Ravensburg/Friedrichshafen – Die Fünfte Kleine Berufungskammer des Landgerichts Ravensburg unter Vorsitz von Richterin Kathrin Fischer-Dankworth verhandelt derzeit die Berufung eines mutmaßlichen Logistikers einer Falsche-Polizisten-Bande. Der 28-Jährige aus Bremen war im März vom Schöffengericht des Amtsgerichts Tettnang wegen versuchten gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs zu drei Jahren und fünf Monaten Freiheitsstrafe verurteilt worden.

Geldabholung von Bremen aus koordiniert

Ihm wird vorgeworfen, im Auftrag einer internationalen Bande von einer Shisha-Bar in Bremen aus die Geldabholung bei einer damals 94-jährigen Frau aus Friedrichshafen organisiert zu haben. Sie sollte von der Bande um 100 000 Euro betrogen werden. Die beiden Abholer fuhren jedoch in eine Polizeifalle und wurden am 20. Juni 2017 zwischen Kressbronn und Lindau festgenommen.

24-jähriger Fahrer soll 28-Jährigen zu Unrecht belastet haben

In dem Prozess ging es am Dienstag, dem inzwischen fünften Verhandlungstag, erneut um die Frage, ob der Hauptbelastungszeuge, der 24-jährige Fahrer bei der Abholung, den Angeklagten zu Unrecht belastet hat, um selber nach einem Angebot der Staatsanwaltschaft mit einer Bewährungsstrafe davonzukommen. Der 24-Jährige hatte in seiner ersten Vernehmung durch die Polizei seinen 31-jährigen Mitfahrer belastet, der das vermeintliche Geldbündel am Wohnort der alten Frau einsammelte. In Wirklichkeit war in dem Paket von der Polizei präpariertes Falschgeld, was der 31-Jährige auch schnell feststellte und das Paket aus dem Autofenster warf.

Polizist sagt über hierarchische Strukturen derartiger Banden aus

Das verwunderte damals die Polizei, denn üblicherweise sind die Falsche-Polizisten-Banden streng hierarchisch organisiert, berichtete ein Polizeibeamter bereits beim Prozess in Tettnang als Zeuge. Der Kopf der Bande soll in der Türkei sitzen. Von dort werden Menschen unter vorgetäuschten deutschen Telefonnummern von Unbekannten angerufen, die sich als Polizeibeamte ausgeben. Ein Logistiker in Deutschland organisiert dann die Abholung und die Abholer fahren zum Wohnort der Betrogenen und holen Geld, Schmuck oder Edelmetall ab. Normalerweise dürfen sie diese Pakete nicht öffnen, manchmal sollen sie sogar ahnungslos sein, was sie da machen.

Verteidiger kritisiert Haftaussetzung gegen Belastungszeugen

Verteidiger Stephan Weinert wollte am Dienstag die Motivation des 24-Jährigen für die Belastung seines Mandanten auch daran festmachte, dass als "Belohnung für die Drittbelastung" der Haftbefehl Mitte Juli ausgesetzt worden sei. Darüber hatte als Ermittlungsrichter Martin Hussels-Eichhorn zu entscheiden, stellvertretender Direktor des Amtsgerichts Tettnang. Dieser setzte Mitte Juli 2017 den Haftbefehl aus und ordnete wegen der Fluchtgefahr eine tägliche Meldung bei der Polizei in Bremen an, aber erst ab Ende Juli. Dazwischen machte der 24-Jährige laut Weinert zwei Tage in Frankfurt und dann zwei Wochen in der Türkei Urlaub.

Ermittlungsrichter sagt im Berufungsprozess aus

Hussels-Eichhorn konnte sich in seiner Befragung im aktuellen Prozess wegen der Vielzahl der Fälle, mit denen er befasst war, und weil er nur kurz für den damaligen Haftbefehl zuständig war, nicht mehr an die Gründe für diese Aussetzung des Haftbefehls erinnern. So eine Regelung sei doch "totaler Quark", meinte Verteidiger Stephan Weinert.

Sachverständige sieht mögliche Drogen- und Spielsucht

Im Gegensatz zum Prozess vor dem Schöffengericht in Tettnang brachte Weinert eine Drogen- und Spielsucht seines Mandanten ins Spiel. Ein Bruder des Angeklagten bestätigte diese. Die Sachverständige Kerstin Schwarz vom Zentrum für Psychiatrie Die Weissenau (ZfP) erläuterte nach dem Gehörten sowie nach Gesprächen mit dem Angeklagten, dass eine Kokainabhängigkeit, Alkoholmissbrauch und Spielsucht schlüssig in die schwierige Biografie des Angeklagten passten. Wegen einer Kokainsucht könnte eine Unterbringung in einer Entziehungsanstalt in Frage kommen.

Der Prozess wird am Dienstag, 28. August, fortgesetzt.