Artisten Stöcke, Teller und Tücher, klettern aufeinander und balancieren auf Rollen.

Lehrerin Selma Öngel-Chryssowergis hat das Kinderbuch von Lyman Frank Braun als Musical umgeschrieben, ihre ehemalige Kollegin Henrika Singer komponierte die Musik dazu. In eingängigen Melodien erzählen die Lieder die Geschichten weiter, charakterisieren Figuren oder sorgen für Lacher, wie der Mäuse-Rap: „Stellt euch nicht an! Wir brauchen nur ne Idee! Kein Problem für unsere Mäusearmee!“ Bei „Ein Hoch, ein Hoch auf unsere Dorothy!“ tanzt nicht nur die Affenbande, auch im Publikum wippen Füße. Zum ersten Mal begleitet das Stadtorchester in kleiner Besetzung ein Seehasenmusical. Aufmerksam und zurückhaltend reagiert Leiter Pietro Sarno auf Gesang und Tanz, seine Musiker lassen stets den Kindern den Vortritt.

„Ohne euch hätte ich nie echte Freundschaft erfahren“, sagt Dorothy am Schluss. Denn dieses Seehasenmusical ist vor allem eins: eine bunte, einfühlsame und bildreiche Lobrede auf die Freundschaft. Unterschiedliche Wesen können aneinanderwachsen, einander beistehen und gemeinsam mehr schaffen als jeder für sich. Gegen echte Freunde haben Bosheit und Intrige keine Chance. Es ist kein Wunder, dass die Westhexe angewidert zischt: „Freunde – pfui Teufel! Ich spuck gleich grüne Galle!“

"Zusammen, zusammen sind wir stark", wiederholt Oberbürgermeister Andreas Brand das Motto des Stücks, als er sich am Ende bei allen Beteiligten bedankt: "Das war eine großartige, eine wundervolle Leistung von jedem und jeder von euch!" Nachdem er acht Mal den Ehrenhasenklee an die Verantwortlichen verteilt hat, erklärt er das Seehasenfest 2017 für eröffnet.

Weitere Aufführungen am Freitag, 14. Juli, und am Sonntag, 16. Juli, jeweils um 18 Uhr im GZH.