Im Kiesel in Friedrichshafen empfangen Louise (Sibylle Mumenthaler) und Thelma (Emilia Haag) die Theatergäste mit frisch aufgebrühtem Filterkaffee. „Käffchen?“, bieten sie in Blümchentassen an und überraschen ihr Publikum gleich bei der Einnahme der Sitzplätze mit gelben Haftnotizen und Zitaten zum Thema Männlichkeit. „Männlichkeit ist allgegenwärtig – Katrin“, „Männlichkeit ist von der Gesellschaft abhängig – Matthias“, „Männlichkeit ist manchmal ein Einhorn, manchmal ein Gorilla – Stefan“. Da darf auch der zweistimmig gesungene Grönemeyer-Hit „Männer“ nicht fehlen.

Nach dieser freundlichen Überrumpelung richten sich die Erwartungen des Publikums gespannt auf die Bühne. Dort steht ein Holztisch mit einer Vielzahl von Requisiten, die im Verlauf des Stücks noch ergänzt werden: Sonnenbrillen, Telefon, Hupe, Blaulicht, eine Holzrassel mit Glöckchen, ein Mini-Spielzeugauto, ein kleiner Tischventilator, gekoppelt mit einem größeren Ventilator auf dem Boden. Außerdem sind ein Wandtelefon, ein Pinup-Kalender, Baseballcaps und Perücken zu sehen.

Eine Fanfare ertönt und die beiden Schauspielerinnen nehmen ihre Plätze hinter dem Tisch ein, werden durch Perücken zu Louise und Thelma, gleichermaßen bekannt aus dem vielfach ausgezeichneten US-amerikanischen Roadmovie „Thelma & Louise“ von 1991. Unter dem Titel „Louise + Thelma – Zwei Frauen gegen den Rest der Welt“ zeigt das schweizerische Mesh-Theater seine Coverversion als Livefilmhörspiel. Was sie darunter verstehen, passt in keine Schublade, ist höchst unterhaltsam, spielt mit rasanten Rollenwechseln durch minimale Kostümveränderungen und amüsiert durch genialen Requisiteneinsatz.

Louise (links: Sibylle Mumenthaler) und Thelma (Emilia Haag) verabreden sich zum Roadtrip
Louise (links: Sibylle Mumenthaler) und Thelma (Emilia Haag) verabreden sich zum Roadtrip

Der als Wochenendausflug in die Berge geplante Roadtrip der beiden Freundinnen beschert Begegnungen mit allen im Film auftauchenden Figuren. Thelmas Kotzbrocken-Ehemann Darryl ist am aufgeklebten Schnauzer zu erkennen, Jimmy, Louises Lover aus der Vergangenheit, an der lässig im Mundwinkel pendelnden Zigarette. J. D., alias Brad Pitt, verführt mit Cowboyhut und gepflegten Lügen die leichtgläubige Thelma zum akustischen Orgasmus – qualitativ auf gleicher Höhe wie Meg Ryans berühmte Fake-Szene aus „Harry und Sally.“ Erschreckend grandios, weil zugleich zum Lachen und zum Grausen animierend, ist die Darstellung des obszön züngelnden Lastwagen-Fahrers einzig mittels umgekehrt aufgesetzter Baseballcap und Mimik. Übrigens die gleiche Kopfbedeckung, die der erschossene Vergewaltiger Harlan getragen hat. Der Mord in Notwehr wird zur Initialzündung einer Kettenreaktion, der Ausflug im Ford-Thunderbird-Cabrio wird zur Flucht und Verfolgungsjagd nach Mexiko und endet bekanntermaßen in einem letzten Aufbäumen, „ich geb nicht auf, die sollen uns nicht kriegen“, mit dem Fuß auf dem Gaspedal in den Freitod.

Die beiden Schauspielerinnen bringen nicht nur den Film als Zweifrauenstück auf die Bühne; gleichzeitig könnte die Inszenierung eine Hörspielaufnahme sein. Farbig markierte Textblätter, Ventilatoren, die Motorengeräusche suggerieren, eine Spielzeugrennbahn mit Aufziehauto unter dem Tisch und die mit viel Körpereinsatz verbundenen Werbeunterbrechungen machen daraus ein einzigartiges, bewegtes Multi-Theaterkunstwerk. Da werden Jingles wie „Ich will so bleiben, wie ich bin“ geträllert und dazu gibt’s Bier, Cola und Apfelsaftschorle fürs Publikum zu kaufen. Das überwiegend weibliche Publikum – wen wundert’s, schließlich ging’s ums Patriarchat – genoss die abwechslungsreiche, amüsante Performance.