Leuchtend rot glitzern die Zauberschuhe der toten Osthexe. Als Dorothy sie anprobiert, reißen die Schuhe sie sofort weg, sie hüpft und taumelt, stolpert und fällt beinahe hin. Aber dann bekommt sie Übung und beginnt sogar zu tanzen. Danach läuft Darstellerin Melanie Gashi in den eleganten Pumps durch die Aula, als hätte sie nie etwas anderes an den Fußen getragen.

Die Ludwig-Dürr-Schule probt für das Seehasenmusical "Der Zauberer von Oz", mit dem am kommenden Donnerstag das Seehasenfest eröffnet wird. "Ich habe das Buch meinem Sohn vorgelesen und gleich die Bilder für ein Theaterstück vor mir gesehen", sagt Selma Öngel-Chryssowergis, Leiterin der Theater-AG und des Gesamtprojekts. Vor ihrem inneren Auge erschienen Schulklassen mit Mäuseohren, knallblauen Munchkin-Anzügen oder Rabenflügeln. In ihrem Sabbatjahr schrieb sie die Geschichte von Dorothys Abenteuern im Land Oz um, seit den Sommerferien probt sie. "Ich wusste, dass in den neunten Klassen einige Schüler gern Theater spielen, die waren auch gleich dabei." Sechs Wochen probierte die Theater-AG herum, dann war klar, wer mitmacht und welche Rolle übernimmt.

"Ich habe noch nie Theater gespielt. Bei einer Schulaufführung habe ich mir gedacht, das will ich ausprobieren. Und es hat so viel Spaß gemacht!", sagt Ema Lekovic. Sie darf als gute Hexe des Nordens Dorothy begrüßen, gleich nachdem ein Sturm sie aus Kansas hergeweht hat. Chantal Jenter erschrickt als feiger Löwe sogar vor Mäusen. "Ich liebe es, Theater zu spielen", sagt sie. Der Löwe war eine besondere Herausforderung: "Der hat ja ein ganz besonderes Gangverhalten. Ich musste mich auch mental umstellen. Eigentlich bin ich gar nicht so, ich bin eher fröhlich und gehe auf Leute zu."

Außer den Schauspielern hat der Chor eine wichtige Rolle: "Auf, ihr Leute, kommt nach Kansas, mitten in die Prärie, auf der Farm von Onkel Henry wart ihr sicherlich noch nie", singen sie klar und voller Begeisterung. Mit ihrem wiederholten "Zusammen sind wir stark, zusammen macht alles viel mehr Spaß, setzen" sie das Thema des Stücks in Szene. Die Lieder hat die ehemalige Musiklehrerin der Schule, Henrika Singer, geschrieben und arrangiert. Im GZH wird das Stadtorchester den Chor begleiten, eine Premiere für Seehasenfest und Orchester – und "ein Geschenk des Himmels für die Schule", sagt Öngel-Chryssowergis.

Den Soundtrack für die Szenen liefert die schuleigene Cajon-AG: Trommelnd und raschelnd geben sie den Sturm, schaurig kreischt eine Geige, als der Blechmann seine rostigen Glieder bewegt, klappernd fallen Klanghölzer beim Auftritt des Löwen auf den Boden. Die Tanz-AG gibt gefährlich geschmeidige Katzen, die dritten Klassen lassen mit roten Schirmen Mohnblumen wachsen. In einer eigenen Szene bringt die Zirkus-AG 63 Artisten auf Stelzen, Einrädern oder mit Diabolos auf die Bühne. Stockkämpfer aus der 7. Klasse bilden die Mauer der smaragdenen Stadt.

280 Kinder und Jugendliche machen mit, von der ersten bis zur zehnten Klasse. Jede Rolle ist zweimal besetzt. Auch die Vorbereitungsklassen sind dabei – die Klassen aus Kindern, die erst einmal deutsch lernen müssen, ehe sie auf die Regelschulen der Stadt verteilt werden. Flüchtlingskinder sind darin oder Kinder von EU-Bürgern, die in Friedrichshafen arbeiten. "Theaterspielen ist auch ein Stück Integration", sagt Konrektor Robert Ackermann. "Sogar bei einigen Sprechrollen ist das Deutsch noch nicht lupenrein, aber das nehmen wir gern in Kauf." Vogelscheuche Lazlo Nagy etwa ist erst seit zwei Jahren in Deutschland. Die Sehnsucht des Strohmanns nach Verstand vertritt er so überzeugend, dass sein leichter Akzent wie eine gewollte Pointe wirkt. Eine weitere Hauptrolle braucht keine Worte: Dorothys Hund Toto alias Nazanin Babouli ist ununterbrochen auf der Bühne, muss aber nur bellen.

In der ersten Durchlaufprobe in der Aula ist manches improvisiert. "Habt ihr keine Ohren?", fragt Öngel-Chryssowergis die Mäuse. "Heute nicht", antworten die. Weil nicht alle Sänger in die Aula-Ecke passen, ist der Chor unvollständig. Die böse Hexe des Westens steht mit ihrer Kristallkugel am Rand, nicht auf einer Extra-Bühne. Aber ihr gehässiges Lachen hat Tamara Limberger drauf, ebenso wie hochnäsiges Schulterzucken und wütendes Kreischen: "Ich will diese Schuhe!"